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„Danke allen, die mein Leid geteilt haben“

Die Staatsanwaltschaft im italienischen Perugia will nach dem Freispruch von Amanda Knox im Mordfall Meredith Kercher vor das Höchsgericht ziehen. „Wir werden berufen“, kündigte Staatsanwalt Giuliano Mignini am Dienstag telefonisch gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters an. „Das Höchstgericht wird entscheiden, ob es das Urteil erster Instanz oder jenes des Berufungsgerichts bestätigt.“

Gemäß italienischem Recht kann die Staatsanwaltschaft formal keine Berufung anmelden, solange das Gericht die Urteilsbegründung nicht veröffentlicht hat. Es wird erwartet, dass das mehrere Monate dauern wird. Die Ausreise von Knox kann Mignini mit seiner Ankündigung nicht verhindern.

Knox, die in erster Instanz verurteilt worden war, ihre britische Mitbewohnerin Kercher grausam ermordet zu haben, und am Montag von dem Vorwurf freigesprochen wurde, dankte am Dienstag allen Italienern, die sie in den fast vier Jahren Haft unterstützt hätten. In einem Brief bedankte sich Knox bei all jenen, „die mein Leid geteilt haben und mir halfen, mit Hoffnung zu überleben“. All jenen danke sie, „die für mich schrieben, die mich verteidigten, die mir nahe waren, die für mich beteten. Ich liebe euch, Amanda.“

„Alptraum zu Ende“

Nach der spektakulären Wende Montagabend war Knox in Tränen der Erleichterung und Freude ausgebrochen. Für sie sei nun „ein Alptraum zu Ende“, sagte ihre Schwester Deanna. „Sie hat vier Jahre lang für ein Verbrechen gelitten, das sie nicht begangen hat“, so Deanna Knox. Die Angeklagte selbst hatte zum Abschluss des Prozesses unter Tränen betont: „Ich habe niemanden umgebracht, vergewaltigt oder bestohlen. Ich war überhaupt nicht da.“ Nach dem Freispruch brach die 24-Jährige in unkontrolliertes Schluchzen aus, auch ihre Eltern weinten.

In erster Instanz war Knox noch wegen Mordes und sexueller Nötigung an ihrer britischen Mitbewohnerin Kercher zu 26 Jahren Haft verurteilt worden. Das Berufungsgericht sprach auch Knox’ Ex-Freund Raffaele Sollecito frei, der in erster Instanz zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war.

Tumulte vor Gerichtssaal

Vor dem Gerichtssaal spielten sich nach dem Urteilsspruch tumultartige Szenen ab. Für den Freispruch gab es Buhrufe und Jubel. Das Interesse an dem Prozess war enorm: Rund 400 Journalisten aus aller Welt waren angereist und hatten vor dem Gebäude ausgeharrt. Mehr als zehn Stunden berieten die zwei Richter und sechs Geschworenen, bevor sie das Urteil um etwa 22.00 Uhr verkündeten. Nach dem Freispruch wurde Knox zunächst noch einmal in das Gefängnis bei Perugia gebracht, in dem sie seit ihrer Festnahme im November 2007 inhaftiert gewesen war. Kurz vor Mitternacht wurde sie in einem schwarzen Mercedes davongefahren.

„Endlich mein Leben zurückbekommen“

Sollecito seinerseits wurde von seinem Vater im Gefängnis abgeholt, sie machten sich auf den Weg in ihre süditalienische Heimat. Er wolle als Allererstes das Meer wiedersehen. „Endlich habe ich mein Leben zurückbekommen“, sagte Sollecito. Ob er seine Ex-Freundin Amanda wiedersehen werde? „Vielleicht schon, doch jetzt will ich nur Zeit mit meiner Familie verbringen“, sagte er.

Rasche Rückkehr in die USA

Knox wollte nach Angaben einer Anwältin mit ihrer Familie möglichst rasch in die USA fliegen. Dienstagmittag hob das Flugzeug mit Knox an Bord dann ab. „Ich habe das Unerträgliche ertragen“, sagte die 24-Jährige nach Angaben von Corrado Maria Daclon, Generalsekretär einer amerikanisch-italienischen Stiftung, die sich in dem jahrelangen juristischen Tauziehen für Knox eingesetzt hatte.

Amanda Knox am Leonardo Da Vinci Flughafen in Rom

Reuters/ANSA/Telenews

Knox auf dem römischen Flughafen Fiumicino

Sie wolle „einfach nur nach Hause, sich wieder mit ihrer Familie vereinen, ihr Leben wieder in Besitz nehmen und ihre Fröhlichkeit zurückgewinnen“, sagte Daclon, der die 24-Jährige auf der Fahrt aus dem Gefängnis begleitete, nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA.

Die britischen Boulevardmedien stellten unmittelbar nach dem Freispruch Spekulationen an, wie Knox ihre Geschichte nun - etwa in Buchform und Exklusivinterviews - zu Geld machen werde. Das US-Außenministerium lobte unterdessen das italienische Rechtssystem: „Die USA erkennen die sorgsame Prüfung des Falles durch die italienische Justiz an“, sagte Außenamtssprecherin Victoria Nuland.

Familie will neuen Prozess

Die Familie des Opfers zeigte sich entsetzt von dem neuen Urteil und beklagte, dass das Opfer bei all den Schlagzeilen über den Prozess vergessen worden sei. Nachdem die Mutter von Kercher das Urteil im Gerichtssaal reglos und stumm aufgenommen hatte, erklärte die Familie später: „Wir respektieren das Urteil der Richter, begreifen aber nicht, wie es möglich ist, dass das erstinstanzliche Urteil auf diese Weise geändert wurde.“

Der Freispruch werfe neue Fragen auf. „Wir wissen, dass sich (der zu 16 Jahren Haft verurteilte Ivorer Rudy, Anm.) Guede nicht allein am Tatort befand. Wenn Amanda und Raffaele nicht bei ihm waren, muss man herausfinden, wer beim Mord dabei war“, so Lyle Kercher, der Bruder des Opfers. „Wir wollen nicht, dass Unschuldige im Gefängnis sitzen. Wir wollen aber, dass die Wahrheit ans Licht kommt“, sagte Merediths Schwester Stephanie. „Das Traurigste für uns ist zu wissen, dass der Mörder Merediths noch frei ist“, so Stephanie Kercher.

Prozess dauerte elf Monate

Wegen Verleumdung des kongolesischen Barmannes Patrick Lumumba, den Knox kurz nach ihrer Festnahme des Mordes beschuldigt hatte, wurde die US-Amerikanerin zu drei Jahren Haft verurteilt. Das Gericht bestätigte somit das erstinstanzliche Urteil. Die Haftstrafe von drei Jahren hat Knox aber bereits abgesessen.

Beide Angeklagten hatten ihre Unschuld betont. Das Pärchen war elf Monate wegen Vergewaltigung und Mordes an Kercher in der mittelitalienischen Universitätsstadt vor Gericht gestanden. Wegen desselben Verbrechens war 2008 bereits der Ivorer Rudy Guede in einem verkürzten Verfahren zu 30 Jahren Haft verurteilt worden, die später auf 16 Jahre reduziert wurden. Ihm wurde Mitschuld am Mord angelastet. Nach dem Freispruch von Knox und Sollecito könnten die Rechtsanwälte jetzt eine Wiederaufnahme von Guedes Prozess beantragen.

Zweifel an DNA-Tests

Kercher war Anfang November 2007 mit durchgeschnittener Kehle und Dutzenden Messerstichen übersät in dem Haus in Perugia gefunden worden, das die britische Austauschstudentin mit Knox bewohnte. Das Gericht erster Instanz hatte es als erwiesen angesehen, dass Knox und Sollecito die Britin unter Einfluss von Drogen und Alkohol getötet hatten, während ein ebenfalls berauschter Bekannter die Arme des Opfers festgehalten hatte.

In dem Berufungsverfahren äußerten unabhängige Experten ernsthafte Zweifel an den DNA-Tests, die zur Verurteilung von Knox und Sollecito geführt hatten. Der Freispruch sei keiner aus Mangel an Beweisen, unterstrichen italienische Medien. Vollkommener könne ein Freispruch nicht sein. Die Suche nach dem Schuldigen müsse damit von vorne beginnen, hieß es in Kommentaren.

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