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Lage seit Mubaraks Sturz verschärft

Bei einer Demonstration von koptischen Christen sind in der ägyptischen Hauptstadt Kairo laut Fernsehberichten zahlreiche Menschen, darunter auch drei Soldaten, getötet worden. Augenzeugen berichten von zahlreichen weiteren Verletzten. Tausende Kopten protestierten gegen Unterdrückung und die Brandstiftung einer Kirche in der Vorwoche.

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Mindestens 26 Menschen seien bei der Niederschlagung der Proteste durch das Militär getötet und mehr als 150 weitere verletzt worden, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Laut einem koptischen Priester starben allein fünf Demonstranten, als sie von einem Armeefahrzeug überfahren wurden. Weitere Opfer wiesen Schusswunden auf. Dem staatlichen Fernsehen zufolge wurden bei der Demonstration zudem vier Soldaten getötet und Dutzende weitere verletzt.

Auf ihrem Demonstrationszug quer durch die Stadt hatten die Kopten Kreuze geschwenkt und „Nieder mit dem Marschall“ Hussein Tantawi skandiert, dem Leiter des regierenden Militärrats. Kurz nachdem der Demonstrationszug das Gebäude des staatlichen Fernsehens erreicht hatte, kam es aus zunächst ungeklärter Ursache zu Zusammenstößen. Demonstranten warfen Steine auf Polizisten und Soldaten, die das Gebäude bewachten, und setzten Autos in Brand.

Schüsse auf Demonstranten

Die Sicherheitskräfte gaben Schüsse in die Luft ab, um die Menge auseinanderzutreiben. Die koptischen Demonstranten seien beschossen worden, als ihr Marsch den Platz vor dem Fernsehgebäude erreicht habe, berichteten Teilnehmer den Reportern der Webseite „almasryalyoum“.

Brennendes Fahrzeug

AP/Nasser Nasser

Die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften nahmen seit Mubaraks Sturz gefährlich zu

Zwei Panzerspähwagen der Armee seien außerdem mitten in die Menge gefahren, berichteten Augenzeugen. Dabei seien mehrere Demonstranten überrollt und getötet worden. Ein Teilnehmer zeigte den Reportern angebliche Schädelteile eines Freundes, der auf diese Weise getötet worden sein soll. Das Staatsfernsehen behauptete wiederum, die tödlichen Schüsse auf die Soldaten seien von protestierenden Kopten abgegeben worden. Ministerpräsident Essam Scharaf verurteilte die Gewalt und sprach im sozialen Netzwerk Facebook von „vandalisierenden Kräften“. Deren Ziel sei es, Chaos im Land zu säen und religiöse Spannungen zu schüren.

Weitere Zusammenstöße vor Krankenhaus

Nach den Zusammenstößen kam es in Kairo zu weiteren gewaltsamen Auseinandersetzungen. Koptische Christen und Muslime gingen in der Nähe eines Krankenhauses im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt mit Stöcken und Steinen aufeinander los, wie ein AFP-Korrespondent berichtete. In die Klinik waren nach den Zusammenstößen am Abend die Toten und Verletzten gebracht worden. Vor dem Krankenhaus hatten sich am Abend bereits mehrere Hundert koptische Christen versammelt, darunter zahlreiche Angehörige der Toten und Verletzten. Später kamen 200 bis 300 muslimische Demonstranten dazu.

Niedergebrannte Kirche als Auslöser?

Es waren die schwersten Auseinandersetzungen seit dem Aufstand gegen den früheren Präsidenten Hosni Mubarak. Die Spannungen zwischen Christen und Muslimen hatten zuletzt stetig zugenommen. Die Kopten werfen muslimischen Radikalen vor, vor wenigen Tagen eine Kirche in der Provinz Aswan teilweise zerstört zu haben. Sie war von jungen Muslimen in Brand gesetzt worden, nachdem der örtliche Gouverneur erklärt hätte, das Gotteshaus sei ohne behördliche Zustimmung errichtet worden. Polizisten seien dabei zwar anwesend gewesen, hätten jedoch nichts unternommen.

In Ägypten kommt es immer wieder zu gewalttätigen Konflikten zwischen Kopten und Muslimen. Die Kopten stellen etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Sie werden bei der Erteilung von Baugenehmigungen für Kirchen diskriminiert. Seit Monaten mehren sich in Ägypten die Angriffe auf die Kopten. Sie klagen seit langem über Benachteiligung und warnen, dass seit Mubaraks Sturz im Februar der Einfluss der Islamisten gestiegen sei.

Islamisten distanzieren sich

Radikale Muslime in Ägypten wiesen eine mögliche Schuld für den Gewaltausbruch im Zentrum Kairos von sich. Man verurteile, was geschehen ist, sagte ein Sprecher der Salafisten-Bewegung am Montag. Die oppositionelle Jugendbewegung 6. April, die im vergangenen Winter und Frühjahr maßgeblich die Proteste gegen das alte Regime mitorganisiert hatte, wertete die Eskalation in Kairo als Versuch, „den friedlichen Charakter der Revolution“ zu zerstören.

Mehr als 100.000 koptische Christen haben Ägypten seit dem Sturz des Regimes von Mubarak im März verlassen. Diese Zahl nannte die „Egyptian Union for Human Rights“ auf Grundlage eigener Erhebungen in Kairo, wie Kathpress kürzlich berichtete. Nach Schätzungen des Direktors der Organisation, Naguib Gabriel, könnte die Zahl der emigrierten Christen bis zum Jahresende 250.000 erreichen.

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