Themenüberblick

Zwei Monate untergetaucht

Die mehr als vier Jahrzehnte währende Herrschaft von Libyens Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi ist endgültig vorbei. Zwei Monate nach seinem Sturz ist der 69-Jährige nach Angaben des Übergangsrates getötet worden. Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, bestätigte den Tod des Diktators Donnerstagnachmittag. Seit 27. August hatte jede Spur von Gaddafi gefehlt.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Zuvor hatte bereits Informationsminister Mahmud Schammam betont: „Alle Hinweise, die wir haben, besagen, dass Oberst Gaddafi Geschichte ist.“ Gaddafi sei während der Gefechte in seiner Heimatstadt Sirte von Milizionären getötet worden. US-Präsident Barack Obama bestätigte Donnerstagabend indirekt den Tod Gaddafis und sprach vom „Ende eines langen und schmerzhaften Kapitels“.

Lebend gefasst?

Die genauen Umstände des Todes waren am Donnerstag noch unklar. Nach widersprüchlichen Berichten soll Gaddafi entweder während der Flucht aus einem Haus, in einem Autokonvoi, in einem Erdloch oder aber versteckt hinter großen Betonröhren getötet worden sein. Unterdessen soll ein vom arabischen Sender al-Arabija gezeigtes Video beweisen, dass Gaddafi lebend gefangen genommen wurde.

Gaddafi scheint auf den Aufnahmen noch auf eigenen Beinen zu stehen und zu wanken. Sein Hemd ist blutgetränkt. Er scheint zu sprechen und seine rechte Hand zu bewegen. Auf späteren Bildern ist Gaddafi diversen Medienberichten zufolge tot mit einer Schusswunde im Kopf zu sehen.

Goldener Revolver als Trophäe

In Sirte sagte ein Kämpfer der Truppen der neuen Führung, er sei bei der Festnahme dabei gewesen. Er habe dem gestürzten Machthaber seine Waffe, einen goldenen Revolver, abgenommen, sagte Mohammed Lahuaib Shaban, einer AFP-Reporterin. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie ein Kämpfer eine goldene Pistole in die Luft reckte und den Tod des ehemaligen Diktators feierte.

Ein Kämpfer der libyschen Übergangsregierung hält eine goldene Pistole in die Luft.

APA/EPA/Guillem Valle

Ein goldener Revolver wird als Kriegstrophäe präsentiert

Tod von Gaddafi-Söhnen bestätigt

Vom offiziellen libyschen Fernsehen wurde Donnerstagabend auch der Tod von Gaddafis Söhnen Saif al-Islam und Mutassim bestätigt. Die Leichname der beiden Männer seien den Angaben zufolge in das Krankenhaus von Sirte gebracht worden. Beide sollen, wie ihr Vater, am selben Tag von Truppen des Nationalrats in Sirte getötet worden sein.

Jubelfeiern in Libyen

Die Nachricht vom Tod des Langzeitmachthabers Gaddafi löste Jubel im ganzen Land aus. Menschen strömten in Tripolis, in Bengasi und in anderen Städten Libyens auf die Straßen und Plätze. „Es stimmt wirklich, ja, er ist tot, es stimmt wirklich, alle sind auf der Straße, alle feiern“, jubelte Mohammed al-Ghannai, ein Mitglied des Kommandos der Revolutionsarmee in Westtripolis - Video dazu in iptv.ORF.at.

Neben dem Diktator soll auch dessen Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi getötet worden sein. Außerdem soll sich der verletzte Gaddafi-Sohn Mutassim in den Händen der Milizionäre befinden, berichtete al-Jazeera. Zudem wurde Gaddafis Militärchef Abu Bakr Junus Dschabr getötet. Al-Jazeera zeigte Bilder einer Leiche, bei der es sich um Dschabr handeln soll. Die Leiche Gaddafis wurde dem Sender al-Arabija zufolge nach Misrata gebracht.

Leiche von Muammar al-Gaddafi

AP/Al Jazeera

Foto Gaddafis von einem Video auf al-Jazeera

Erste Fotos und Videos

Bereits kurz nach der Todesmeldung sind Fotos und erste verwackelte Videos aufgetaucht, die laut Übergangsrat den getöteten ehemaligen Diktator zeigen. Auf einem Bild ist ein Mann zu sehen, bei dem es sich demnach um Gaddafi handelt. Er liegt blutend und umringt von Milizionären des Übergangsrates auf dem Boden. Am Nachmittag stellte der Sender al-Jazeera auf seiner Website ein Video online, das den toten Gaddafi zeigt (Warnung: drastische Darstellung).

Betonröhre als letzter Fluchtort?

Der Nachrichtensender al-Arabija zeigte am Donnerstag Bilder von dem Ort in Sirte, an dem die Kämpfer Gaddafi angeblich gefunden hatten. Zu sehen sind zwei große Betonröhren, darüber hat jemand auf eine Betonwand gesprüht: „Das ist der Platz der verfluchten Ratte Al-Gaddafi - Gott ist groß.“ Vor den Betonröhren liegen zwei Leichen auf dem Boden.

Ein Kämpfer der libyschen Übergangsregierung kriecht in eine Tunnelröhre.

AP/David Sperry

Gaddafis mutmaßlich letzter Fluchtort

Nach anderen Berichten starb der Ex-Diktator während eines Angriffs auf einen Fahrzeugkonvoi. Wie ein Reporter der britischen Tageszeitung „Guardian“ berichtete, wurde der Konvoi Donnerstagfrüh von NATO-Flugzeugen angegriffen, als er gerade Sirte verlassen wollte. Die NATO bestätigte am Donnerstag lediglich einen Angriff auf einen Konvoi.

Al-Jazeera meldete unter Berufung auf Milizionäre, dass Gaddafi - ähnlich dem irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein, in einem Erdloch gefasst worden war. Der britische Sender BBC zitierte einen Milizionär, wonach Gaddafi gebettelt haben soll: „Nicht schießen, nicht schießen.“ Gaddafis Leichnam wurde nach Misrata an einen geheimen Ort gebracht.

Überraschender Fluchtort

Dass sich Gaddafi in Sirte versteckt hatte, ist für viele Beobachter überraschend. Der seit zwei Monaten Flüchtige war in einer Oase im Süden des Landes vermutet worden. Allerdings erklärt sich jetzt, warum in Sirte Gaddafi-Getreue über Wochen hinweg erbitterten Widerstand gegen die Truppen des Übergangsrates geleistet hatten.

Gaddafis Heimatstadt war am Donnerstag als letzte Bastion des Widerstands gegen die neuen Herrscher gefallen. Mit der Eroberung Sirtes und dem Tod Gaddafis schließt sich für die Übergangsregierung ein Kreis, der seinen Ausgangspunkt im Februar in der Erhebung gegen den Diktator hatte. Während des Kampfes um die Macht wurde die einstige Rebellenbewegung von der NATO aus der Luft unterstützt, was erheblich zu deren Erfolg beitrug. Als offizielles Datum der Absetzung Gaddafis gilt der 22. August, an dem die Rebellen die Eroberung der Hauptstadt Tripolis meldeten.

NATO: Libyen-Einsatz wird beendet

Bereits am Freitag könnte nach Angaben der NATO nun der Militäreinsatz in Libyen als beendet erklärt werden. Die NATO hatte seit 31. März mehr als 26.000 Einsätze über Libyen geflogen, davon gut 9.600 Kampfeinsätze. Zudem hatte das Bündnis eine Seeblockade verhängt. Eine NATO-Sprecherin hatte bereits am Dienstag gesagt, die Beendigung des Einsatzes sei „sehr nah“. Sie werde erfolgen, wenn keine Gefahr mehr durch Gaddafi-treue Truppen für die Zivilbevölkerung bestehe.

Links: