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Angekommen im Cyberspace

Am 27. November 1991 ist der Philosoph und Publizist Vilem Flusser bei einem Autounfall in der Nähe von Prag gestorben, wo er 1920 auf die Welt gekommen war. Zweimal musste Flusser vor Gewaltherrschern fliehen. Diese Erfahrungen prägten auch seine Medientheorie, die noch vor der Verbreitung des Internets die heutigen Kämpfe um die freie vernetzte Gesellschaft umriss.

Als Sohn jüdischer Intellektueller musste Flusser 1938 kurz nach Zerschlagung der Tschechoslowakei durch die Nazis mit seiner Partnerin Edith Barth nach Großbritannien emigrieren. 1940 wanderten sie von dort nach Brasilien aus. Die Deutschen ermordeten Flussers Vater in Buchenwald, seine Mutter, Schwester und Großeltern im KZ Theresienstadt. Erst nach Ende des Krieges konnte er in Erfahrung bringen, was mit ihnen geschehen war.

1941 heiratete Flusser Barth und baute in Brasilien mit ihr ein neues Leben auf. Er arbeitete ab 1959 als Geschäftsführer einer Transistorenfabrik, neben seinem Brotberuf befasste er sich mit aktuellen Strömungen der Philosophie und suchte den Kontakt zu anderen brasilianischen Intellektuellen. 1964 wurde Flusser Dozent für Kommunikationstheorie an der Universität Sao Paulo, im gleichen Jahr putschte das Militär, das im Lauf der folgenden Jahre die Bürgerrechte immer weiter einschränken sollte. 1972 verließen die Flussers deshalb das Land und gingen erst nach Südtirol, dann nach Frankreich.

Boom der technischen Bilder

Einer von Flussers wichtigsten Beiträgen zur Medientheorie ist seine Unterscheidung zwischen traditionell von Menschen in Handarbeit hergestellten Bildern und den technischen Bildern, die mittels komplizierter Apparate hergestellt werden. In die zweite Kategorie fallen Film und Fotografie. Die traditionellen Bilder waren für ihn ganzheitlich-konkrete „Anschauungen von Gegenständen“, die technischen Bilder dagegen mosaikartig zusammengesetzte, nebelhaft-abstrakte Ergebnisse eines informationstechnischen Programms.

Die Erfindung der technischen Bilder mit Einführung der Fotografie sah Flusser als mindestens so wichtig an wie die Erfindung der Schrift. Im Medienboom der 1980er Jahre fand Flusser mit seinen Theorien zunehmend Gehör, auch nach seinem Tod wirkten seine Ideen im Internetboom der 1990er Jahre fort.

Wider das Programm

In der Tradition des kybernetischen Denkens Norbert Wieners sowie der Informationstheorie von Claude Shannon und Warren Weaver sah Flusser die Apparate, deren Benutzer und nicht zuletzt deren Hersteller und Konstrukteure in ein komplexes Geflecht aufeinander einwirkender Beziehungen eingebunden.

Ein Fotoapparat war in Flussers Theorie die Manifestation eines Programms, das von den Herstellern gewissermaßen diktatorisch vorgegeben wurde. Was die Nutzer der Apparate angeht, so trennte Flusser sie in seinem 1983 erschienenen Buch „Für eine Philosophie der Fotografie“ in Knipser und Fotografen.

Freiheit und Fotografie

Während die Knipser dem durch das technische System der Kamera vorgegebenen Programm folgten und sich ihm damit unterwarfen, kamen die Fotografen erst im Kampf mit dem Apparat zu sich, indem sie dessen Programm verstanden und schließlich überwanden, um unvorhersehbare neue Bilder herzustellen. Echte Fotografien entstehen bei Flusser gegen das Programm, nicht mit ihm.

In dem 1985 erschienenen Werk „Ins Universum der technischen Bilder“ warnte Flusser eindringlich davor, dass die Programme und die programmgemäß hergestellten Bilder wiederum als Modelle für das Verhalten von Menschen dienten, was zur Entstehung einer zentralistisch geführten Kontrollgesellschaft führen würde. Als Gegenmodell entwarf Flusser, analog zu den Vorstellungen in Bertolt Brechts Radiotheorie, eine vernetzte telematische Gesellschaft, die es jedem ihrer Mitglieder erlauben würde, selbst Bilder herzustellen und an andere zu senden.

„Globales Gehirn“

„Die Telematik ist eine Spielstrategie“, schrieb Flusser, „welche darauf abzielt, den Dialog in Richtung der Erzeugung neuer Informationen (vor allem Bilder) zu steuern.“ Er fragte: „Welches Interesse hat ein Einzelmensch, an solchen Dialogen teilzunehmen, wo doch das Resultat nicht sein eigenes Werk ist, sondern das Werk einer Gruppe von Anonymen?“ Die Antwort gab er gleich selbst: „Er wird vom Spieltrieb mitgerissen, vom Rausch des schöpferischen Spiels.“ Ein Schelm, wer dabei an 4chan und Anonymous denkt.

Man muss Flussers Vision eines zum „globalen Gehirn“ vernetzten Gemeinwesens nicht erstrebenswert finden, aber seine Version der telematischen Gesellschaft kommt dem, was heute mit Digitalkameras, Smartphones und ständiger Verbindung zum Netz möglich ist, wesentlich näher als die seinerzeit in der Medienbranche gängigen Vorstellungen von „interaktivem“ Fernsehen, bei dem nur vordefinierte Inhalte zur Wahl standen.

Zerschossene Privatsphäre

Diese Vernetzung wiederum werde in den Augen Flussers dazu führen, dass die Privatsphäre durch die neuen direkten Kommunikationskanäle „durchlöchert“ und damit auch die Politik in der Tradition der klassischen griechischen Republiken „überflüssig“ werde, wie er 1991 anlässlich eines Vortrags in Deutschland feststellte.

Es verwundert nicht, dass der konservative europäische Hochschulbetrieb mit Flusser seine Schwierigkeiten hatte. Dem kürzlich verstorbenen Medienwissenschaftler Friedrich Kittler gelang es, für seinen Freund 1991 doch noch eine Gastprofessur an der Universität Bochum zu organisieren. „In Deutschland, dessen Denker Flusser doch geprägt hatten, blieb er ein Fremder, prophetisch, verstörend, unakademisch“, schrieb Kittler in seinem Vorwort zum Vorlesungsband „Kommunikologie weiter denken“ (2008).

Kurz vor seinem Tod hat Flusser die heute zunehmend heiß diskutierten Konfliktfelder der Netzpolitik schon recht deutlich umrissen. Er wusste, dass die Bedingungen, unter denen Medientechnik entsteht, unmittelbare Auswirkungen darauf haben, wie die Gesellschaft verfasst ist. Wenn Flusser beispielsweise über Fotografie schreibt, dann schreibt er immer auch über Selbstbestimmung und Demokratie - und über die Bedingungen, unter denen wir die Welt betrachten, Theorien über sie aufstellen und sie schließlich verändern.

Günter Hack, ORF.at

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