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SNC, NCC und die Armee der Deserteure

Der Aufstand gegen das syrische Regime von Präsident Baschar al-Assad ist nicht zentral organisiert, und es gibt innerhalb der Opposition zahlreiche unterschiedliche Gruppierungen. Dass keine der Gruppen derzeit den Alleinvertretungsanspruch stellen kann, erschwert nicht nur Vermittlungsbemühungen, sondern dürfte auch mit ein Grund für die internationale Zurückhaltung sein.

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Ganz grob lassen sich aber zwei Gruppen unterscheiden: jene, die sich eine Zusammenarbeit mit Assad - und damit seinen Verbleib an der Macht - vorstellen können, und jene, die Verhandlungen mit dem Regime kategorisch ausschließen und den Abgang Assads als Voraussetzung für einen Neuanfang im Land sehen.

SNC versus NCC

Erstere sind im National Coordination Committe (NCC) zusammengeschlossen, und dessen Führung befindet sich im Land. Letztere werden vom Syrischen Nationalrat (SNC), der im August in Istanbul gebildet wurde und sich im Oktober konstituierte, vertreten. Deren Führung befindet sich im Ausland und wird von dem an der Pariser Sorbonne lehrenden Burhan Ghalioun angeführt.

Hilfe von Expats

In Dutzenden Ländern gibt es mittlerweile Unterstützungskomittees. Eines der ersten entstand in Wien, nur drei Tage nach den ersten Protesten. Diese Komitees stehen dem SNC nahe. Laut Aktivisten gibt es 540 unterschiedliche Richtungen - „80 Prozent“ dieser Regimegegner sind demnach im SNC vertreten.

Vertreter beider Seiten verhandelten diese Woche mit der Arabischen Liga in Kairo über das weitere Vorgehen. Der NCC setzt sich generell für schärfere Wirtschaftssanktionen ein, um den Druck auf das Regime zu erhöhen, und lehnt eine Intervention des Auslands kategorisch ab. Im SNC wurde der Ruf nach einem Eingreifen des Westens - sprich: Flugverbotszone und Verteidigung von Zivilisten von der Luft aus, wie in Libyen - zuletzt dagegen immer lauter. Waren sich alle bisher einig, dass der Protest um jeden Preis weiter friedlich sein sollte, beginnen sich auch in diesem Punkt die Stimmen zu mehren, die nach einer Bewaffnung rufen. So könnten etwa die aus der Armee desertierten Soldaten zur Kampforganisation des Widerstands werden.

„Jugend hat das ganze Land überrascht“

Der Vertreter des Österreich-Koordinationsrats zur Unterstützung des syrischen Aufstandes (ÖKUSA) , der aus Sorge um seine Verwandten namentlich nicht genannt werden will, betont gegenüber ORF.at die tragende Rolle der Jugendlichen für die Revolte: „Was die Jugend jetzt gemacht hat, hat das ganze Land überrascht.“ Eine echte, organisierte Opposition gebe es innerhalb Syriens aber nicht, die „guten Leute“ seien im Ausland. „Um die Revolution zum Sieg zu führen“, sei daher ein gutes Zusammenspiel zwischen den lokalen Revolutionären und politischen Repräsentanten nötig. Es wäre jedoch eine „Illusion“, das von 20- bis 30-Jährigen zu erwarten.

Der Aktivist, der als Student nach Österreich kam und derzeit „14 Stunden am Tag“ vor dem Bildschirm die Ereignisse in seiner Heimat verfolgt, spricht dem NCC jede Legitimität ab. Diese Gruppierungen seien von den Geheimdiensten geduldet, ja teils sogar gegründet worden. Es gebe „Vereinbarungen mit dem Regime, die seit Jahren eingehalten wurden“. Diese „kontrollierte Opposition“ hat nach Überzeugung des Aktivisten „kein Gewicht in der Bevölkerung“.

Während er die ausgewogene Vertretung aller Gruppierungen im SNC unterstreicht, kommt die Nahost-Expertin Randa Slim in einer ausführlichen Analyse der syrischen Opposition ihrerseits zum Schluss, dass Minderheiten wie Alawiten und Christen im SNC eher schwach vertreten seien. Der NCC wiederum bestehe mehrheitlich aus linksgerichteten und mehreren kurdischen Gruppierungen.

Die Rolle der Unabhängigen

„Etwas anderes“ als der NCC sind laut dem Aktivisten die von ihm so genannten Unabhängigen. Das seien Einzelpersonen, die teils seit Jahrzehnten dem Regime kritisch gegenüberstünden. Diese hätten ganz spezielles Wissen über das Funktionieren des Regimes wie etwa der ehemalige Richter Hassan al-Malik. Er habe sich nie bestechen lassen und daher keine Karriere gemacht. Malik kenne aber wie kein Zweiter die syrische Gesetzgebung und was im Zuge eines demokratischen Wandels rasch geändert werden müsse.

Dass diese Unabhängigen bisher nicht mit dem SNC kooperierten hat laut dem Aktivisten damit zu tun, dass sie nicht teamfähig seien. Doch der SNC bemühe sich weiter darum, diese verdienten Regimegegner einzubinden.

Spontan, lokal und national

Neben Aufrufen zu Protesten gibt es immer auch zahlreiche spontane Demos. Viele Gruppierungen, die sich am Aufstand beteiligen, sind lokal entstanden und waren zunächst nicht mit anderen vernetzt. Sie waren zunächst vor allem darum bemüht, die Proteste zu dokumentieren und via Internet, Facebook und Twitter zugänglich zu machen, nachdem das Regime ausländische Journalisten sofort des Landes verwies. Erst als der Protest immer mehr anschwoll, wurden Rufe nach einer landesweiten Organisation laut - nicht zuletzt um eine Stimme im Ausland zu bekommen.

Ein weiterer - in den nächsten Monaten möglicherweise zusehends wichtigerer Teil der Opposition - sind jene Soldaten, die von der Armee zu den Aufständischen überlaufen. Sie sind im Wesentlichen innerhalb der Free Syrian Army (FSA) organisiert, die vom Offizier Riad al-Asaad, geleitet wird. Diese hat ihr „Hauptquartier“ jenseits der Grenze in der Türkei.

Laut Slim sind ein Großteil der Deserteure Sunniten, während die Alawiten in der Armee dem Assad-Regime noch die Treue hielten. Verlässliche Angaben über die Anzahl der Desertionen gibt es nicht. Das Mitglied des Unterstützungskomitees und auch die FSA sprechen rund 15.000. Und der Aktivist ist überzeugt, dass die Schaffung einer Flugverbotszone und die Einrichtung einer Pufferzone dazu führen würde, dass ganze Garnisonen überlaufen würden. Solche Szenarien berichtet auch Slim unter Berufung auf FSA-Angehörige.

Drei entscheidende Fragen

Der SNC ist laut Slim noch unentschlossen, wie er sich zur FSA verhalten soll, da der Nationalat gleichzeitig auch nicht die überwiegende Mehrheit der noch in der Armee verbliebenen Soldaten vor den Kopf stoßen will.

Die dringlichste Aufgabe für die Oppositionsbewegung ist es, möglichst rasch eine einheitliche Position zu den drei entscheidenden Fragen zu finden: Dialog mit dem Regime - Ja oder Nein? (Militärische) Intervention des Auslands - Ja oder Nein? Und: weiter friedliche Proteste oder Bewaffnung? Stimmt die Behauptung, dass der NCC zumindest indirekt vom Regime gelenkt wird, dürfte eine Verständigung auf eine gemeinsame Position jedoch unmöglich sein.

Guido Tiefenthaler, ORF.at

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