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Von Anwerbeabkommen und Integration

In den Weihnachtsfeiertagen 1961 haben Wirtschaftskammer-Präsident Julius Raab und ÖGB-Vorsitzender Franz Olah - quasi im Alleingang - ein Abkommen unterschrieben, das neben der Stabilisierung von Löhnen und Preisen erstmals auch die gezielte Rekrutierung von Gastarbeitern für den österreichischen Arbeitsmarkt vorsah. Sie gaben damit den Startschuss für die Arbeitsmigration nach Österreich.

Durch bilaterale Anwerbeabkommen und an Ort und Stelle eingerichtete Büros sollte die Anreise und die Einteilung der Arbeitskräfte nach einem genau definierten System organisiert werden. So sollten die Arbeiter - laut Raab-Olah-Abkommen - großteils männlich sein und ohne ihre Familien nur für kurze Beschäftigungsverhältnisse nach Österreich reisen. Nach einem Rotationsprinzip sollten sie möglichst bald wieder in ihre Heimatländer zurückkehren und bei Bedarf durch neue ausländische Arbeitskräfte ersetzt werden.

Erste Anwerbeversuche in Spanien

Die ersten Anwerbeversuche - vor allem für die Bau- und Gastwirtschaft - gerieten zum Misserfolg: Für die Arbeitskräfte aus Spanien, das 1961 das erste Anwerbeabkommen unterzeichnete, war das Lohnniveau in Österreich wenig verlockend - verglichen mit dem in Deutschland und der Schweiz, ebenfalls potenzielle Länder für Gastarbeiter. Erst 1963 folgte das Anwerbeabkommen mit der Türkei und 1966 ein ebensolches mit Jugoslawien, mit Italien und Griechenland waren zwar Vereinbarungen anvisiert, diese kamen aber nicht zustande.

Historische Aufnahme von Gastarbeitern in Österreich

picturedesk.com/Alfred Cermak/Österreichische Nationalbibliothek

Gastarbeiter wurden vor allem in schlecht bezahlten Branchen wie am Bau oder als Erntehelfer eingesetzt

Rotationsprinzip scheitert an Unternehmen

Das im Raab-Olah-Abkommen vorgesehene Rotationsprinzip scheiterte nicht zuletzt an den Arbeitgebern, für die es kontraproduktiv war, ständig neue Arbeiter anzulernen. So wurden die öffentlichen Vermittlungsstellen vor allem durch Mundpropaganda umgangen, um bereits eingeschulte Gastarbeiter länger beschäftigen zu können. Statt der Anfang der 1960er Jahre anvisierten 47.000 Gastarbeiter waren bis zum Ende des Jahrzehnts gut 230.000 Arbeitskräfte aus den Partnerländern in Österreich beschäftigt. Die meisten von ihnen reisten mit Touristenvisa ein, die sich in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs problemlos in Beschäftigungsbewilligungen umwandeln ließen.

Die zeitliche Begrenzung des Aufenthalts war damit zu Beginn der 1970er Jahre bereits kein Thema mehr - dementsprechend stattdessen aber die fixe Niederlassung der angeworbenen Arbeiter. Familien wurden nachgeholt, Kinder geboren und Existenzen in der neuen Heimat aufgebaut.

Anwerbestopp in den 1970er Jahren

Mitte der 1970er Jahre schlug die Stimmung auf dem heimischen Arbeitsmarkt um: Die internationale Erdölkrise und die Tatsache, dass viele Österreicher aus dem Ausland zurückkehrten, führte zu einem verstärkten Wettbewerb um die offenen Stellen. Mit einem Anwerbestopp versuchte man die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte zu reduzieren und gleichzeitig die bereits in Österreich beschäftigten Fremden wieder zur Rückkehr in ihre Heimatländer zu bewegen.

Tatsächlich ging die Zahl der Gastarbeiter bis 1984 auf rund 145.000 signifikant zurück - doch dank der Familienzusammenführung der bleibenden Arbeiter hielt sich die Zahl ausländischer Bürger in Österreich konstant - bei einer Erhöhung des Frauen- und Kinderanteils.

Herausforderungen für die Gesellschaft

Die österreichische Gesellschaft war mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Welche Rechte und Pflichten hatten die Gastarbeiter, die eigentlich längst keine „Gäste“ mehr waren? Was tun mit Schulkindern mit nicht deutscher Muttersprache? Hinzu kam, dass sich ein Großteil der österreichischen Mehrheitsgesellschaft durch die „Fremden“ im eigenen Land bedroht fühlte. Alte und neue xenophobe Stereotypen prägten den öffentlichen Diskurs, es mangelte an Konzepten für ein gelungenes Zusammenleben und an einem Austausch zwischen den Bevölkerungsgruppen.

Die Integrationspolitik hat sich seit damals - als sie quasi erst erfunden werden musste - enorm verändert und entwickelt. Viele Fehler der damaligen Politik, etwa die fehlende Weiterbildungsperspektiven für die Zuwanderer der ersten Generation, spiegeln sich bis heute wider.

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