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Spaß an der Provokation

Der britische Regisseur Ken Russell ist tot. Russell verstarb am Sonntag im Alter von 84 Jahren, wie seine Familie am Montag bestätigte. Der Brite galt als „Enfant terrible“ und „Bad Boy“ des englischen Kinos und erhielt 1970 für seinen Film „Women in Love“ eine Oscar-Nominierung.

Die Verfilmung eines D.-H.-Lawrence-Romans bedeutete für Russell den internationalen Durchbruch, Hauptdarstellerin Glenda Jackson wurde für ihre Rolle mit einem Oscar bedacht. Russell selbst wurde nie mit der begehrten Trophäe geehrt - wohl auch deshalb, weil er in konservativen Kreisen als Schmutzfink galt und von den Gralshütern des guten Geschmacks in den Feuilletons gleichermaßen geächtet wurde.

Russells eigentliches Genre war der Musikfilm. Er hatte als TV-Dokumentarfilmer begonnen und für die britische BBC zahlreiche Komponisten porträtiert. Die einen nannten seine experimentellen Dokus respektlos den Künstlern gegenüber, andere priesen sie für den unkonventionellen, emotionalen, assoziativen Stil. Erst später, in seinen Dreißigern, drehte Russell seinen ersten Film „French Dressing“ (1963), der jedoch nur wenig Beachtung fand.

Filmszene aus "Women in Love"

picturedesk.com/Mary Evans

Szene aus „Women in Love“

Die Erotik des Feigenessens

Der Durchbruch folgte schließlich zwei Filme später 1969 mit „Women in Love“. Russell verfilmte D. H. Lawrences Roman betont freizügig. Aber auch dort, wo die Hüllen nicht fallen, strotzen Text und Verfilmung vor Erotik. In Erinnerung bleibt etwa jene Szene, in der ein Teilnehmer an einer Nachmittagsgesellschaft über die Kunst des Essens einer Feige spricht - wobei jeder am Tisch weiß, dass hier über die weibliche Scham philosophiert wird.

1971 sorgte er mit der Umsetzung des Huxley-Werks „The Devils“ für die größte Aufregung. Nackte Nonnen, die Sexualisierung der Kreuzigung Jesu - Russell provozierte gerne, er schien es zu genießen, zwischen künstlerischem Anspruch, Kommerz und Trash, zwischen Frivolität, Psycho-Hardcore im Stile eines „Caligula“ und Sex zu wechseln.

Vom „Osservatore Romano“, dem Sprachrohr des Vatikans, wurde das Werk „als Beleidigung für die gesamte Welt des Films“ bezeichnet, das US-amerikanische Magazin „Newsweek“ sprach von einer „Gemeinschaftsproduktion von Nero und Marquis de Sade“. Russell verteidigte sich mit dem Hinweis: „Wir leben nicht in einer Zeit der guten Sitten, sondern in einer, in der man Leute unter der Gürtellinie treffen muss.“

Ken Russel und Twiggy

AP

Ken Russell und Twiggy bei den Dreharbeiten zu „The Boy Friend“ (1971)

Horrorkomödie mit weißem Wurm

Der Musikfilm blieb jedoch großer Schwerpunkt im Gesamtwerk Russells - und bescherte ihm auch seinen größten kommerziellen Erfolg: Rockfans dürfte Russell in Kombination mit The Who ein Begriff sein. 1974 kam die Rockoper „Tommy“ mit Musik der Band in die Kinos. Aber Russell drehte auch groteske Filmbiografien wie „Mahler“, „Lisztomania“ und andere Biopics. Und er streifte auch gerne den Kommerz, etwa mit dem Twiggy-Film „The Boy Friend“.

In den 1980er Jahren brachte sich der am 3. Juli 1927 geborene Russell vor allem mit „Gothic“ (1986) und der Kult-Horrorkomödie „The Lair of the White Worm“ (1988) ins Gespräch. 1991 drehte der Regisseur den vieldiskutierten Film „The Whore“, dessen Drehbuch angeblich auf einer Idee eines Londoner Taxifahrers beruhte. Als Schauspieler trat der experimentierfreudige Russell in „Das Russland-Haus“ (1990) in der Rolle eines Geheimagenten in Erscheinung. Für Elton John drehte er das Musikvideo „Nikita“, und sogar als Tänzer und Fotograf machte er sich einen Namen.

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