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Zahlreiche Ursachen

Natürlich gibt es sie noch: die Geschichten vom märchenhaften Aufstieg armer US-Amerikaner zum Millionär. Doch in dem Land, in dem der Mythos des sozialen Aufstiegs („Vom Tellerwäscher zum Millionär“) eine der tragenden Säulen der Gesellschaft ist, wird das offenbar immer schwieriger.

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Die „New York Times“ („NYT“) berichtet von fünf großen Studien in der jüngeren Vergangenheit, die zum selben Schluss gekommen seien: Die soziale Mobilität in den USA sei geringer als in Kanada und selbst in Westeuropa. „Es wird immer mehr zu einer Binsenweisheit, dass es in den USA weniger soziale Mobilität gibt als in anderen Industrieländern“, so die Wirtschaftswissenschaftlerin Isabel Sawhill.

Politisch ist das vor allem für die Republikaner brisant. Sie hätten seit jeher die Kritik der Demokraten an den ungewöhnlich hohen Einkommensunterschieden mit dem Hinweis darauf abgeschmettert, dass die soziale Mobilität - also die Aufstiegschancen des Einzelnen - besonders hoch sei, so die „NYT“.

Deutliche Unterschiede

Der schwedische Ökonom Markus Jantti habe in einer Untersuchung herausgefunden, dass 42 Prozent der männlichen US-Amerikaner, die im untersten Fünftel der Einkommensstufe groß wurden, diese Gruppe nie verlassen. Das ist ein signifikant höherer Grad als etwa in Dänemark (25 Prozent).

Aber auch in Großbritannien, das für Spannungen zwischen den sozialen Schichten bekannt ist, lag der Wert bei „nur“ 30 Prozent. Nur acht Prozent der Angehörigen der untersten Schicht in den USA schafften den Aufstieg ins oberste Fünftel - in Großbritannien waren es immerhin zwölf und in Dänemark 14 Prozent.

Zwei Drittel bleiben an Rändern

Das Pew-Institut kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass 62 Prozent aller US-Amerikaner, die im obersten Fünftel aufwuchsen, in den zwei oberen Fünfteln der Gesellschaft bleiben. Ganz ähnlich sieht es am anderen Ende der Skala aus: 65 Prozent aller, die in der untersten Sozialschicht aufwachsen, verharren darin oder schaffen es bestenfalls in das nächsthöhere Fünftel.

Einer der Gründe könnte sein, dass das Armutsniveau in den USA besonders niedrig ist, wodurch es der nächsten Generation entsprechend schwerer fällt, dieses Niveau hinter sich zu lassen, so die „NYT“. Ein anderer möglicher Grund: die hohen Kosten, die Familien privat für die Ausbildung ihrer Kinder aufbringen müssen. Das verstärkt die Schere zwischen den sozialen Schichten noch mehr.

Dass die Einkommens- und Vermögensschere etwa in Europa und Kanada weniger weit auseinanderklafft als in den USA könnte ein weiterer Faktor sein. Der Aufstieg in die nächsthöhere Schicht könne dadurch schneller erreicht werden als in den USA, so die These.

Stärkste Bewegung in der Mitte

Die Pew-Studie zeige außerdem, dass das Problem der mangelnden Mobilität vor allem am unteren und oberen Rand besteht. Denn rund 36 Prozent jener US-Bürger, die im mittleren Fünftel aufwuchsen, würden sich nach oben bewegen, 41 Prozent nach unten - und nur 23 Prozent würden auf dem gleichen Niveau verharren.

Reihan Salam von der „National Review“ (Onlineausgabe) verweist zudem darauf, dass die meisten Studien mit dem Geburtsjahrgang 1970 enden. Die Einkommensschere sei seither aber genauso größer geworden, wie die Zahl der Alleinerzieherinnen und der Häftlinge gestiegen sei - all das seien zusätzliche Faktoren, die einen sozialen Aufstieg erschwerten.

Thema für Wahlkampf?

Die Mobilitätslücke werde seit längerem unter Wissenschaftlern diskutiert, doch die hohe Arbeitslosigkeit habe das nun zu einem politisch brisanten Thema wachsen lassen. Insbesondere könnte es im anlaufenden US-Präsidentschaftswahlkampf zu heißen Debatten führen. Selbst prominente Republikaner - etwa der erzkonservative Senator Rick Santorum, der bei den Vorwahlen für die Präsidentschaftskandidatur überraschend Platz zwei belegte - haben bereits eingeräumt, dass die USA in diesem Bereich ein Problem haben.

John Bridgeland, der Ex-Präsident George W. Bush beriet, bringt gegenüber der „NYT“ die Gefahr aus Sicht der Republikaner auf den Punkt: Ungleiche Einkommensverteilung sei für sie kein Problem. Doch sie seien gezwungen, über mangelnde Aufstiegschancen zu reden, also „die fehlende Chance auf den ‚American Dream‘“.

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