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Lob für „tapfere“ Besatzung

Schweres menschliches Versagen seitens des Kapitäns könnte nach Angaben des Eigners der „Costa Concordia“ zur Havarie des Kreuzfahrtschiffes geführt haben. „Es scheint, dass der Kommandant Beurteilungsfehler gemacht hat, die schwerste Folgen gehabt haben“, teilte die in Genua ansässige Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere am Sonntagabend mit.

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Die Reederei, eine Tochter des weltgrößten Kreuzfahrtkonzerns Carnival mit Zentrale in den USA, ging damit auf größtmögliche Distanz zu Kapitän Francesco Schettino, der das Schiff mit mehr als 4.200 Menschen an Bord am Freitagabend zu nah an die Insel Giglio vor der toskanischen Küste gesteuert haben soll, wo es auf einen Felsen auflief und leckschlug.

„Nicht Regeln der Reederei gefolgt“

Es sehe so aus, als seien die Entscheidungen des Kapitäns in der Notsituation nicht den üblichen Regeln von Costa Crociere gefolgt, erklärte die Reederei. Zugleich wurde der Vorwurf einiger Passagiere zurückgewiesen, dass bei der Evakuierung in der Nacht auf Samstag nicht genügend Schwimmwesten zur Verfügung gestanden seien. Diesen Vorwurf muss vor allem die Reederei selbst verantworten. An Bord hatten sich auch 77 Österreicher befunden, die alle unverletzt davonkamen.

Auch Reederei-Chef Pierluigi Foschi sagte, ein „menschlicher Fehler“ sei bei dem Unglück nicht zu bestreiten. Zwar werde das Unternehmen seinem Kommandanten Francesco Schettino nach der Havarie juristische Unterstützung geben, das Unternehmen habe jedoch auch die Pflicht, seine anderen Beschäftigten zu schützen. Das Vorgehen auf dem Schiff sei nicht nach den vorgegebenen strikten Regeln erfolgt, ergänzte Foschi am Montag.

Verweigerte Kapitän Mithilfe bei Rettung?

Dem Kapitän droht unter anderem ein Verfahren wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung. Berichten zufolge soll er das Schiff so nah an die Insel herangesteuert haben, um Touristen im Hafen mit dem Signalhorn grüßen zu können. Die Kreuzfahrtgesellschaft ging in ihrer Erklärung nicht weiter auf die Vorwürfe ein. „Weitere Kommentare wären zu diesem Zeitpunkt unangebracht“, hieß es lediglich. Auch zu Behauptungen, der Kapitän habe das Schiff noch vor den letzten Passagieren verlassen, gab es keine Stellungnahme.

Medienberichten zufolge soll der Kapitän mehrfach von der Küstenwache aufgefordert worden sein, wieder an Bord zu gehen, um die Evakuierung seines Schiffes zu koordinieren. Das habe er jedoch nicht getan. Auch einen „SOS“-Ruf soll es nicht gegeben haben. Einzelheiten zum Hergang des Unglücks erhofft man sich von der Auswertung der Blackbox des Schiffes, die ähnlich wie in Flugzeugen die Kommunikation auf der Brücke und Steuerbefehle aufzeichnet. Der Kapitän hatte gesagt, das Schiff sei auf einen in den Karten nicht verzeichneten Felsen aufgelaufen.

Schiffseigner weist Mitschuld von sich

Die Reederei hob in ihrer Erklärung ihrerseits die Leistung der Besatzung bei der Rettung der Menschen von Bord der „Costa Concordia“ hervor. Die Mannschaft habe „tapfer und zügig dabei geholfen, mehr als 4.000 Personen in einer sehr schwierigen Situation in Sicherheit zu bringen“, hieß es. Auch damit verteidigte sich der Schiffseigner vor allem selbst: Passagiere hatten ihrerseits von chaotischen Szenen berichtet und über unzureichende Sicherheitsausrüstung geklagt.

Der Deutschland-Chef von Costa Kreuzfahrten, Heiko Jensen, wiederholte diese Stellungnahmen am Montag auch in Hamburg: Der Kapitän habe die Route eigenmächtig geändert. Nach derzeitigem Ermittlungsstand, scheine menschliches Versagen der Schiffsführung zu dem Unglück geführt zu haben. Falsche Seekarten seien hingegen nicht schuld an der Havarie gewesen. Der Felsen sei auf den Karten eingezeichnet, so Jensen. Auch er sagte erneut, die Crew habe dagegen bei der Rettung der mehr als 4.000 Passagiere sehr umsichtig gehandelt.

Umweltkatastrophe droht

Nach der Schiffskatastrophe wird auch eine Ölpest infolge leckgeschlagener Schiffstanks befürchtet. Spezialisten bereiteten ein Leerpumpen der Tanks der „Costa Concordia“ vor. Erste Priorität sei jedoch die Suche nach den Vermissten, teilten die Behörden mit. Erst danach könnten Versicherer und Schiffseigner entscheiden, ob das Wrack geborgen werden könne. Das Schiff droht weiterhin in tieferes Wasser abzurutschen. Gerade das Abpumpen des Treibstoffs könnte diese Gefahr noch erhöhen.

Der italienische Umweltminister Corrado Clini lud für Montag eine Gruppe von Fachleuten nach Livorno ein, um das Problem zu erörtern, das von 2.400 Tonnen Dieselöl in den Tanks des Schiffs ausgeht. Das zuständige Hafenamt in Livorno hat die Kreuzfahrtgesellschaft in einem Mahnschreiben bereits dringend aufgefordert, ihrer Verantwortung nachzukommen und unter Berücksichtigung der noch laufenden Suchaktionen „das Schiff zu sichern und abzuschleppen“.

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