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Hoffnung auf Überlebende sinkt

Die Bergungsarbeiten am verunglückten Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ sind am Montag vorübergehend unterbrochen worden. Das auf Felsen aufgelaufene Schiff sei in Bewegung geraten und tiefer ins Wasser gerutscht, sagte ein Feuerwehrsprecher. Um die Rettungskräfte nicht zu gefährden, sei das Schiff umgehend evakuiert worden.

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Das Schiff sackte Zentimeter für Zentimeter ab, berichteten Helfer auf dem Wrack. Insgesamt lag es Montagmittag etwa zehn Zentimeter tiefer als noch in der Früh, als Helfer das sechste Todesopfer des Unglücks vom Freitagabend aus dem Wrack bargen.

Katastrophale Bedingungen für Taucher

Es müsse nun zunächst beobachtet werden, ob das Schiff weiter absackt. „Wir wissen daher nicht, wann wir die Bergungsarbeiten wieder aufnehmen können“, sagte Feuerwehrsprecher Luca Cari. Die Vorzeichen stehen auch angesichts der Wetterprognosen schlecht. Der Chef der Küstenwachetaucher, Rodolfo Raiteri, sagte am Montag, auch wegen eines für die Region angekündigten Sturms und hohen Wellengangs seien alle Taucher aus dem havarierten Schiff abgezogen worden.

Helfer seilen sich zum Wrack ab

Reuters/Max Rossi

Helfer seilen sich auf das schief liegende Schiffswrack ab

Raiteri berichtete, die Arbeitsbedingungen für die Taucher in dem auf der Seite liegenden Schiff seien katastrophal. Man könne sich in den Gängen des Schiffes nur schwer vorwärtsbewegen, weil diese durch zahlreiche Gegenstände versperrt seien. Nach einer Wetterbesserung nahmen die Rettungskräfte die Suche am Nachmittag wieder auf. Schlechteres Wetter könnte auch die Sicherung des Dieselöls in den Schiffstanks erschweren. Damit steigt auch die Gefahr einer Umweltkatastrophe.

„Minimale Hoffnungen“

Bereits zuvor hatte der Bürgermeister der Insel Giglio, Sergio Ortelli, von „minimalen Hoffnungen, weitere Vermisste lebend zu finden“, gesprochen. Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa, Betreiber der „Costa Concordia“, versprach in einer Presseaussendung, der Schutz der Passagiere und der Besatzung sowie auch der Schutz der Umwelt sei für das Unternehmen nun die oberste Priorität. „Unser ganzes Mitgefühl gilt allen Betroffenen, und wir sprechen ihnen unsere tiefste Anteilnahme aus“, hieß es in der Presseaussendung außerdem.

Auf der Insel Giglio, vor der das Kreuzfahrtschiff auf Grund gelaufen war, waren am Montag Tauchereinheiten eingetroffen, die auf die Suche von Leichen im Meer spezialisiert sind. Außerdem wurden neun Hunde eingesetzt. Die Zeit für Berge- und Rettungsaktionen wird knapp: Es wird nicht ausgeschlossen, dass die „Costa Concordia“ am Donnerstag, wenn eine Schlechtwetterfront Giglio voll trifft, ganz versinken könnte. Das Wrack liegt an einem Meeresabbruch, der an die hundert Meter in die Tiefe reicht.

Reederei-Chef macht Kapitän voll verantwortlich

Die Reederei Costa Crociere, Betreiber der „Costa Concordia“, führt das Unglück auf einen menschlichen Fehler von Kapitän Francesco Schettino zurück. Das Vorgehen auf dem Schiff sei nicht nach den vorgegebenen Regeln erfolgt, sagte Reederei-Chef Pier Luigi Foschi am Montag bei einer Pressekonferenz. Das Schiff sei zu nahe an die Insel Giglio gefahren, vor der sich am Freitagabend das Unglück ereignet hatte. Bisher habe auch nur einmal ein Schiff von Costa Crociere die Insel Giglio in geringerem Abstand passiert.

„Antonello, schau einmal ...“

Auch sei Schettino eindeutig eigenmächtig vom vorgegebenen Kurs abgewichen, so Foschi. Der Grund dafür könnte in einer Nichtigkeit liegen: Laut der Zeitung „Corriere della Sera“ (Montag-Ausgabe) wollte Schettino einem auf dem Schiff arbeitenden Kellner, der aus Giglio stammt, einen Gefallen zu tun. Demnach ließ Schettino kurz vor dem Unglück Oberkellner Antonello Tievoli auf die Kommandobrücke rufen. „Antonello, schau einmal, wir sind ganz nahe an deinem Giglio“, habe er zu dem Kellner gesagt, zitierte das Blatt Zeugen. Erhärtet wird das durch einen Facebook-Eintrag von Tievolis Schwester: „In Kürze wird die ‚Concordia‘ der Costa Crociere sehr, sehr nah an uns vorbeifahren“, hieß es da - gepostet keine halbe Stunde vor dem Unglück.

Tievoli soll noch gewarnt haben: „Vorsicht, wir sind extrem nahe am Ufer.“ Unmittelbar darauf sei das Schiff jedoch auf die Felsen aufgelaufen. Dem Bericht zufolge hätte Tievoli einige Tage vor dem Unfall freibekommen sollen, musste aber wegen Personalproblemen an Bord bleiben. Schettino habe ihm deshalb eine Freude machen wollen, indem er wenigstens nahe an Tievolis Heimatinsel vorbeifuhr, hieß es in dem Bericht. Der Oberkellner soll angeblich demnächst von der Staatsanwaltschaft zu dem Vorfall vernommen werden.

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