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19-Jährige trifft wunden Punkt

Für unzählige Schulabgänger bedeuten die typischen Absagebriefe britischer Eliteunis eine entscheidende Weichenstellung in ihrem Leben, die oft den Zugang zu den interessantesten und wichtigsten Jobs verwehrt. Die 19-jährige Britin Elly Nowell hat den Spieß umgedreht und damit im ganzen Land für Furore gesorgt.

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Wie Tausende andere war die Jus-Aspirantin bei einem Aufnahmegespräch in Oxford, nur um dort herauszufinden, dass sie die dort gelebte Einstellung rundheraus ablehnt. Bevor die hervorragende Schülerin noch eine Antwort bekam, schickte sie selbst ein Ablehnungsschreiben: Die ehrwürdige Uni habe „leider nicht den Standards entsprochen“, die Nowell an Unis anlege, solle deshalb aber „nicht enttäuscht“ sein.

Beißende Parodie

Die Uni könne gerne noch einmal bei ihr antreten, schrieb Nowell weiter - ihre Chancen stünden jedoch schlecht, wenn Oxford es nicht schaffe, zu einer fortschrittlicheren Uni zu werden, so Nowell in einer beißenden Parodie auf den Tonfall typischer Ablehnungsschreiben von Universitäten. Das Schreiben sickerte über Nowells Freunde im Sozialen Netzwerk Facebook an die Öffentlichkeit und verbreitete sich in Windeseile. Die junge Frau hatte einen wunden Punkt getroffen.

Auf Beifallsstürme von unzähligen Abgängern öffentlicher Schulen mit nur schlechten Chancen auf die höheren Uniweihen folgten umso empörtere Reaktionen aus dem elitären Zirkel der Oxford- und Cambridge-Studenten. Die waren allerdings kein Renommee für die Unis. Nowell sei „widerlich“, „aufgeblasen“, ein „Großmaul“ und ein „dummes kleines Mädchen“, war etwa in reichlich niveaulosen Reaktionen im Kurznachrichtendienst Twitter zu lesen.

Bildungsdebatte vom Zaun gebrochen

Darüber hinaus war es Nowell gelungen, in Großbritannien im Handumdrehen eine Debatte über die sonst geradezu sakrosankten Eliteunis vom Zaun zu brechen. Jedes maßgebliche Medium des Landes hatte am Freitag einen Bericht über sie - und eine Meinung dazu. Die Berichte waren in vielen Onlineausgaben der Zeitungen die meistgelesenen Berichte des Tages. Die „Daily Mail“ attestierte Nowell etwa ein „helles Köpfchen“, dennoch habe sie einen Fehler gemacht: Gerade Leute ihres Zuschnitts sollten sich bemühen, Teil der Elite zu werden, um sie damit von innen zu ändern.

Fronten quer durch Redaktionen

Zum Teil verliefen die Fronten auch quer durch die Redaktionen: Im „Independent“ schrieb Philip Hensher - Absolvent einer Eliteuni -, Nowell habe ja nicht einmal gewusst, was sie da ablehne. Außerdem könne man eine egalitäre Gesellschaft nicht dadurch erreichen, dass man die Standards herunterschraube. Der Fehler liege nicht bei den Eliteunis, sondern im staatlichen Schulsystem, das nur unbefriedigende Leistungen erbringe.

Henshers Kollege Steve Anderson widersprach entschieden. Er meinte in einem redaktionellen Blog, man brauche sich nur anzusehen, wie ähnlich die altehrwürdigen Unis und das britische Parlament einander seien. Oft genug führe der Weg von einer Institution geradewegs in die andere. Das Resultat einer Erziehung, die mit der „wirklichen Welt“ nichts zu tun habe, spüre Großbritannien nun durch seine Politiker und andere Mitglieder der Elite tagtäglich am eigenen Leib.

Uni selbst reagiert säuerlich

Der Uni fiel es merkbar schwer, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ein Sprecher sagte, man erhalte immer nur eine „sehr kleine Zahl“ von Beschwerden über die Bewerbungsgespräche. Zudem sei gerade im Jusstudium des Magdalen College der Anteil von Schulabgängern öffentlicher Schulen besonders hoch. Weit gehässiger fielen Reaktionen von Studenten der Eliteunis aus, die Nowell unterstellten, ihre einzige Motivation sei Neid.

Nowell kontert lässig - und legt nach

Nowell konterte die Aufregung lässig in einem Gastkommentar für den „Guardian“. Darin zeigt sie sich amüsiert über das Echo auf ihr Schreiben, etwa das „ziemlich bizarre“ Erlebnis von Dutzenden Fan-Mails aus Peru. Die Aufregung liegt laut ihrer Ansicht aber vor allem daran, dass es offenbar einen Bedarf an „spritzigem Spott“ über die Elite des Landes gebe. Dass sie für ihre Courage von vielen bewundert werde, ist ihr dabei gar nicht recht.

Dass viele gefragt hätten, ob sie nun nicht um ihre universitäre und berufliche Zukunft fürchte, zeigt für Nowell gerade, wie berechtigt ihr Anliegen ist. Ihr sei es um Kritik an einem System gegangen, das die „Karriere“ über alles stelle - und das willkürlich entscheide, wer die Chance dazu bekomme. Gerade so verzichte das Land auf die größten Talente mit der höchsten Integrität, ist sie überzeugt. Es sei aber schön, wenn sie in einem Land mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 22,6 Prozent damit für Heiterkeit sorgen könne.

Lukas Zimmer, ORF.at

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