Unbekannter Wien-Roman von David Vogel entdeckt

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Einen literarischen Sensationsfund vermeldet die israelische Tageszeitung „Haaretz“ in ihrem Feuilleton-Teil. Eine junge Literartuwissenschaftlerin fand im Nachlass David Vogels - versteckt zwischen den Zeilen des Manuskripts eines anderen Texts - einen bisher völlig unbekannten Roman des Autors, der wichtige Jahre seines Schaffens in Wien verbrachte.

Der Roman des vermutlich 1944 im KZ Auschwitz ermordeten Vogel erscheint im Februar erstmals im hebräischen Original unter dem Titel „Wiener Roman“ - ein passend doppeldeutiger Name, da „Roman“ im Hebräischen nicht nur die Prosaform, sondern auch eine Liebesaffäre bezeichnet.

Der Roman erzählt eine Dreiecksgeschichte mit einem insbesondere für die damalige Zeit hohen Skandalfaktor: Der junge Michael Rost fängt kurz nach seiner Ankunft in Wien eine Liebesbeziehung mit der deutlich älteren Gertrud Stift, einer verheirateten Frau, die ihm ein Zimmer vermietet, an. Später verliebt er sich in deren 16-jährige Tochter Erna. Der „mutige“ Roman, der zahlreiche erotische Szenen und Beschreibungen des damals kosmopolitischen Wiens enthalte, sei „wunderbar“, schwärmt „Haaretz“.

Text „codiert“?

Der Roman ist - wie ein Vergleich mit zahlreichen Tagebucheinträgen Vogels zeigt - offenbar stark autobiografisch gefärbt. Das, so vermutet die Entdeckerin des Romans gegenüber „Haaretz“, dürfte das Motiv Vogels gewesen sein, den Roman zu „verstecken“ und zu „codieren“.

Die erste Version des Texts habe Vogel vermutlich in ganz frühen Jahren verfasst und sich später entschlossen, Teile davon in einem seiner wenigen zu Lebzeiten veröffentlichten Texte zu verwenden - im Roman „Eine Ehe in Wien“, der 1992 auch auf Deutsch erschien und eine unglückliche Ehe beschreibt, aus der sich der Mann nur mit Hilfe der Ermordung seiner Frau retten zu können vermeint.

Vogel, 1891 in der damals russischen Westukraine geboren, kam über Wilna 1912 nach Wien, wo er unter ärmlichen Verhältnissen versuchte, sich als Hebräisch-Lehrer durchzuschlagen. In Wien lernte er Deutsch und bewegte sich in der literarische Szene in den Kaffeehäusern der Noch-Metropole.

Erst posthume Anerkennung

Rund ein Jahr – 1929 bis 1930 - hielt sich Vogel in Palästina auf, konnte sich aber weder mit dem Klima in Tel-Aviv noch mit der kulturellen Szene anfreunden und kehrte mit Frau und der in Palästina geborenen Tochter Tamar nach Wien zurück. Von dort zog die Familie nach Paris weiter, wo Vogel bis zu seiner Deportation nach Auschwitz lebte.

Vogel, der neben expressionistischen Gedichten auch mehrere Novellen und einen Roman verfasste, erfuhr erst mit jahrzehntelanger Verzögerung und posthum die gebührende Anerkennung als einer der wichtigsten hebräischen Schriftsteller der 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Die (Wieder-)Entdeckung Vogels leitete Mitte der 1950er-Jahre der israelische Dichter Natan Sach ein.