Themenüberblick

„Kein Grund, Angst zu haben“

Die ägyptischen Muslimbrüder werden als stärkste Kraft im neuen Parlament künftig den Ton angeben. Sie wollen nicht nur den korrupten Staat umkrempeln, sondern auch seine Bürger umerziehen, wie der Sprecher der islamistischen Bewegung, Mahmud Ghoslan, in einem dpa-Interview in Kairo sagt.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

dpa: Was war die Rolle der Muslimbruderschaft während der Massenproteste gegen Hosni Mubarak vor einem Jahr?

Ghoslan: Die Muslimbrüder, die damals an den Demonstrationen teilnahmen, hatten von uns den Befehl erhalten, sich nicht durch Transparente oder Slogans als Muslimbrüder zu erkennen zu geben. Denn wenn das ägyptische Volk den Eindruck gewonnen hätte, dass die Muslimbrüder die Anführer der Revolution sind, dann hätte es passieren können, dass das Volk das Regime unterstützt, um die Revolution zu Fall zu bringen. Und deshalb haben wir damals gesagt, keiner soll denken, dass wir Teil dieser Revolution sind. Und wenn auch die westlichen Staaten damals den Eindruck gewonnen hätten, dass die Muslimbrüder hinter dieser Revolution stecken - wir hatten die Sorge, dass sie es dann tolerieren würden, wenn Mubarak mit Gewalt dagegen vorgeht.

dpa: Welche der Probleme, die sich in der Ära von Präsident Mubarak angesammelt haben, sollten zuerst angepackt werden?

Ghoslan: Das alte Regime hat sehr viele große Probleme hinterlassen. Es gibt große Defizite im politischen Bereich, in der Wirtschaft, im Wohnungsbau, im Gesundheitswesen, bei der Bildung und im Bereich Sicherheit. Da muss man Prioritäten setzen. Unsere drei Prioritäten sind jetzt - in dieser Reihenfolge - die Sicherheit, die Wirtschaft, Armutsbekämpfung und Menschenrechte. Langfristig wollen wir auch eine Reform des Bildungswesens, der Forschung und der Medien.

dpa: Was wollen Sie im Bereich Medien reformieren?

Ghoslan: Ich denke, bei den privaten Medien darf es keine absolute Freiheit geben. Denn es ist zum Beispiel nicht richtig, wenn reiche Geschäftsleute mehrere Fernsehkanäle und Zeitungen besitzen und dadurch die öffentliche Meinung beeinflussen. Deshalb sollten die privaten Medienunternehmen wie Aktiengesellschaften organisiert sein, an denen jeder Investor oder jede Familie einen Anteil von maximal fünf oder zehn Prozent halten darf. Es sollte auch weiterhin Parteiorgane und staatliche Medien geben. Die Medien spielen immer auch eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung der Korruption.

dpa: Was wollen Sie gegen die Korruption unternehmen, die sich durch den Rücktritt Mubaraks und die Entlassung einiger Minister ja nicht in Luft aufgelöst hat?

Ghoslan: Was aus der Zeit des alten Regimes bisher ans Licht kam, ist nicht mehr als ein Tropfen in einem großen Meer von Korruption. Es gibt viele Akten, die noch gar nicht geöffnet wurden. Und deshalb versuchen wir, den Menschen von innen heraus zu ändern, sein Gewissen wieder zu aktivieren und seinen Glauben an Gott zu stärken. Wir helfen den Leuten, sich zu verändern, damit sie nicht abweichen vom richtigen Weg, auch durch Kontrolle und Strafen.

dpa: Wird Ägypten in zehn Jahren ideologisch Saudi-Arabien näher stehen oder der Türkei?

Ghoslan: Ägypten wird ein besseres Beispiel für den Islam sein als die Türkei oder Saudi-Arabien.

dpa: Kann Ägypten auch ohne westliche Strandtouristen auskommen, deren Lebensstil nicht den Vorstellungen Ihrer Bewegung entspricht?

Ghoslan: Der Tourismus ist eine gute Einkommensquelle, genau wie die Landwirtschaft, auf die wir ja auch nicht verzichten würden. Wir müssen das bewahren. Die Zahl der Touristen, die nur baden wollen, ist nicht so groß, und es wäre zum Beispiel denkbar, dass es künftig verschiedene Orte gibt für ausländische und ägyptische Urlauber.

dpa: Viele Ägypter, die das Programm Ihrer Partei nicht mögen, denken jetzt an Auswanderung, vor allem die koptischen Christen. Wie wollen Sie die Abwanderung von Akademikern und Geschäftsleuten, die Ihr Land dringend braucht, verhindern?

Ghoslan: Das alte Regime benutzte die Islamisten, um den eigenen Bürgern und dem Westen Angst einzujagen. Dabei gibt es gar keinen Grund, Angst zu haben. Die Christen sind unsere Brüder. Sie haben als Bürger die gleichen Rechte wie wir. (...) Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Islam verbietet es dem Muslim, Alkohol zu trinken oder zu verkaufen. Wenn ein Muslim in das Haus eines Muslims geht und dort eine Flasche Alkohol findet, dann ist es eine gute Tat, wenn er sie zerschlägt. Doch wenn ein Muslim in das Haus eines Christen geht und dort eine Flasche Alkohol zerschlägt, dann soll er dafür bestraft werden.

Das Gespräch führte Anne-Beatrice Clasmann, dpa

Link: