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Lagarde erhöht Druck auf Berlin

Während die Krisenländer Europas Rekordzinsen zahlen müssen, wenn sie dringend benötigtes Geld auf dem Kapitalmarkt aufnehmen, bekommt Deutschland Milliarden für Anleihen praktisch nachgeworfen. Berlin erspart sich damit enorme Summen für Zinsen. Kein Wunder, dass die Rufe lauter werden, Deutschland solle mehr in die Euro-Rettung investieren - nun auch von IWF-Chefin Christine Lagarde.

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Die für das Schuldenmanagement zuständige Finanzagentur sammelte am Montag 2,54 Mrd. Euro ein und musste Investoren für Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zwölf Monaten nur eine durchschnittliche Rendite von 0,07 Prozent bieten. Bei der vorigen Auktion Ende 2011 lag der Zins mit 0,346 Prozent zwar ebenfalls sehr niedrig, war aber fünfmal so hoch.

Suche nach „sicheren Häfen“

Die Auktion vom Montag war 2,2-fach überzeichnet, die Nachfrage der Anleger also gut doppelt so hoch wie das Angebot. In der Schuldenkrise gelten die deutschen Staatsanleihen als sicherer Hafen für Investoren, die dafür auch niedrige Zinsen in Kauf nehmen. Vor einigen Tagen hatte Deutschland bei einer Emission sogar von einer negativen Rendite profitiert, die Anleger zahlten also etwas, um investieren zu dürfen.

Experten erklären den anhaltenden Ansturm auf kurzfristige deutsche Schuldtitel mit der Suche der Anleger nach „sicheren Häfen“, in denen Mittel in Zeiten der Krise „geparkt“ werden können. Da die Banken einander nicht trauen und auch bei der Kreditvergabe im derzeitigen Wirtschaftsklima extrem vorsichtig sind, suchen sie verzweifelt nach anderen Möglichkeiten, ihre überschüssige Liquidität zu bunkern. Dass diese überhaupt vorhanden ist, liegt zu einem wesentlichen Teil an der Europäischen Zentralbank (EZB), die im Dezember fast 500 Mrd. Euro an extrem günstigen Dreijahreskrediten zur Verfügung gestellt hatte.

Lagarde fordert größeren Schutzschirm

Deutschland profitiert also enorm von der Euro-Krise: Die Zinszahlungen fielen im vergangenen Jahr auf den tiefsten Stand seit 1993. 2011 musste der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nur noch 32,8 Mrd. Euro an Zinsen für Staatskredite zahlen. Das waren 2,5 Milliarden Euro weniger als erwartet.

Christine Lagarde

dpa/Jens Meyer

IWF-Chefin Lagarde in Berlin

Angesichts dieser Ersparnisse erhöhen die europäischen Partner auch den Druck auf Deutschland, sich noch stärker an den Rettungstöpfen für den Euro zu beteiligen. So forderte IWF-Chefin Lagarde am Montag bei einem Besuch in Berlin eine deutliche Ausweitung des künftigen Euro-Rettungsschirms ESM. Sie sagte in Berlin, der Euro-Raum brauche „eine größere Brandmauer“. Sie plädierte zugleich dafür, die Mittel des im Sommer auslaufenden Hilfsfonds EFSF dem ESM zur Verfügung zu stellen. Das bisher geplante ESM-Kreditvolumen von 500 Mrd. Euro solle aufgestockt werden.

ESM kommt ein Jahr früher

Laut Diplomaten einigten sich die Finanzminister der Euro-Länder am Montag darauf, dass der ESM am 1. Juli - und damit ein Jahr früher als ursprünglich geplant - starten soll. Im März wollen die EU-Staats- und Regierungschefs prüfen, ob die ESM-Obergrenze von 500 Milliarden Euro reicht. Dieser Überprüfungstermin war schon im vergangenen Jahr beschlossen worden.

Merkel gegen Aufstockung

Lagarde nannte zwar Deutschland nicht explizit, Beobachtern war aber klar, dass sie dabei vor allem Berlin im Auge hatte. Auch Italiens Regierungschef Mario Monti hatte bei einem Treffen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel Ähnliches gefordert. Doch die will davon nichts wissen. Für sie habe Priorität, „den ESM jetzt erst einmal in Kraft zu setzen“, sagte sie am Montag. Vor Diskussionen über eine Ausweitung des ESM müsse sichergestellt werden, dass dessen Vorgänger, der derzeitige Euro-Krisenfonds EFSF, voll „arbeitsfähig“ sei und im Krisenfall auch wirklich agieren könne.

Für Deutschland ist es eine gefährliche Gratwanderung. Denn abgesehen von dem wirtschaftspolitischen Erdbeben, das ein Scheitern des Euro nach sich ziehen würde, wäre es insbesondere für Deutschland eine Katastrophe. Das Land profitiert von der Gemeinschaftswährung besonders, baut doch die Wirtschaft darauf auf, dass Deutschland eines der größten Exportländer der Welt ist. Zwei Drittel der Ausfuhren gehen in den Euro-Raum - ohne Wechselkursrisiko. Ein Ende der Euro-Zone würde dann auch das Ende des Exportbooms bedeuten - und damit dunkle Zeiten für den Wirtschaftsmotor Europas.

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