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„Völlig falsch und aus dem Zusammenhang“

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat am Dienstagabend erstmals persönlich zu seinem Vergleich von Besuchern des Balls des Wiener Korporationsrings (WKR) am letzten Freitag in der Wiener Hofburg mit vom NS-Regime verfolgten Juden Stellung genommen. Dabei zeigte er sich in der ZIB2 „zutiefst entsetzt und empört“ darüber, dass „die Dinge völlig falsch und aus dem Zusammenhang“ gerissen berichtet worden seien.

Geht es nach dem FPÖ-Chef, ist jede Aufregung um seine Sager auf dem Ball überflüssig. Er habe „tiefstes Mitgefühl mit allen Opfern des unsäglichen nationalsozialistischen Regimes“ und der Pogrome der „Reichskristallnacht“. Der Vergleich zwischen Ballbesuchern und diesen Opfern sei so wie berichtet nie von ihm gezogen worden, sagte Strache. Verdrehungen werde er nicht zulassen.

Laut „Standard“ hatte Strache zu Ballbesuchern gesagt: „Wir sind die neuen Juden.“ Ausschreitungen rund um den Veranstaltungsort und Angriffe auf Burschenschafterbuden durch Demonstranten bzw. Ballgegner verglich er laut der Zeitung (Montag-Ausgabe) mit der „Reichskristallnacht“. Strache soll dabei nicht bemerkt haben, dass sich Journalisten in Hörweite befanden.

Vergleich „so“ nicht angestellt

„Diesen Vergleich habe ich so nicht angestellt“, sagte Strache nun gegenüber der ZIB2. Der betreffende Journalist des „Standard“ habe offenbar ein Privatgespräch belauscht, in dem er erklären wollte - angesichts von Beleidigungen und Angriffen auf Ballbesucher - „wie solche totalitären Massenpsychosen“ zustande gekommen seien. Ballbesucher hätten „Todesangst“ verspürt, weinende Frauen seien zu ihm gekommen. Und da seien solche Phänomene eben diskutiert worden.

Heinz-Christian Strache in der ZIB

ORF

Strache geht in die Offensive und erwägt eine Klage gegen den „Standard“-Journalisten

Eine Klage werde „sicherlich auch ein Thema sein“, sagte Strache. Der „Standard“-Journalist bleibt allerdings bei seinen Berichten und würde die, hieß es in einer Anfrage der ZIB2, auch vor Gericht bezeugen. Strache sprach von „Bespitzelung“ und Aussagen, die aus einer „20-minütigen Situation“ völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden seien.

Er habe „eine sehr, sehr klare Abgrenzung“ zum Nationalsozialismus und stehe für Aussöhnung, sagte Strache. Die FPÖ habe mit „Antisemitismus nichts zu tun“. Er, Strache, habe in dieser Hinsicht „einen Schlussstrich“ in seiner Partei gezogen. Alles in allem ortet der FPÖ-Chef eine sehr politische Schlammschlacht, die von den Medien angezettelt worden sei.

SPÖ: Verkehrte Opferrolle der Freiheitlichen

Schon bevor Bundespräsident Heinz Fischer am Dienstag wissen ließ, dass die geplante Verleihung eines hohen Ordens der Republik an Strache vorerst „zurückgestellt“ werde, hatten die Vergleich für Empörung durch alle politischen Lager gesorgt - mit Ausnahme der FPÖ. Die sprach von einer „lächerlichen“ Aufregung und „Hetze“.

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas sprach am Montag von „immer wieder bewusst gesetzten Provokationen von Strache und seinen Mannen“. Diese dürften nicht unbeantwortet bleiben, sonst führe das zu einer „gesellschaftlichen und politischen Verrohung“. Der Wiener SPÖ-Landtagsabgeordnete Christian Deutsch warf Strache die Relativierung und „ungeheuerliche“ Verharmlosung des Massenmords der Nazis vor. „Dass sich die Hetzer von der FPÖ stets als ‚Opfer‘ präsentieren, ist ihre politische Strategie“, so Deutsch.

ÖVP: Keine Geschmacklosigkeit gescheut

ÖVP-Generalsekretär Hannes Rauch sprach von einer „Geschmacklosigkeit“ und einem Schlag ins Gesicht der Opfer des Nationalsozialismus. „Kein historischer Vergleich, sei er auch noch so geschmacklos, wird gescheut, um die eigene Kernklientel zu bedienen und sich selbst als das unschuldige Opfer hinzustellen.“ Dafür gebe es keine Entschuldigung, so Rauch.

Für Grüne „nicht mehr tragbar“

Der grüne Sozialsprecher Karl Öllinger warf Strache ebenfalls die „Verharmlosung von Nazi-Verbrechen und Nazi-Verbrechern“ vor und sagte, dieser sei in der Politik nicht mehr tragbar. „Er selbst sollte eigentlich jetzt die Konsequenzen ziehen“, forderte Öllinger Strache zum Rücktritt auf. Wer mehr als 70 Jahre nach den November-Pogromen einen solchen Vergleich ziehe, habe „entweder keine Tassen im Schrank oder versucht, die Schrecken der Nazi-Herrschaft zu verharmlosen“.

Für das BZÖ bezeichnete Bündniskoordinator Markus Fauland die Äußerung Straches als „zutiefst geschmacklos und deplatziert. Der FPÖ-Obmann ist gefordert, diese Aussage schleunigst zurückzunehmen“.

Für FPÖ „künstliche“ Empörung

FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky sprach dagegen in einer Aussendung von einer „künstlichen und lächerlichen“ Empörung. Der „Standard“-Bericht sei „maßlos übertrieben und die Aussage völlig verzerrt dargestellt“. Strache habe sich lediglich methodisch an die „grausamen Berichte über die unselige NS-Zeit“ erinnert gefühlt, so Vilimskys Sicht. Strache selbst sprach via Facebook von „bewussten Verdrehungen“, „gezielten Verleumdungen und Manipulationen“.

IKG kündigt Sachverhaltsdarstellung an

Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) hielt in einer Aussendung fest, es sei eine „ungeheuerliche Provokation“, den Besuch des WKR-Balls mit der Judenverfolgung zu vergleichen. Die IKG kündigte eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft an, da diese Äußerungen bei „nicht durch parlamentarische Immunität Privilegierten wie ihm (Strache, Anm.)“ strafrechtliche Folgen nach sich ziehen würden.

Zugleich forderte die IKG Strache auf, von sich aus den Nationalrat zu ersuchen, seine Immunität aufzuheben, und stellte dem FPÖ-Chef die rhetorische Frage, ob sich der Burschenschafter Strache der Satisfaktion entziehen wolle.

FPÖ sieht „Hetze“

Vilimsky dagegen sah ganz im Sinne der FPÖ-Sicht auf die Auseinandersetzung rund um den WKR-Ball Strache als Opfer der „Hetze“ von „Linksextremisten“. Diese hätten Studentenhäuser mit Brandsätzen attackiert und Menschen „verleumdet, tätlich angegriffen und geradezu verjagt“.

Strache habe „das Leid, das den Juden angetan wurde“, nicht relativieren wollen. Er habe „aber die Hetze des Nazi-Regimes gegen Menschen anderen Glaubens mit der gewalterfüllten Hetze von Linksextremisten gegen Menschen anderer Meinung in Bezug gebracht“, bestätigte Vilimsky aber grundsätzlich, dass Strache die vom „Standard“ berichteten Vergleiche in dieser oder einer ähnlichen Form gezogen hatte.

Im Zuge der November-Pogrome wurden Hunderte Juden ermordet und Tausende Synagogen, Bethäuser und Wohnungen zerstört und verbrannt. Die Pogrome gelten als Auftakt zur systematischen Verfolgung der Juden durch das NS-Regime.

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