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„Gehe mit dem Gefühl der Neugier“

Mit einem Großen Zapfenstreich hat sich Deutschlands Ex-Bundespräsident Christian Wulff am Donnerstag endgültig in den Ruhestand verabschiedet. Drei Wochen nach dem Rücktritt äußerte der 52-Jährige im Berliner Schloss Bellevue „Bedauern“ darüber, dass er seine Amtszeit nicht zu Ende bringen konnte. Die bereits zuvor scharf kritisierte Zeremonie war überschattet von Protesten und Kritik.

Auf den Zapfenstreich - wie er zu Ehren von scheidenden Staatsoberhäuptern üblich ist - hatte Wulff bestanden. Während der Zeremonie im Garten des Präsidialamtes wirkte er sehr ernst. Auf eigenen Wunsch des Ex-Präsidenten hatte die Bundeswehr vier Musikstücke im Programm, darunter auch Ludwig van Beethovens Ode „An die Freude“ und den seit den 30er Jahren weltbekannten Harold-Arlen-Klassiker „Over the Rainbow“.

Seehofer, Wulff und Thomas de Maizere beim Großen Zapfenstreich

APA/EPA/dpa/Soeren Stache

Seehofer, Wulff und Thomas de Maizere beim Großen Zapfenstreich

„Höhen und Tiefen“

Zu seiner persönlichen Zukunft sagte Wulff nur: „Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt.“ In 37 Jahren politischer Tätigkeit habe er „Höhen und Tiefen“ erlebt. Auf die Umstände seines Rücktritts vor drei Wochen ging der zehnte Präsident der Bundesrepublik Deutschland nicht ein. Auch zu der Kritik an seinem künftigen „Ehrensold“ von annähernd 200.000 Euro pro Jahr äußerte sich Wulff nicht.

Vielmehr blickte Wulff mit Wehmut auf seine vorzeitig beendete Karriere als deutscher Bundespräsident zurück und äußerte Bedauern, dass er seine Amtszeit von fünf Jahren nicht zu Ende bringen konnte. „Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können. Nun ist es anders gekommen“, so Wulff, der in diesem Zusammenhang ganz nach Wilhelm Busch betonte: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“

Frau und Tocher von Bundespräsident Christian Wulff sitzen neben Kanzlerin Angela Merkel

APA/EPA/dpa/Wolfgang Kumm

Der zurückgetretene Präsident fand auch Lob für seine Frau Bettina Wulff

Wie bereits bei seiner Rücktrittsrede sprach sich Wulff neuerlich für eine Gesellschaft aus, in der auch Platz für andere Kulturen sein solle. „Vielfalt, Weltoffenheit, Freiheit und sozialer Ausgleich - das macht unser Land aus und stark.“ Seinem Nachfolger - vermutlich der protestantische Theologe und DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck - wünsche er „eine glückliche Hand für Deutschland und breite Unterstützung“. Ausdrücklich bedankte sich Wulff auch bei „allen Bürgerinnen und Bürgern in unserer so aktiven Bürgergesellschaft“. Seine Frau Bettina lobte er, sie habe Deutschland „auf großartige Weise überzeugend repräsentiert“.

Lautstarker Protest

Vor dem Schloss machten einige hundert Wulff-Gegner ihrem Ärger mit Trillerpfeifen und Vuvuzelas Luft. Diese waren auch im Garten des Präsidialamtes laut zu hören - solche Proteste gab es bei Politikerabschieden in der jüngeren Geschichte in Deutschland noch nie.

Wulff gegner mit Vuvuzella am Mikrofon

dapd/Maja Hitij

Vuvuzela-Protest vor den Toren von Schloss Bellevue

An der Zeremonie nahmen zwar der Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) als derzeit amtierendes Staatsoberhaupt, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und mehrere Minister teil. Von Wulffs vier noch lebenden Vorgängern war jedoch kein Einziger dabei. Auch die Opposition fehlte praktisch komplett. Nach einer Umfrage für die Nachrichtenagentur dpa erwarten drei Viertel der Deutschen (73 Prozent), dass Wulff für immer der Politik fernbleibt.

Nach dem damit bereits zweiten Rücktritt eines Bundespräsidenten in zwei Jahren wird unterdessen der Ruf nach einer direkten Wahl des Staatsoberhaupts immer lauter. Fast 80 Prozent der Deutschen sprechen sich laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov mittlerweile dafür aus. Völlig dagegen sind lediglich vier Prozent.

Weiter Debatte über „Ehrensold“

Gegen Wulff ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er in seiner Zeit als niedersächsischer CDU-Ministerpräsident von einem befreundeten Unternehmer geldwerte Vorteile bekommen haben soll. Das war auch Auslöser für den am 17. Februar erfolgten Rücktritt.

Kritik gibt es auch daran, dass Wulff trotz einer Amtszeit von nicht einmal 600 Tagen Zeit seines Lebens pro Jahr annähernd 200.000 Euro „Ehrensold“ erhalten soll. Wulff ist der jüngste Ex-Präsident, den Deutschland je hatte. Weiterhin Kritik gab es auch daran, dass der Ex-Präsident auf den Zapfenstreich nicht verzichten wollte. Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast warf ihm im „Hamburger Abendblatt“ vor, mit der militärischen Verabschiedung der deutschen Bundeswehr zu schaden.

Die Opposition hatte Wulff bis zuletzt aufgefordert, wegen der Umstände seines Rücktritts auf die Zeremonie zu verzichten. Zusätzliche Brisanz erhielt die Debatte aufgrund des von Wulff ausgeschlagenen Verzichts auf das Ruhegehalt des deutschen Bundespräsidenten und ein Büro inklusive Mitarbeiterstab und Dienstwagen. Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel empfahl Wulff im SWR, einen Teil des Ehrensolds für gemeinnützige Zwecke zu spenden und „vielleicht selber eine gemeinnützige Arbeit“ zu leisten.

„Guter Vertreter Deutschlands“

Bayerns Ministerpräsident Seehofer als amtierendes Staatsoberhaupt lobte ihn hingegen dafür, dass er Deutschland „wichtige Impulse“ gegeben habe. Wörtlich sagte er: „Sie waren ein guter Vertreter des modernen Deutschlands.“

Soldaten mit Fackeln

APA/DPA/EPA/Soeren Stache

Wulff bestand auf die traditionelle Präsidenten-Abschiedszeremonie

Beim Zapfenstreich waren zahlreiche offizielle Gäste zugegen, darunter Repräsentanten der Verfassungsorgane, Familienangehörige und Wegbegleiter Wulffs sowie Vertreter des Verteidigungsministeriums und der Bundeswehr. Zudem standen mehrere hundert Soldaten Spalier.

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