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Angst vor weiteren Anschlägen

Die Hintergründe der Mordserie in Südfrankreich sind weiterhin völlig rätselhaft. Über die Motive und die Identität des unbekannten Serientäters bestehe noch immer Unklarheit, sagte Innenminister Claude Gueant.

„Wir wissen bis heute nicht, wer er ist; so weit sind wir noch nicht“, sagte der Minister am Dienstag dem Radiosender Europe 1. Der Täter habe eine „kleine Kamera“ getragen, berichtete Gueant unter Berufung auf Augenzeugen. „Ich weiß nicht, was er filmte“, sagte der Minister. Der Todesschütze hatte zunächst innerhalb weniger Tage drei Soldaten erschossen und einen verletzt und am Montag dann vor einer jüdischen Schule einen Lehrer und drei Kinder getötet. Seitdem läuft die Fahndung auf Hochtouren.

„Extrem beunruhigt“

Bereits am Montagabend hatte Gueant im Fernsehen eingeräumt, dass es aufgrund der Erkenntnisse momentan noch nicht möglich sei, ein Phantombild des Todesschützen zu erstellen, der bei seinen Angriffen immer einen Motorradhelm trug. In allen drei Fällen wurde mit derselben Waffe geschossen, und der Täter entkam auf einem Motorroller. In der Region geht nun die Angst vor weiteren Anschlägen um. Der Bürgermeister von Toulouse, Pierre Cohen, verwies im TV-Nachrichtensender BFM auf die Kaltblütigkeit des Täters. „Wir sind extrem beunruhigt“, sagte er.

Trauernde Mitglieder der Jüdischen Gemeinschaft in Paris

APA/EPA/Ian Langsdon

Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Paris trauern

Gezielte Schüsse

Die Ermittlungen konzentrieren sich auf ein islamistisches oder rechtsextremistisches Motiv. Laut Ermittlerkreisen könnte es sich um einen früheren Soldaten handeln, da der Mann im Umgang mit Waffen geübt ist. Die Schüsse, die er bei den Attentaten abgab, seien gezielt abgefeuert worden, hieß es. Auch ein rechtsextremer Hintergrund scheint möglich: Laut dem Magazin „Le Point“ gab es im 17. Fallschirmjägerregiment, zu dem die ersten drei Todesopfer gehörten, Neonazis.

Die Satire- und Enthüllungszeitung „Le Canard enchaine“ veröffentlichte 2008 ein Foto von drei Soldaten, die vor einer Hakenkreuzfahne den Hitlergruß zeigten. Ein Soldat berichtete seinen Vorgesetzten davon und verließ dann das Regiment. Es gibt aber auch die Hypothesen, dass die Taten von einem aus Afghanistan zurückgekehrten und traumatisierten Soldaten verübt wurden oder dass es sich um mögliche Racheakte zum Jahrestag des Abkommens von Evian handelt, das sich nun zum 50. Mal jährte. Mit dem Abkommen war 1962 der blutige Algerien-Krieg beendet worden.

Französischer Innenminister Claude Gueant am Ort der Schießerei

APA/EPA/Caroline Blumberg

Frankreichs Innenminister Claude Gueant besuchte am Montag den Tatort

Frankreich unter Schock

Mit einer Schweigeminute gedachte Frankreich am Dienstag der Opfer des Angriffs auf die jüdische Schule in Toulouse. In den Schulen des Landes wurde der Unterricht um 11.00 Uhr für eine Minute unterbrochen, auch Senat und Nationalversammlung legten eine Schweigeminute ein. Präsident Nicolas Sarkozy schloss sich dem Gedenken in einer Pariser Schule an. Auch der sozialistische Präsidentschaftskandidat Francois Hollande gedachte in einer Schule im Großraum Paris der Opfer.

„Alle Schüler, wir alle, sind betroffen über das, was passiert ist. (...) Diese Kinder sind wie Ihr, die Opfer sind unschuldig“, sagte Sarkozy. Die gesamte Nation fühle sich solidarisch mit den Angehörigen der Opfer. Es würde alles getan, um den Täter zu fassen.

Montagabend waren mehr als 1.000 Menschen zu einer Trauerfeier in eine Pariser Synagoge gekommen. Eine Demonstration von mehreren tausend Trauernden, die der Verband jüdischer Studenten in Frankreich organisiert hatte, führte vom Platz der Republik zur Bastille. Viele der meist jungen Teilnehmer schwenkten zum Zeichen der Einheit französischen Fahnen, berichteten Medien am späten Abend.

Wahlkampf ausgesetzt

Wegen des Anschlags unterbrachen die Parteien vorübergehend den Präsidentschaftswahlkampf. Sarkozy reiste noch am Montagvormittag nach Toulouse. Auch Hollande sagte alle Parteitermine ab und informierte sich am Nachmittag am Tatort. Sarkozy sprach von einer nationalen Tragödie. Nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts im Elysee am Abend verhängte er die höchste Terroralarmstufe für die Region. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden nun besonders gesichert.

Nach Angaben von Sarkozy handelt es sich beim Täter um denselben, der in den Tagen zuvor zwei Anschläge auf Soldaten verübt hatte. „Jedes Mal, wenn dieser Mann in Aktion tritt, handelt er, um zu töten. Er lässt seinen Opfern keine Chance“, sagte Sarkozy. Ein antisemitisches Motiv sei wahrscheinlich, der Mann sei gefährlich und müsse schnellstens gefasst werden. „Diese schreckliche Tat kann nicht ungesühnt bleiben. Alle, wirklich alle verfügbaren Mittel werden eingesetzt werden, um diesen Kriminellen daran zu hindern, weiter Schaden anzurichten.“

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