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1.425 Tage unter Beschuss

Am Freitag jährt sich zum 20. Mal der Beginn der Belagerung Sarajevos im dreijährigen Bosnien-Krieg (1992 bis 1995). Mit 1.425 Tagen ist es die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert. Von den Hügeln aus wurde die Stadt fast ununterbrochen unter Beschuss genommen. An einigen Tagen schlugen mehr als 3.000 Granaten im Stadtgebiet ein.

Eigentlich begann die Belagerung Sarajevos schon am 5. April 1992, als von serbischen Militärverbänden der städtische Flughafen im Stadtviertel Ilidza besetzt wurde. Daraufhin wurden auf Bergen um die bosnische Hauptstadt schätzungsweise rund 120 Mörser und 250 Panzer der bosnisch-serbischen Truppen aufgestellt. Sie stammten von den einstigen jugoslawischen Streitkräften (JNA, Jugoslawische Volksarmee). Anfang Mai wurde eine Blockade verhängt.

Parlamentsgebäude in Sarajewo in Brand

Reuters/Corinne Dufka

Brennendes Parlamentsgebäude am 20. August 1992

3.777 Granaten an einem Tag

Auf die Stadt wurden im Schnitt pro Tag 329 Granaten abgeschossen. Den Rekord erlebte Sarajevo am 22. Juli 1993, als 3.777 Granaten abgefeuert wurden. Bei dem anhaltenden Beschuss wurden laut offiziellen Angaben 11.541 Menschen, darunter 643 Kinder, getötet. Nach anderen Zahlen befanden sich unter den Opfern des Bosnien-Krieges sogar 1.601 Kinder aus Sarajevo. Mehr als 50.000 Menschen wurden verletzt, an die 35.000 Gebäude wurden zerstört - darunter auch Krankenhäuser, Medienzentren, Industrieanlagen, staatliche Einrichtungen und die Nationalbibliothek, die am 25. August 1992 niederbrannte.

Die meisten Todesopfer kamen durch Mörsergranaten und Scharfschützenschüsse ums Leben. Der verlustreichste Granateinschlag ereignete sich am 5. Februar 1994. Eine Mörsergranate schlug auf dem überfüllten Markale-Marktplatz ein und tötete 68 Menschen, 144 wurden verletzt. Eineinhalb Jahre später, am 28. August 1995, schlugen fünf Mörsergranaten in denselben Markt und töteten 37 Menschen, 90 weitere wurden verletzt.

Menschen flüchten auf der Straße, Schild mit der Aufschrift "Vorsicht Sniper"

AP/JF/str/Jockel Finck

Aufschriften „Vorsicht, Sniper!“ gehörten in den Kriegsjahren zum Stadtbild

In einer Warteschlange für die Brotverteilung in der zentral gelegenen Vase-Miskina-Straße kamen gleich zu Kriegsbeginn - am 27. Mai 1992 - 22 Menschen ums Leben, rund 60 weitere wurden schwer verletzt. Von bosnischen Serben wurde die Verantwortung für die schwersten Mörserangriffe immer wieder bestritten und bosniakischen (muslimischen) Truppen zugeschrieben.

Versorgung über Tunnel und Luftbrücke

Alle Versuche, die Belagerung Sarajevos militärisch oder diplomatisch zu durchbrechen, scheiterten danach kläglich. Mitte 1993 wurde ein 800 Meter langer Tunnel fertiggestellt, der Menschen ermöglichte, die belagerte Stadt zu verlassen. Er diente auch zur Versorgung Sarajevos.

Im Oktober 1995 wurde zunächst ein Waffenstillstand vereinbart. Am 9. Jänner 1996 wurde die internationale Luftbrücke nach dreieinhalb Jahren und rund 13.000 Flügen eingestellt. Das übertrifft die Dauer der Berliner Luftbrücke. Aber erst am 29. Februar 1996 erklärte die bosnisch-herzegowinische Regierung die Belagerung Sarajevos offiziell für beendet.

Alle fühlen sich als Opfer

Das Land ist nach wie vor entlang der ethnischen Achsen - bosniakisch, kroatisch, serbisch - geteilt. Bei allen Unterschieden der Bevölkerungsgruppen gibt es eine Gemeinsamkeit: Alle fühlen sich als Hauptopfer des Kriegs - mehr dazu in science.ORF.at.

Ein Konzert und 11.541 rote Sessel

Zum 20. Jahrestag der Belagerung gedenkt die Stadtverwaltung der Kriegsopfer mit einem Konzert unter dem Namen „Die rote Linie von Sarajevo“. Im Stadtzentrum wurden in Erinnerung an die Kriegsopfer 11.541 rote Sessel aufgestellt. „Die Sessel erinnern an jene Menschen, welchen wir vor dem Krieg täglich begegneten“, erläuterte Danijel Zontar, der Kunstdirektor des Erinnerungskonzerts.

„Wir müssen die Erinnerung an diese Menschen wahren, damit so etwas nie mehr und schon gar nicht in Europa vorkommt“, sagte auch Bürgermeister Alija Behmen. In etlichen Schaufenstern wurden anlässlich des Jahrestages Plakate ausgestellt, die an die Zeit der Stadtbelagerung erinnern. Zum Jahrestag kamen in Sarajevo bei einem Treffen zum Thema „Medien im Krieg und Frieden“ erneut jene internationalen Journalisten zusammen, die die Belagerung miterlebt hatten.

Die Schauspielerin Amra Tanovic-Brankovic hat im Namen eines Elternverbandes der ums Leben gekommenen Kinder eine Ausstellung vorbereitet. Nicht zuletzt wird der Jahrestag auch durch eine gemeinsame Ausstellung bosnischer und österreichischer Künstler vom 27. April bis zum 9. Mai gedacht werden.

Mladic-Prozess im Mai

Wegen der Sarajevo-Beschießung wurden zwei einstige bosnisch-serbische Offiziere - Stanislav Galic und Dragomir Milosevic - vom UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) zu lebenslanger bzw. 29-jähriger Haft verurteilt. Wegen derselben Vorwürfe hat sich derzeit auch der einstige Präsident der Serbischen Republik, Radovan Karadzic, zu verteidigen. Mitte Mai beginnt vor dem Haager Gericht auch der lange erwartete Prozess gegen den einstigen Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic. Er war der eigentliche Hauptverantwortliche für die Belagerung der bosnischen Hauptstadt.

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