Themenüberblick

Reformer nach Bos Sturz gestärkt

Für Chinas Kommunistische Partei wird die Affäre, die zum Sturz des Spitzenpolitikers Bo Xilai geführt hat, vor dem geplanten Führungswechsel im Herbst zur Belastungsprobe. Seit dem Machtkampf im Vorfeld der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 hat sich die Führung in Peking wohl nicht mehr mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert gesehen, sagen selbst chinesische Beobachter.

Die sorgfältigen Vorbereitungen für den im Herbst geplanten, nur alle zehn Jahre stattfindende Generationswechsel an der Spitze der Partei wurden kräftig durcheinandergewirbelt. Es ist vor allem ein schwerer Schlag für die „neue Linke“ in der Kommunistischen Partei. Wegen seiner „roten“ Kampagne und seiner linken Sozialpolitik in der Millionenmetropole Chongqing war Bo zur Galionsfigur der linkskonservativen Kräfte geworden, die mit seiner Hilfe ihren Einfluss ausweiten und sich gegen den marktorientierten Kurs der Reformer stemmen wollten.

„Versuche der Linken komplett fehlgeschlagen“

„Die Versuche der Linken sind komplett fehlgeschlagen“, sagte der Politologe Zhang Ming von der Volksuniversität (Renmin Daxue) in Peking am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. „Das Scheitern ist so dramatisch, dass ich davon ausgehe, dass unter den neuen Führern niemand wie Bo Xilai sein wird.“ Das Tauziehen um den Skandal hat nach seiner Ansicht zu einer Verschiebung zwischen den Lagern geführt: „Der Trend zur Reform wurde gestärkt“, glaubt Zhang.

Wie ernst die Parteiführung die linken Unterstützer des populistischen Aufsteigers nimmt, demonstrierten das zentrale Parteiorgan „Renmin Ribao“ („Volkszeitung“) und die Staatsmedien. In einem konzertierten Aufruf mahnten sie Einheit und Unterstützung für die „korrekte Entscheidung“ des Zentralkomitees ein, ihn aus dem mächtigen Politbüro zu entfernen. Mit den Enthüllungen tritt die Partei die Flucht nach vorn an, um die Affäre möglichst schnell hinter sich zu bringen. Eile ist geboten: Bis zum Parteitag „bleibt nicht viel Zeit“, sagte ein chinesischer Beobachter.

„Warten auf die zweite Staffel“

Der „dringende Mordverdacht“ gegen Bos prominente Frau Gu Kailai, die schon als „Chinas Jackie Kennedy“ beschrieben wurde, eröffnet ein weiteres düsteres Kapitel in dem Politthriller, der das Milliardenvolk seit zwei Monaten in Atem hält. „Wir warten jetzt auf die zweite Staffel“, sagt der bekannte chinesische Blogger Michael Anti. „Ich glaube nicht, dass sich die Leute in Hollywood eine solch dramatische Serie ausdenken können.“

Die 52-jährige frühere Anwältin soll in den Mord an dem britischen Unternehmensberater Neil Heywood verwickelt sein. Sein Tod im November in einem Hotel in Chongqing war erst als Folge übermäßigen Alkoholkonsums vertuscht worden. Der 41-Jährige war ein enger Freund der Familie und hatte den Sohn Bos, Guagua, mit seinen Beziehungen nach England auf eine britische Eliteschule gebracht. Gerüchte in Hongkonger Medien, laut denen er das Vermögen der Familie ins Ausland geschleust oder sogar ein Verhältnis mit der Politikerfrau gehabt haben soll, wurden nicht bestätigt.

Giftmord vermutet

Seit Beginn des Skandals wollen Beobachter aber wiederholt gezielte Indiskretionen entdeckt haben, die immer wieder neue Details der Affäre ans Licht brachten. Selbst die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua schrieb, Gu und ihr Sohn hätten „ein gutes Verhältnis“ zu Heywood gehabt. „Sie hatten aber einen Konflikt über wirtschaftliche Interessen, der sich verschärft hat.“ Ermittlungen hätten ergeben, dass der Brite ermordet worden sei. Die Politikerfrau und ein Mitarbeiter der Familie wurden unter Mordverdacht in Haft genommen. Vermutet werde ein Giftmord, heißt es.

Andreas Landwehr, dpa

Links: