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„Das ist kein Dalai Lama“

Als Anfang April einer der mächtigsten Männer in Chinas Politbüro - Bo Xilai - endgültig entmachtet wurde, hat das weltweite Wellen geschlagen. Selten zuvor gewährte die kommunistische Elite des Landes einen so tiefen Einblick in das interne Ränkespiel um Macht und Einfluss. Bisher kaum beachtet wurde, dass die USA unfreiwillig eine Hauptrolle in dem Machtkampf spielten.

US-Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton hätten bei diesem Schauspiel wohl lieber als interessierte Zaungäste zugesehen - denn noch ist völlig unklar, wie sich die Umwälzungen auf die künftigen Machtverhältnisse auswirken, die wohl bei der Sitzung des Zentralkomitees im Herbst neu geregelt werden. Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf Diplomaten, US-Regierungsvertreter und Kongressmitarbeiter über Details jener Ereignisse, die den Machtkampf ins Rollen brachten.

Engster Mitarbeiter als Verräter

Bekannt war bisher lediglich, dass die Flucht des „Super-Bullen“ Wang Lijun, jahrelang die rechte Hand Bos, in das US-Konsulat in Chengdu Anfang Februar den Politthriller ausgelöst hatte. Als der frühere Vizebürgermeister Wang das Konsulat in der Stadt Chengdu aufsuchte, sei er sehr erregt gewesen und habe eine Geschichte, die Mord und Korruption einschloss, erzählt. Wang bat um Asyl und betonte, er fürchte um sein Leben, als chinesische Sicherheitskräfte kurz nach seinem Eintreffen das US-Gebäude umstellten.

Ex-Polizeichef Wang Lijun

AP

Wang Lijun - noch in Uniform - löste Bo Xilais tiefen Fall aus

Die hochsensible Personalie erreichte binnen kurzer Zeit via US-Botschaft in Peking und State Department das Weiße Haus in Washington. Nach längeren und hektischen diplomatischen Verhandlungen sei Wang schließlich 36 Stunden später an die chinesischen Behörden ausgeliefert worden, so die „NYT“ - allerdings nicht an die lokalen Behörden, die Wangs früherem Herrn Bo weiter treu zur Seite standen. Vielmehr sei ein Vertreter eines Pekinger Ministeriums gekommen, der ihn durch den Kordon örtlicher Sicherheitskräfte in die Hauptstadt eskortiert habe.

Bei sich hatte Wang jede Menge Belastungsmaterial gegen Bo und dessen Ehefrau Gu Kailai - wenige Wochen später kam es zur Entmachtung Bos und der Einleitung der Morduntersuchung gegen Gu. Sie ist verdächtig, den britischen Geschäftsmann Neil Heywood, mit dem sie Geschäfte machte und gerüchteweise ein Verhältnis gehabt haben soll, im Herbst vergangenen Jahres ermordet zu haben.

„Wurde nicht hinausgeworfen“

Die Argumentation der US-Regierung für ihr Vorgehen laut „NYT“: Man habe Wang gegenüber den lokalen Sicherheitsbehörden in Schutz genommen und ihm mit der Auslieferung an Peking zugleich ermöglicht, seine Vorwürfe gegen Bo zu erheben. „Wang wurde nicht hinausgeworfen“, so ein hochrangiger Regierungsbeamter gegenüber der „NYT“. Mehrere Republikaner im US-Kongress hegen jedoch den Verdacht, Obamas Regierung habe in dem Fall falsch gehandelt und Wang den chinesischen Machthabern ausgeliefert. Immerhin habe Wang explosives Material, das den Machtkampf in China mittelbar betrifft, bei sich gehabt.

Die USA seien mit ihrer Verwicklung in die Affäre dem Risiko ausgesetzt, dass die bilateralen Beziehungen belastet werden und damit die Zusammenarbeit etwa in den Nuklearstreits mit Nordkorea und dem Iran leidet, so die „NYT“, der gegenüber ein Kongressmitarbeiter die Causa mit dem Geheimdienstthriller „Bourne Verschwörung“ verglich.

„Wäre unglaublich dumm“

Orville Schell, der Leiter des Zentrums für US-China-Beziehungen in der Asia Society, betonte: „Es wäre unglaublich dumm von den USA, öffentlich einen Part in diesem sehr schmutzigen chinesischen Familienstreit zu übernehmen. Die USA und China müssen dringend zusammenarbeiten - und wenn es etwas gibt, bei dem die Chinesen besonders empfindlich sind, so ist es, wenn ihre eigenen privaten Angelegenheiten vor Ausländern in einer peinlichen Weise offengelegt werden.“

Die Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Repräsentantenhaus, die Republikanerin Ileana Ros-Lehtinen, forderte von Außenministerin Clinton noch im Februar, alle Telegramme, E-Mails und Memos in Zusammenhang mit der Causa offenzulegen. Der Fall lasse Fragen „über die Wahrung der nationalen Interessen und der Sicherheit von Herrn Wang“ offen.

Alles andere als ein Dissident

Das Außenministerium kam dieser Aufforderung bisher nicht nach. Es rechtfertigte gegenüber der „NYT“ das Vorgehen und verwies darauf, dass man nicht jedem, der um Asyl ansuche, dieses einfach gewähren könne. Außerdem würden - bis auf seltene Ausnahmen - die Anträge in der Regel außerhalb Chinas gestellt. Dazu komme, dass Wang kein Dissident sein, sondern selbst jahrelang hochrangiger Vertreter des Regimes war und wegen einer persönlichen Machtfehde unter Druck geriet. Wang habe zudem als Polizeichef von Chongqing einen Ruf als rücksichtsloser Regimevertreter gehabt. Daher sei es unmöglich gewesen, Wang Asyl zu gewähren, so die Argumentation.

Wang hatte laut „NYT“ Belastungsmaterial gegen Bo bei sich, als er ins US-Konsulat kam, händigte es jedoch nicht den US-Vertretern aus. Wang durfte vom Konsulat aus mehrere Telefonate mit Beamten in Peking führen. Dazwischen habe er die US-Diplomaten mit ausschweifenden Berichten über die „düstere Verbindung zwischen Macht, Politik und Korruption in China“ unterhalten.

„Unappetitlicher Charakter“

„Nicht alles passte zusammen, wie man es erwarten würde, aber er hat einige gute Einblicke geliefert“, so ein Kongressmitarbeiter. Und die „NYT“ zitiert einen früheren China-Berater von Ex-US-Präsident Bill Clinton: „Zwei Dingen waren in dem Moment klar, als er (Wang, Anm.) hereinkam: Das ist eine ganz große Sache. Und: Das ist ein sehr unappetitlicher Charakter. Es war kein Dalai Lama, der da durch die Tür des Konsulats ging.“

Wang hatte Bo als „größten Mafia-Boss“ beschrieben. Bisher ist völlig unklar, ob die - nicht öffentlich bekannten - Vorwürfe Wangs und die Ermordung des britischen Geschäftsmanns Heywood nur als Vorwand dienten, um den unter dem Spitznamen „Prinzling“ bekannten Bo abzusägen. Bo, der sich im Kampf gegen Korruption und als Vertreter des linken Flügels der KP einen Namen gemacht hatte, galt bis vor kurzem als aussichtsreicher Kandidat für einen Sitz im Ständigen Ausschuss des Politbüros, dessen neun Mitglieder im Herbst weitgehend ausgetauscht werden sollen. Der Politthriller legte die Spaltungen innerhalb der Partei vor dem bevorstehenden Wechsel der Führungsspitze offen.

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