Themenüberblick

Wurde Briten Gier zum Verhängnis?

In China kommt fünf Monate nach dem Mord an einem britischen Geschäftsmann mit exzellenten Verbindungen zur politischen Elite erstmals etwas Licht ins Dunkel. Der 41-jährige Brite Neil Heywood wurde am 15. November mit einem vergifteten Drink vermutlich in einem Hotel in der südwestchinesischen Stadt Chongqing getötet.

Das sagten am Montag zwei mit den Ermittlungen der Polizei vertraute Informanten. Das Brisante an dem Fall: Die Ehefrau des populären, aber mittlerweile entmachteten chinesischen Spitzenfunktionärs Bo Xilai steht unter Mordverdacht.

Die Informanten nannten nun erstmals ein mögliches Tatmotiv der Gattin Bos, Gu Kailai. Wie die beiden Personen, die namentlich nicht genannt werden wollten, sagten, wollte Gu mit Hilfe Heywoods Geld ins Ausland schaffen. Dabei kam es zum Zerwürfnis, und Heywood drohte den Informanten zufolge damit, den Plan öffentlich zu machen. Gu fürchtete wohl das Karriere-Aus für ihren Mann, der damals für höchste Parteifunktionen im Gespräch war. Auch Rache aus persönlicher Verletzung scheint eine Rolle gespielt zu haben.

Sollte Geld auf die Seite schaffen

Gu habe Ende des vergangenen Jahres Heywood gebeten, eine größere Summe ins Ausland zu schaffen, sagten die Informanten. Bei der Frage, wie viel Heywood davon erhalten solle, seien die beiden heftig aneinandergeraten. Nach der Drohung Heywoods, Gus Pläne öffentlich zu machen, habe Gu den Mordplan ausgeheckt. Sie habe ihm Gier vorgeworfen. Die Informanten sprachen mit Polizeiermittlern in Chongqing, wo der Brite getötet wurde. Man habe ihnen Details der Ermittlungen mitgeteilt, sagten sie. In Chongqing hatte sich Gus Ehemann als Korruptionsbekämpfer einen Namen gemacht.

Gu befindet sich derzeit in Untersuchungshaft. Sie soll den Mord begangen oder arrangiert haben. Auf Mord steht in China die Todesstrafe. Details zu dem Fall oder Hinweise auf ein Motiv werden bisher unter Verschluss gehalten. In den staatlichen chinesischen Medien hieß es dazu bisher lediglich, Heywood sei nach einem Streit über Geld ermordet worden.

Tod per Gift

„Heywood sagte ihr, dass sie nicht ins Geschäft kommen müssten, wenn sie glaube, er sei zu gierig“, sagte eine der eingeweihten Personen. Er werde dann keinen Penny von dem Geld nehmen. „Er hat auch gesagt, dass er den Plan offenlegen könnte“, sagte eine der beiden Personen.

Den Informanten zufolge geht die Polizei davon aus, dass der Mann mit einem vergifteten Getränk getötet wurde. Der Tatort ist demnach zwar nicht hundertprozentig sicher, doch es sei davon auszugehen, dass er in einem entlegenen Hotel, dem Nanshan Lijing Holiday, starb. Gu soll dabei nicht anwesend gewesen sein.

Drohungen als Risiko

Heywood lebte seit Anfang der 1990er Jahr in China, wie die Informanten erzählten. Mit Gu verband ihn eine langjährige, sehr persönliche Freundschaft; eine Liebesbeziehung soll es aber nicht gewesen sein. „Nachdem Gu herausfand, dass sich Heywood nicht auf das Geschäft einlassen wollte und nun sogar Drohungen aussprach, stellte das ein großes Risiko für Gu Kailai und Bo Xilai dar“, sagte einer der beiden Informanten.

Peking schweigt

Es war nicht möglich, eine offizielle Stellungnahme zu diesen Informationen zu erhalten. Die chinesische Regierung reagierte nicht auf per Fax übersandte Fragen zu dem Fall. Einige Anhänger Bos hatten vermutet, der Fall könne eine Kampagne gegen ihn sein. Weder Bo noch Gu konnten für eine Stellungnahme erreicht werden. Gu ist inhaftiert, Bo wurde seit seiner Entmachtung Mitte März nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Er hatte damals auf einer Pressekonferenz beklagt, dass seine Familie durch den Schmutz gezogen werde.

Auch die Familie Heywoods in London war nicht zu erreichen. An der Haustür von Heywoods Mutter klebte ein Zettel mit dem Hinweis, sie spreche nicht mit Reportern.

Krise in der Ehe

Die Kontakte Heywoods zu Bos Familie reichten viele Jahre zurück. In den 1990er Jahren, damals war Bo Bürgermeister von Dalian, habe Heywood dem Paar geholfen, den gemeinsamen Sohn auf eine exklusive britische Schule zu bringen, sagte ein Informant mit guten Kontakten zur Polizei. Zuletzt soll es in der Ehe von Bo und Gu gekriselt haben.

„Bo und Gu Kailai waren seit Jahren nicht mehr richtig Mann und Frau ... Gu Kailai und Heywood hatten eine tiefe Beziehung, und sie hat sich den Riss zwischen ihnen sehr zu Herzen genommen“, sagte Wang Kang, ein gut vernetzter Geschäftsmann aus Chongqing, der in einige Details des Falls eingeweiht war. „Ihre Mentalität war: Du hast mich betrogen, und deshalb räche ich mich“, sagte Wang über Gu.

Der Skandal über Heywoods Tod kam im Februar ans Licht. Bos ehemaliger Polizeichef Wang Lijun hatte den Politiker über die Verwicklung seiner Ehefrau unterrichtet. Danach flüchtete der Polizeichef zunächst in ein US-Konsulat, wurde später aber den chinesischen Behörden übergeben. Bo musste vergangene Woche all seine politischen Ämter abgeben.

Chris Buckley, Reuters

Links: