Themenüberblick

„Konvention“ vs. „Attachment“

Pünktlich zum Muttertag hat das US-Nachrichtenmagazin „Time“ einen landesweiten Clinch über „Attachment Parenting“ (etwa: Bindungserziehung) losgetreten - also Eltern, die ihre Kinder vor allem mit physischer Nähe überschütten. Um das Maß vollzumachen, illustrierte das Magazin das mit der Mutter Jamie Lynne Grumet beim Stillen ihres dreijährigen Sohns Aram.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Mit Grumet und anderen „Übereltern“, die für den Artikel interviewt wurden, traf das Magazin zudem eine denkbar provokante Wahl: Die 26-Jährige ist überzeugt, dass alle anderen Eltern auf dem Holzweg sind, wenn deren Kinder nicht bis ins Schulalter gestillt werden, zumindest ebenso lang mit Tragetüchern an ihre Eltern im wahrsten Sinn des Wortes „gebunden“ sind und auch noch in der Pubertät mit den Eltern im selben Bett schlafen. Das alles sei „biologisch normal“, Kritik daran beruhe auf „Uninformiertheit“, so Grumet gegenüber dem Magazin.

US-Kinderarzt als Guru des „Attachments“

Ihre „Informiertheit“ beziehen „Attachment Parents“ vor allem vom US-Kinderarzt William Sears und dessen vor 20 Jahren erschienenem Ratgeber „The Baby Book“. Das Buch war Auslöser für viele Phänomene, die immer stärkeren Zuspruch unter Eltern finden - von „natürlichen“ Geburten über die Ablehnung jeglichen Zwangs oder gar Strafen in der Erziehung bis hin zur Verweigerung von Schulunterricht und auch dringend angeratenen Impfungen. Mit Leuten, die Sears nicht verstünden, könne „man nicht reden“, befindet Grumet in dem Artikel.

Die Reaktionen aus der „konventionellen“ Elternecke hätten giftiger nicht sein können. Selbst Kühe wüssten, wann es mit dem Säugen genug sei, schrieb etwa eine Mutter auf dem Kurznachrichtenportal Twitter. Eine andere witzelte, es sei dann wohl auch richtiger, vier Jahre lang schwanger zu sein und nicht bloß neun Monate. Vielen ging dabei vor allem die Besserwisserei von „Attachment Parents“ auf die Nerven. Dazu kamen die inzwischen im Netz wuchernden schon üblichen - mehr oder eher weniger lustigen - Parodien auf das Cover per Fotomontage.

Debatte teils unter der Gürtellinie

Viele warfen den „Attachment Parents“ vor, sie würden bloß aus eigenem Bedürfnis handeln - sei es, weil sie ein krankhaftes Bedürfnis nach Nähe zu ihren Kindern hätten, sei es, weil sie eine Ausrede brauchten, um sich vor oft unangenehmen Teilen der Kindererziehung, beginnend beim Abstillen, zu drücken. Andere warfen Grumet und „Time“ vor, mit dem Cover rücksichtslos gegenüber „konventionellen“ Müttern agiert zu haben: In einem Land, in dem auch das Stillen von Babys ein Problem sei, brauche es keine künstliche Aufregung zu dem Thema.

Bettina Forbes von der „Attachment“-orientierten Gruppe „Best for Babes“ konterte, die heftigen Reaktionen würden nur beweisen, wie „zimperlich“ viele noch seien, wenn „Kinder egal welchen Alters“ gestillt würden. Tatsächlich beschränkten sich die Reaktionen bei weitem nicht auf sachliche Kritik. Reaktionen in Internetforen glitten teils ins Niveauloseste ab, dazu kamen die inzwischen schon üblichen Parodien auf das Originalcover. Grumets eigener Blog „I am not the babysitter“ war nach einer Flut von teils auch sexistischen Kommentaren offline.

Huch, eine Brust

Bei vielen machte sich „Time“ tatsächlich nicht so sehr durch den Inhalt des Artikels, als vielmehr durch das Coverfoto unbeliebt. Eine entblößte Frauenbrust auf einem Magazincover ist in den USA ein Tabubruch, auch wenn sie im konkreten Fall nicht wirklich zu sehen ist. Viele der großen US-Handelsketten diskutierten, ob sie das Magazin überhaupt zum Verkauf auslegen sollten. „Time“ wurde vorgeworfen, das Motiv bewusst „voyeuristisch“ komponiert zu haben, auch weil der Dreijährige dabei auf einem kleinen Sessel neben seiner Mutter steht.

Der verantwortliche Herausgeber Rick Stengel erklärte dazu, das Bild sei zwar „provokant“, aber nur, weil „wir eine interessante Frage zu einem Thema stellen, das wichtiger nicht sein könnte: wie wir unsere Kinder aufziehen. Die Leute haben da allerhand Vorbehalte in jede mögliche Richtung.“ Pragmatischer rechtfertigte sich Coverfotograf Martin Schoeller. Laut eigener Aussage hätte er Mutter und Kind viel lieber in einer ganz normalen Pose abgelichtet, in der sie den Buben in den Armen gehalten hätte - das Kind sei ihr dafür aber zu schwer gewesen.

Links: