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Wo sich China einkauft

Der Übernahmehunger chinesischer Unternehmen wird nach Einschätzung von Morgan Stanley immer größer. Bereits im vergangenen Jahr sei die Zahl chinesischer Akquisitionen im Ausland um zehn Prozent auf 56 Milliarden Dollar gestiegen, sagte Morgan-Stanley-China-Chefin Wei Sun Christianson in einem am Wochenende veröffentlichten Interview mit Reuters und der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“).

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„Auch im laufenden Jahr rechnen wir mit zweistelligen Zuwachsraten.“ In der Vergangenheit hat China Wei zufolge außerhalb seiner Grenzen alleine in Rohstoffe investiert. Nun stünden auch Unternehmen aus der Konsumgüterbranche, dem Maschinenbau und der Petrochemie auf der Einkaufsliste. „Die Chemieindustrie in China wächst rasant und ist auf Akquisitionen angewiesen, um Zugang zu Technologien zu erhalten und eine kritische Größe zu erreichen“, sagte sie.

Das „Beuteschema“

Wei kehrte nach dem Studium in den USA nach China zurück und zählt heute zu den gefragtesten Übernahmeberatern in der Volksrepublik. Das Wirtschaftsmagazin „Fortune“ führte sie in den vergangenen drei Jahren in der Liste der 50 mächtigsten Frauen der Welt. Auch in den kommenden Jahren werde ihr die Arbeit nicht ausgehen, sagte Wei unter Verweis auf eine Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). 2011 investierte China demnach lediglich 5,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts im Ausland, in entwickelten Industrieländern.

Deutsche und europäische Unternehmen passen besonders gut ins Beuteschema der Chinesen, hat Wei beobachtet. „Dank hochwertiger Übernahmeziele und attraktiver Preise hat Europa die USA als interessanteste Region für Übernahmen abgelöst.“ 2011 haben sich chinesische Investitionen in Europa mehr als verdoppelt auf zehn Milliarden Dollar, in US-Konzerne steckten Unternehmen aus der Volksrepublik nur 3,2 Milliarden Dollar und damit eine Milliarde weniger als 2010. „Für China ist es eine gute Strategie, seine Investitionen breiter zu fächern und nicht nur auf US-Staatsanleihen zu setzen. Investitionen in europäische Unternehmen sind dabei eine Option.“

Manager sehr „preisbewusst“

Chinesische Konzerne waren in den vergangenen Jahren bereits in vielen Übernahmeprozessen in Europa dabei, zogen aber häufig den Kürzeren. Neben der mangelnden Erfahrung führt Wei das auch auf den harten Verhandlungsstil chinesischer Manager zurück. „Sie sind sehr preisbewusst und wollen nicht, dass ihnen später vorgeworfen wird, zu viel bezahlt zu haben - besonders wenn es sich um Unternehmen im Staatsbesitz handelt.“

Morgan Stanley hat unter anderem den schwäbischen Betonpumpenhersteller Putzmeister beim Verkauf an den chinesischen Industrieriesen Sany beraten. Neben Übernahmen seien für chinesische Unternehmen auch Börsengänge in Europa interessant, sagte Wei, „besonders, wenn die meisten ihrer Konkurrenten dort gelistet sind“. Die beliebtesten Börsenplätze außerhalb Chinas würden auf absehbare Zeit jedoch Hongkong und New York bleiben.

Andreas Kröner und Philipp Halstrick, Reuters

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