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„Glücklich, in den USA zu sein“

Nach Jahren der Gefangenschaft in seiner Heimat ist der chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng Ende Mai in den USA eingetroffen. Der blinde Aktivist, der vor vier Wochen mit seiner Flucht in die US-Botschaft in Peking für Spannungen zwischen China und USA gesorgt hatte, zeigte sich nach seiner Landung in New York erleichtert.

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„Ich bin glücklich, in Amerika zu sein“, sagte der auf Krücken gestützte Mann mit der Sonnenbrille kurz nach seiner Ankunft vor einer wartenden Menge in der Universität von New York. „Sieben Jahre lang habe ich keinen Tag des Ausruhens gehabt“, sagte der in Khakihosen und weißem Hemd gekleidete Mann leise.

„Ich bin hergekommen, um meinen Körper und meinen Geist etwas zu erholen.“ Er war direkt nach der Landung in einem weißen Minivan zu der Universitätswohnung eines Freundes gefahren worden, in der er, seine Frau und ihre zwei Kinder zunächst leben werden.

Chinesischer Dissident Chen

Reuters/Eduardo Munoz

Der auf Krücken gestützte Chen war beim Gehen auf Hilfe angewiesen

In den Vereinigten Staaten will der 40-Jährige, der sich in seiner Heimat vor allem für Opfer von Zwangsabtreibungen eingesetzt hatte, ein Jusstudium beginnen. Chinas Regierung hatte ihm die Ausreise zu Studienzwecken erlaubt. Ein befreundeter Jurist habe Chens Familie bereits eine Wohnung organisiert, hieß es.

Überraschend über Ausreise informiert

Nur Stunden vor seiner Ausreise war Chen Guangcheng nach langem Bangen im Krankenhaus in Peking plötzlich aufgefordert worden, seine Sachen zu packen und sich auf den Flug vorzubereiten. Erst am Flughafen erhielten sie ihre Pässe. Seit er die US-Botschaft am 2. Mai verlassen hatte, lebte die Familie weitgehend abgeschirmt in dem Krankenhaus. Dort wurde er wegen einer Fußverletzung behandelt, die er sich bei seiner Flucht aus seinem Heimatdorf in die Botschaft zugezogen hatte.

Er sehe seinem neuen Leben mit gemischten Gefühlen entgegen, sagte er einem CNN-Reporter während des Fluges. Nach seiner Ankunft lobte er die chinesische Regierung, diese habe die Situation mit „Ruhe und Zurückhaltung“ gehandhabt. „Ich hoffe, dass sie zu einem offenen Diskurs findet und sich den Respekt und das Vertrauen der Menschen erwirbt“, sagte Chen vor Journalisten auf dem Gelände der New York University, an der er künftig studieren soll. „Ich bin sehr dankbar“, sagte Chen mit Blick auf seine Aufnahme in den USA.

Sorge um Familie besteht weiter

Da Chen kein Englisch spricht, wurden seine Äußerungen von einer Dolmetscherin übersetzt. Er glaube, dass die Versprechen der chinesischen Regierung ernst gemeint seien, sagte der 40-Jährige demnach.

Indem er das Land verlässt, um zu studieren, will Chen sich eine Tür für eine mögliche Rückkehr nach China offenhalten, wo er einen Teil seiner Familie zurückgelassen hat. Mehrmals hat der Aktivist die Sorge darüber geäußert, dass seine Angehörigen wegen seiner Flucht Repressalien der chinesischen Behörden erleiden müssten. Chen erklärte bei seiner Ankunft in New York zudem, dass er seinen „Kampf für das Gute in der Welt und gegen die Ungerechtigkeit“ fortsetzen wolle.

Der Anwalt und enge Freund Chens, Jiang Tianyong, sagte, Chen habe seiner Ausreise mit gemischten Gefühlen entgegengesehen. „Er zögerte auszureisen und sah es nicht als optimale Lösung an“, sagte Jiang. Eine Rückkehr aus dem Exil erachtet der Anwalt als unwahrscheinlich: Er habe zwar das Recht, in seine Heimat zurückzukehren, so Jiang. „Ich bezweifle aber, dass ihm die Regierung erlauben wird, zurückzukommen“, ergänzte der Anwalt.

US-Politiker über Lösung erfreut

US-Politiker begrüßten Chens Ankunft in den USA, zeigten sich aber zugleich besorgt um das Schicksal seiner Angehörigen in China. Peking müsse die Sicherheit der Angehörigen sicherstellen, hieß es in einer Erklärung des China-Ausschusses des US-Kongresses. Die frühere Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, nannte die Ausreise Chens „einen Meilenstein bei den Menschenrechten in China“.

Vonseiten des US-Außenministeriums kamen Unterstützungsbekundungen: „Wir drücken unseren Dank für die Art und Weise aus, in der wir diese Angelegenheit klären konnten, um Herrn Chens Wunsch zu unterstützen, in den USA zu studieren und sein Ziel zu verfolgen“, so Außenministeriums-Sprecherin Victoria Nuland.

„Mann der Stunde, dieses Jahrzehnts“

„Nach sieben Jahren Verfolgung und Brutalität ist es ein guter Tag für Chen Guangcheng und seine Familie, auch wenn viele Ungewissheiten vor ihnen liegen“, sagte Bob Fu von der in den USA ansässigen Menschenrechtsgruppe ChinaAid, die sich maßgeblich für ihn eingesetzt hatte, der dpa. „Er ist der Mann der Stunde, dieses Jahrzehnts“, sagte der republikanische Abgeordnete Chris Smith aus New Jersey, der ihn zu seiner Wohnung begleitete.

Vorläufiger Schlusspunkt

Die Ausreise in die USA markiert einen vorläufigen Schlusspunkt im diplomatischen Tauziehen zwischen den USA und China um den Aktivisten, der jahrelang seiner Freiheit beraubt und teilweise misshandelt wurde. Er ist nach 19 Monaten Hausarrest in seinem Heimatdorf Dongshigu in der Provinz Shandong mit Hilfe von Freunden in die US-Vertretung in Peking geflüchtet. Nach sechs Tagen verließ er die Botschaft unter Zusagen, mit seiner Familie vereint zu werden. Aus Angst um seine Sicherheit entschied er sich dann aber doch für die Ausreise.

Flucht aus dem Hausarrest

Der blinde Bürgerrechtler hatte durch seinen Einsatz für die Opfer von Zwangssterilisierungen und Landenteignungen immer wieder den Zorn der chinesischen Behörden auf sich gezogen. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis im September 2010 stellten ihn die Behörden der östlichen Provinz Shandong unter Hausarrest. Am 22. April floh er jedoch mit Hilfe von Unterstützern unter spektakulären Umständen aus dem Hausarrest und fand vorübergehend Zuflucht in der US-Botschaft in Peking. Der Fall sorgte für eine diplomatische Krise zwischen den USA und China und ein wochenlanges Tauziehen um seine Ausreise.

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