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Spitäler schlagen Alarm

Die schwere Finanzkrise in Griechenland führt zu dramatischen Entwicklungen im Gesundheitswesen des Landes. Seit Tagen beliefern die Großhändler von Medikamenten und medizinischem Material die wichtigsten Krankenhäuser nur noch gegen Barzahlung. In den Spitälern fehlen wichtige Medikamente - und in den Apotheken müssen Kranke bar zahlen.

Die größte Krankenkasse EOPYY schuldet den Apotheken Summen in dreistelliger Millionenhöhe, daher haben diese ihr System umgestellt: Die Versicherten müssen ihre Medikamente bar in den Apotheken bezahlen und sich anschließend mit der Quittung an die Krankenkasse wenden.

Sturm auf Apotheken

Vor allem für Schwerkranke wird es immer schwieriger, sich die Medizin auch leisten zu können. Auch viele Krankenkassenärzte untersuchen seit Wochen Patienten nur noch gegen Barzahlung. Und Kranke warten schon jetzt Monate auf die Rückerstattung der Auslagen. Nicht selten müssen Freunde und Nachbarn zusammenlegen, damit Kranke versorgt werden können.

Menschen warten in einer griechischen Apotheke

APA/EPA/Pantelis Saitas

Warteschlangen in den staatlichen Apotheken

Vor den staatlichen Apotheken, in denen Medikamente gratis oder für geringen Selbstbehalt ausgegeben werden, kommt es immer wieder zu dramatischen Szenen. Stundenlang müssen Kranke in der Schlange warten, und in ganz Griechenland gibt es nur zehn dieser Apotheken.

Behandlungen eingeschränkt

Die Lage in den griechischen Krankenhäusern wird wegen der Finanzkrise immer dramatischer. Ihr Budget wurde mit den Sparpaketen der beiden vergangenen Jahre um 40 Prozent gekürzt, mit den ausstehenden Zahlungen der Krankenkassen können sie nun die Schulden bei ihren Zulieferer nicht begleichen. Der Staat schuldet den Lieferanten medizinischen Materials rund zwei Milliarden Euro, berichtete die Athener Zeitung „Ta Nea“ am Montag.

Die größte Klinik in der nördlichen Hafenstadt Thessaloniki führt seit Tagen keine kardiologischen Untersuchungen und Operationen mehr durch. „Meine Kollegen können keine Stentimplantationen mehr durchführen“, sagte ein Klinikarzt am Montag der Nachrichtenagentur dpa. Das Krankenhaus habe kein Geld mehr, um Stents (Gefäßstützen) zu kaufen.

Patienten müssen Gips selbst kaufen

Auf der Insel Chios müssen die Verwandten der Patienten selbst Gips kaufen, damit die Ärzte gebrochene Arme und Beine behandeln können, berichtete „Ta Nea“. In den Städten Serres und Larisa bekommen die Patienten ständig Huhn zu essen, weil die Direktion kein Geld für Fisch oder Kalbfleisch hat, berichteten andere Zeitungen. Andere Kliniken werden von den Angehörigen der Patienten mit Essen versorgt.

Der Zusammenbruch des Systems betrifft nicht nur abgelegene Regionen, sondern hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Im Krankenhaus der mittelgriechischen Stadt Larisa gibt es sogar kein Toilettenpapier mehr. In Serres an der bulgarischen Grenze fehlen Katheter. Die Verwandten der Patienten müssen sie aus den Apotheken holen. In Heraklion auf Kreta können Wunden nicht mehr gründlich gereinigt werden, weil Pharma-Alkohol und medizinische Handschuhe Mangelware sind.

Gesundheitsminister verspricht Zahlungen

Doch auch die privaten Spitäler profitieren nicht: „Die Menschen haben kein Geld mehr. Wir haben nur noch halb so viele Patienten wie vor drei Jahren“, sagt ein Arzt des größten Privatkrankenhauses nahe der Hafenstadt Piräus am Montag. Die Staatsanwaltschaft in Thessaloniki ordnete mittlerweile eine Untersuchung an. Dabei soll festgestellt werden, inwiefern der Mangel an medizinischem Material Menschenleben gefährdet.

Die Apothekerverbände wandten sich in einem Brief an den Chef der EU-Task-Force für Griechenland, den deutschen Finanzexperten Horst Reichenbach, und baten dringend um Hilfe. Das Land brauche mindestens 1,5 Milliarden Euro für Medikamente und medizinisches Material. Gesundheitsminister Christos Kittas versprach, dass die Krankenkasse EOPYY bis zur Wahl am Sonntag 310 Millionen bekommt, die öffentlichen Spitäler sollen bis dahin 130 Millionen erhalten. Kritiker sagen, dass das nicht reichen wird.

Pharmakonzerne bereiten sich auf Staatspleite vor

Große Pharmakonzerne berichten, sie würden in regelmäßigen Gesprächen mit den Verantwortlichen in Griechenland sein. Sie wollen zumindest überlebenswichtige Medikamente auch ohne sofortige Bezahlung liefern, Preisreduktionen lehnen sie aber ab, weil sie einen Preisverfall in ganz Europa als Folge fürchten.

Die Pharmaindustrie bereitet aber gleichzeitig bereits seit Wochen eine Notversorgung der Griechen mit Medikamenten vor, sollte das Land die Euro-Zone verlassen und in Zahlungsnot geraten. Die Hersteller nehmen sich demnach das Vorgehen nach der Pleite Argentiniens 2002 zum Vorbild, als die Industrie eine Zeit lang ohne Bezahlung weiter Medikamente lieferte. „Es gibt eine moralische Pflicht, die Versorgung fortzusetzen“, sagte Simon Friend, der sich bei den Wirtschaftsberatern von PricewaterhouseCoopers auf die Pharmabranche konzentriert. „Griechenland ist kein großer Markt, die meisten Pharmaunternehmen können sich das also leisten.“

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