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Universalrechner gegen Smartphones

Am 23. Juni 2012 wäre das britische Computergenie Alan Turing 100 Jahre alt geworden. Weltweit finden in diesem Jahr Kongresse und Ausstellungen zu seinen Ehren statt. Doch Experten sehen durch den Aufstieg von Smartphones und Tablets Turings wichtigste Idee gefährdet: den Computer als Alleskönner.

„Wir haben heute Marketingabteilungen, die sagen: ‚Wir brauchen keine Computer, wir brauchen Haushaltsgeräte. Bau mir einen Computer, der nicht jedes Programm laufen lassen kann, nur ein einzelnes, das einen speziellen Zweck erfüllt (...), aber eben kein Programm, das ich nicht zugelassen habe und das unseren Profit schmälert!‘“ Das ist der Kern einer viel beachteten Rede, die der kanadische Schriftsteller und Netzaktivist Cory Doctorow am 27. Dezember auf dem Chaos Communication Congress in Berlin hielt.

Doctorow sieht einen „Krieg gegen den Universalcomputer“ heraufziehen. Der Harvard-Jurist Jonathan Zittrain schlägt in dieselbe Kerbe: „Angesichts der wachsenden Zahl von mobilen, leichten, Cloud-basierten Computern muss man feststellen: Der PC ist tot“, schrieb Zittrain Anfang Jänner im „Technology Review“.

Smartphone statt Mininotebook

Vom Beratungsunternehmen Gartner im November veröffentlichte PC-Marktdaten für Westeuropa stützen diese These. Demnach wurden im dritten Quartal des vergangenen Jahres 14,8 Millionen Desktop- und Mobil-PCs abgesetzt, gegenüber 2010 ein Rückgang von 11,4 Prozent.

Statt zum Mininotebook greifen viele Privatkunden lieber zu Smartphone und Tablet. In Deutschland soll der Absatz 2012 um 162 Prozent auf 2,1 Millionen verkaufte Tablets steigen, wie der Branchenverband BITKOM meldete, im vergangenen Jahr sind in der Bundesrepublik 11,8 Millionen Smartphones verkauft worden, 31 Prozent mehr als im Vorjahr.

Bruch mit der Geschichte

Sowohl Zittrain als auch Doctorow sehen die Bewegung des Computermarkts weg von PCs hin zu mobilen Endgeräten kritisch. Denn während Nutzer von PCs die Freiheit genießen, Software und Betriebssystem jederzeit selbst wählen und installieren zu können, sind die Fähigkeiten von Mobilgeräten oder Spielkonsolen seitens der Hersteller und Provider eingeschränkt.

Dass diese schon länger schwelende Debatte im Turing-Jahr 2012 an Intensität gewinnt, verleiht ihr eine historische Dimension, gibt dem Smartphone-Boom den Charakter eines Bruchs mit einer langen Entwicklung. Alan Turing war es nämlich, der mit seinem Aufsatz „On Computable Numbers“ (1936) eine der wichtigsten theoretischen Grundlagen für vielseitig einsetzbare Rechenmaschinen schuf.

Die Turing-Maschine

Turing wollte das von dem deutschen Mathematiker David Hilbert gestellte „Entscheidungsproblem“ lösen, also herausfinden, ob es einen Algorithmus geben kann, mit dem sich - vereinfacht ausgedrückt- automatisch herausfinden lässt, ob eine mathematische Aussage in einem bestimmten Rahmen richtig oder falsch ist. Das „Entscheidungsproblem“ zählte seinerzeit zu den Grundsatzfragen der Mathematik.

Zu diesem Zweck dachte sich Turing eine Maschine aus, die einen endlosen, in gleich große Felder aufgeteilten Papierstreifen als Speichermedium nutzt. Die Turing-Maschine kann den Papierstreifen um jeweils ein Feld nach links oder nach rechts bewegen, ihren Inhalt einlesen („scannen“) und sie nach einer vorher festgelegten Regel entweder mit einem ebenfalls vorher definierten Symbol beschreiben, es leer lassen oder ein bereits vorhandenes Symbol löschen.

Der Universalrechner

Von dieser Idee eines mechanisierten Rechenkünstlers hin zur universalen Turing-Maschine, bei der sich das Programm austauschen lässt, war es nicht mehr weit. Turing-Biograf Andrew Hodges fasst zusammen: „Alan hatte bewiesen, dass es zwar keine ‚Wundermaschine‘ geben konnte, die alle mathematischen Probleme löst, aber er hatte dabei etwas ebenso Wunderbares entdeckt, nämlich die Idee einer Universalmaschine, die die Arbeit jeder Maschine zu übernehmen vermag.“

Turing hat den programmierbaren Computer nicht erfunden, seine Maschine blieb ein reines Gedankenexperiment, er hat aber seine Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt. Vor ihm hatte schon der Brite Charles Babbage (1791 - 1871) die Idee des programmierbaren Rechners vorgelegt, und den ersten funktionsfähigen programmierbaren Computer der Welt, die „Z3“, nahm der Deutsche Konrad Zuse 1941 in Betrieb. Turing war auch nur am Rande am Entstehen von „Colossus“ beteiligt, dem ersten funktionsfähigen rein elektronischen Digitalrechner, der 1943 im Entschlüsselungszentrum Bletchley Park in Betrieb genommen wurde, um deutsche Militärcodes zu knacken.

Hacker gegen Militärmacht

In Bletchley Park lieferte sich Turing ab 1939 unter strengster Geheimhaltung ein Duell mit den Verschlüsselungssystemen der Deutschen. Dank der gründlichen Vorarbeit des polnischen Geheimdienstes gelang es Turing und seinen Kollegen, spezialisierte Rechenmaschinen, die „Bombes“, zu konstruieren, mit denen sie den Funkverkehr der Deutschen dechiffrieren konnten. Hodges macht deutlich, wie hart dieser Kampf war. Von ihm ausgewertete Dokumente zeigen, dass die deutsche Marine in der letzten Kriegswoche sogar wieder abhörsicher kommunizieren konnte.

Der Kampf zwischen denen, die Rechenmaschinen zur Verschlüsselung von Inhalten nutzen, und den Codeknackern, die an diese Inhalte herankommen wollen, hat seit Turings Tagen niemals aufgehört. Wie Doctorow zeigt, hat er seit den Kopierschutzkonflikten der Heimcomputerära in den privaten Bereich übergegriffen. Auch wenn Zittrains Warnung vor dem „Tod des PCs“ einen endgültigen Zustand suggeriert - es handelt sich beim Streit über die Offenheit von Smartphones und Tablets nur um die nächste Runde dieses alten Konflikts.

Der Code und das Gesetz

In den Tablets und Smartphones stecken Universalrechner, die aber von Hackern von ihren Beschränkungen befreit werden können. Und da alle gezielt verdummten Elektronik-„Haushaltsgeräte“ sozusagen in der großen universalen Turing-Maschine aufgehoben sind, sind sie auch immer schwächer als diese und trotz ihrer großen Zahl nicht wirklich gefährlich.

Die ernsthafte Bedrohung für den Universalrechner kommt also nicht von technischer Seite, sie geht von einem Code aus, der mit der Computersoftware um die Steuerungshoheit in der Industriegesellschaft kämpft: dem Gesetz. Wenn der Universalcomputer nicht „kastriert“ werden kann, so das Kalkül etwa der US-Medienindustrie, dann muss man dafür sorgen, dass immer mehr seiner Funktionen illegal werden, dass beispielsweise das Knacken eines Kopierschutzes oder die Umgehung einer Internetsperre mit hohen Strafen bewehrt ist.

Primat der Politik

Die Frage über die Freiheit in der Informationsgesellschaft wird also nicht auf technischer Ebene entschieden, sondern in der Legislative, in der Politik, in der Gestaltung der Regeln der Gesellschaft, die letztlich auch zu Alan Turings tragischem Ende geführt haben.

Als seine Homosexualität 1952 aktenkundig wurde, verhaftete man Turing auf Grundlage eines Gesetzes aus dem Jahr 1885. Er musste sich ein Jahr lang einer demütigenden Hormonbehandlung unterziehen, er verlor seinen Status als Geheimnisträger - im Kalten Krieg galten homosexuelle Menschen eben aufgrund der Gesetze gegen sie als erpressbar und daher als Sicherheitsrisiko. Dergestalt in die Ecke getrieben, setzte Alan Turing am 7. Juni 1954 seinem Leben ein Ende.

Erst 2009, nachdem die wesentlichen Geheimdokumente aus Bletchley Park freigegeben waren, entschuldigte sich die britische Regierung in der Person des damaligen Premiers Gordon Brown dafür, was der Staat dem Mann angetan hat, der mit seiner Arbeit, so schätzt man heute, den Zweiten Weltkrieg zugunsten der Alliierten um rund zwei Jahre abgekürzt hatte.

Günter Hack, ORF.at

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