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Gegenentwurf zum Internet

30 Jahre lang informierten und vergnügten sich die Franzosen via Minitel. Seit Samstag ist damit Schluss, France Telecom schaltete das Netzwerk ab. Zu seinen besten Zeiten Mitte der 1990er Jahre bedienten über 10.000 Dienstleister rund neun Millionen Minitel-Kleincomputer. Ende 2011 hatte das System noch 420.000 Nutzer und 1.800 Angebote, zu wenig, um das System weiter erfolgreich betreiben zu können.

Der Besucher aus den USA zeigte sich beeindruckt. In seinem 1992 erschienenen Klassiker „Exploring the Internet“ berichtete der Informatiker Carl Malamud von einem Besuch im Paris des Jahres 1990. Er fand ein Land vor, in dem der Umgang mit Computernetzwerken auch in Durchschnittshaushalten schon lange zum Alltag gehörte - dank Minitel, dem System der französischen Post.

Malamud hatte in Paris sogar Zugriff auf das Branchentelefonbuch von New York - einen Dienst, der in den USA seinerzeit wegen eines Gerichtsurteils nicht von der dortigen Telefongesellschaft selbst angeboten werden durfte. „Gerard und ich suchten die Namen aller von Bangladeschis betriebenen Cafés in Manhattan heraus und notierten uns die Adressen für die nächsten Besuche in New York“, so der entzückte Experte.

Tastatur eines Minitels

Reuters/Bruno Martin

Bereit zum Recycling: Tastatur eines klassischen Minitel-Terminals

Kampf um die Dominanz im Netz

Eigentlich war Malamud in Europa unterwegs gewesen, um der hiesigen Technikgemeinde die Vorzüge des Internets nahezubringen. Während er bei Wissenschaftlern Gehör fand, stieß er bei der Internationalen Standardisierungsorganisation ISO in Genf und bei diversen Telekoms auf Ablehnung. Dort setzte man seinerzeit für die Kommunikation zwischen Computern auf ein Protokoll, das in Konkurrenz zum Internet-Standard TCP/IP stand: X.25. Es ging darum, welche Sprache die internationalen Computernetzwerke der Zukunft sprechen sollten.

Dass das Internetprotokoll siegen würde, war damals noch nicht abzusehen. Denn Transpac, das Datennetzwerk der französischen Post, verwendete X.25. Über Transpac lief die Kommunikation der französischen Bankomaten - und Minitel. Die französische Post scheiterte aber daran, das System in größerem Stil in anderen Ländern zu vermarkten - schließlich arbeiteten viele nationale Monopolanbieter an eigenen Onlinediensten.

Vorteil für Frankreich

Die Netzwerkbibel „The Matrix“ von John S. Quarterman notierte 1990: „Das wahrscheinlich größte Netzwerk oder Telekonferenzsystem der Welt ist das französische Minitel mit rund vier Millionen angeschlossenen Endgeräten (...). Im Vergleich dazu haben die großen kommerziellen US-Netzwerkanbieter zusammen etwa eine Million User.“ Das mit Minitel vergleichbare deutsche System Bildschirmtext (BTX), das 1983 mit großem Pomp gestartet war, brachte es 1988 gerade einmal auf rund 100.000 Nutzer. Für das 1984 gestartete österreichische Pendant MUPID meldete die Post im Oktober 1992 15.600 Teilnehmer.

Die Franzosen hatten beim Start von Minitel alles richtig gemacht. Nach Testbetrieben im Departement Ille-et-Vilaine und in Velizy 1981 startete Transpac 1982 großflächig seine Dienste. Ab Februar 1983 konnten die Franzosen über Minitel kostenlos die digitale Version des Telefonbuchs abrufen. Die Kunden konnten sich entscheiden, ob sie ein gedrucktes Telefonbuch oder ein kostenloses Minitel-Terminal wollten. Dadurch erreichte das System schon früh die kritische Nutzerzahl für Angebote, die für ein Massenpublikum interessant sein können.

Vorläufer des App Store

1984 folgte der nächste Streich: Unter der Codenummer 3615 führten die Minitel-Macher den „Kiosk“ ein, eine Onlinetrafik für Bezahlangebote, wobei der Konsum im Minutentakt über die Telefonrechnung beglichen werden konnte. Im Kiosk durften nur offiziell registrierte Verleger ihre Inhalte und Chat-Dienste feilbieten. Wie die Pariser Tageszeitung „Liberation“ schreibt, ließ sich diese Anforderung aber auch unschwer umgehen, die notwendige Registrierung bei den Behörden konnten dynamische Jungunternehmer schnell nebenbei erledigen.

Bei der „Liberation“ erinnert man sich wehmütig an die 1990er Jahre, als das Minitel-Angebot des Verlags sieben bis acht Millionen Francs - heute etwa eine Million Euro - Gewinn im Jahr einfuhr. Noch erfolgreicher war der Verlag des Wochenmagazins „Nouvel Observateur“, der mit seinem Erotikchat 3615 Aline jährlich umgerechnet 4,5 Millionen Euro lukrieren konnte. Textbasierte Erotikdienste, „Minitel Rose“, sorgten in den 1980er Jahren in Frankreich regelmäßig für Aufregung und brachten ihren zahlreichen Betreibern viel Geld.

Ein Minitel wird zerlegt

Reuters/Bruno Martin

Die Minitel-Hardware landet auf dem Müll, der Grundgedanke lebt weiter

Abgreifer und Dissidenten

Pro Minute kostete der Chat seinerzeit einen Franc (0,15 Euro). Den Umsatz teilten sich France Telecom (40 Prozent) und Anbieter (60 Prozent) - „Liberation“ sieht im Kiosk daher einen Vorläufer der zeitgenössischen App Stores für Smartphones. France Telecom lukrierte noch 2007 rund 80 Millionen Euro via Minitel, und das zu einer Zeit, als der Dienst seit der Spitze seiner Beliebtheit Mitte der 1990er Jahre schon 90 Prozent an regelmäßigen Nutzern eingebüßt hatte.

Das Internet begann seinen Siegeszug in Frankreich erst 1999, wie die beiden Forscher Pierre-Jean Benghozi und Christian Licoppe in einer Studie des Forschungsinstituts INRIA schreiben - später als in anderen westeuropäischen Staaten. Zu den Verlierern der Geschichte darf man die Franzosen trotzdem nicht zählen, denn entscheidende technische Ideen für das Internetprotokoll TCP/IP kamen aus dem französischen Forschungsnetz Cyclades und von dessen Mastermind Louis Pouzin.

Die Franzosen nutzten Minitel zum Telebanking, um Flug- und Bahntickets zu bestellen, ihre Abiturnoten abzurufen, für Onlinespiele und Wetten. Aber auch soziale Bewegungen setzten auf das System, beispielsweise verwendeten Krankenschwestern den 1986 von kritischen Informatikern und dem Aktivisten Felix Guattari gestarteten Dienst 3615 ALTER dazu, 1988 einen landesweiten Streik zu organisieren.

Minitel als Drohszenario

Trotz dieser Ansätze zur Dissidenz wirkte das zentralisierte Minitel gegenüber dem Internet wie ein sauberes klimatisiertes Einkaufszentrum - auch wenn zum Schluss die meisten Nutzer nicht mehr über die klassischen Terminals, sondern über Internet-Gateway und PC auf Minitel zugriffen. Als Ex-Präsident Nicolas Sarkozy 2009 seine Internetsperrgesetze gegen unlizenzierte Downloads installierte, sprach er davon, das Netz „zivilisieren“ zu wollen. Die Bürgerinitiative „La Quadrature du Net“ warnte davor, Sarkozys Sperrbehörde HADOPI drohe das freie Internet in das streng regulierte Minitel zu verwandeln.

Abgesehen von solchen politischen Aktionen hat Apples Erfolg mit dem App Store der Idee des geschlossenen Systems mit eingebauter Bezahlmöglichkeit wieder Auftrieb gegeben. Auch wenn Minitel gegen die schiere Dynamik des freien Netzes und seiner offenen Standards den Kürzeren gezogen hat - die Idee eines konsumorientierten Netzwerks mit simplen Clients, die mit einer streng kontrollierten Zentrale verbunden sind, hat immer noch zahlreiche Freunde in der Medien- und IT-Industrie. Was ist schließlich Facebook anderes als eine Art Minitel, das sich im Internet breitgemacht hat.

Günter Hack, ORF.at

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