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Sprengfallen in der Wohnung

Ein 24-jähriger Mann hat in der US-amerikanischen Stadt Aurora in der Nähe von Denver die Mitternachtspremiere des „Batman“-Films „The Dark Knight Rises“ gestürmt und in dem dicht besetzten Saal wahllos um sich geschossen. Im Chaos starben zwölf Menschen. Der Todesschütze konnte festgenommen und identifiziert werden.

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Über das Motiv des Schützen herrscht Rätselraten. Die Polizei identifizierte ihn als den 24-jährigen James Holmes. Er hatte bisher kein kriminelles Strafregister, fiel nur einmal als Verkehrssünder auf und erhielt ein Strafmandat, wie der örtliche Polizeichef Dan Oates am Freitagnachmittag (Ortszeit) bei einer Pressekonferenz sagte. Die Zahl der Verletzten gab Oates mit 59 an. Angaben über das mögliche Motiv des Schützen wollte der Polizeichef nicht machen.

Oates berichtete, dass Holmes vor dem Blutbad in seiner Wohnung mehrere Sprengfallen errichtet hatte. Es werde Tage dauern, bis die Wohnung gesäubert sei. Die Sprengfallen beschrieb Oates als etwas, „was wir noch nie gesehen haben“. Sie setzten sich aus entzündlichen und chemikalischen Teilen zusammen, „und es gibt eine Menge Drähte“. Wie es weiter hieß, soll Holmes am kommenden Montag erstmals vor einem Richter erscheinen.

„Rote Haare wie der Joker“

Der Amokläufer hatte den Kinosaal kurz nach Filmbeginn betreten, wie Augenzeugen berichteten. Nach Angaben der Polizei war er mit einem Gewehr und zwei Pistolen bewaffnet, außerdem trug er eine kugelsichere Schutzweste und eine Gasmaske, als er in das vollbesetzte Kino stürmte. In New York City sagte Polizeikommissar Raymond Kelly, dass Holmes seine Haare rot gefärbt hatte - wie Batmans Antagonist, der Joker. Er geht von der Tat eines geistig Verwirrten aus.

Zwei FBI-Agenten verschaffen sich über eine Teleskopmastbühne Zutritt zur Wohnung des Täters

APA/EPA/Bob Pearson

Spezialkräfte arbeiten sich zu Holmes’ Wohnung vor

Oates sagte, laut Kinobesuchern habe der Amokläufer zunächst womöglich eine Tränengasgranate oder Rauchbombe geworfen und dann das Feuer eröffnet. Es waren vor allem jüngere Leute, die in den Century-16-Theater-Komplex gekommen waren. Manche nahmen trotz der späten Stunde ihre Kinder mit. Viele waren stundenlang Schlange gestanden, um eine Karte für den neuen „Batman“-Film zu ergattern, hatten der Filmpremiere lange entgegengefiebert. Sie galt als Ereignis des Sommers. Die Szenen, die Augenzeugen schilderten, waren chaotisch. Auch Stunden nach der Schießerei herrschte noch Verwirrung.

„Tödliche Ruhe“

Während sich Präsident Barack Obama in Florida auf dem Laufenden hielt und noch nachts mit Auroras Bürgermeister telefonierte, füllten sich die Krankenhäuser in der Stadt mit Verletzten. Die Polizei selbst half beim Transport mit: Sie habe blutüberströmte Menschen in Streifenwagen gesetzt, berichtete der Sender CNN. Augenzeugen glaubten, dass der Schütze seinen Amoklauf vorne im Kinosaal begann, hinter einer Leinwand oder einem Vorhang hervortrat und dann zuerst einen oder zwei Kanister in die Menge warf - möglicherweise Tränengasgranaten.

Dann sei der 24-Jährige die Treppe hochgegangen, wie es hieß, mit tödlicher Ruhe um sich schießend. „Es war furchterregend“, schilderte ein Kinobesucher dem Sender KUSA. „Er wartete, bis beide (Tränengas-)Bomben explodierten, bevor er zu schießen begann.“ Am schrecklichsten sei es gewesen, dass er dabei kein Wort gesagt habe. „Ich dachte, dass ich auf keinen Fall dort herauskommen würde, ohne dass mich ein Schuss trifft.“

Erinnerung an Columbine

Der Vorfall geschah zwei Tage vor dem ersten Jahrestag des Massakers von Utöya in Norwegen und außerdem nicht weit entfernt vom Schauplatz des Amoklaufs an der Columbine High School im Jahr 1999. Dort hatten zwei Teenager 13 Menschen getötet und 23 weitere verletzt, bevor sie sich selbst erschossen.

Riesiges Polizeiaufgebot

Unter den Zuschauern brach Panik aus. Menschen hätten sich auf den Boden geworfen, kriechend zwischen den Sesselreihen Schutz gesucht, hieß es weiter. Andere seien schreiend in Richtung Ausgang gestürzt, seien übereinander hinweggetrampelt. Einige seien blutend am Boden gelegen. Ein junger Kinobesucher wusste noch Stunden nach dem Blutbad nicht, was mit seinem Freund passierte. „Er ist plötzlich ohnmächtig geworden“, sagte er in einem CNN-Interview. „Dann wurde er weggebracht. Ich habe Angst um ihn.“

Der erste Alarmruf soll rund eine halbe Stunde nach Mitternacht bei der Polizei eingetroffen sein. Schon kurz danach waren nach Medienberichten rund 250 Uniformierte an Ort und Stelle - zusammengetrommelt aus allen Teilen der Region. Wenig später trafen auch Experten der Bundespolizei FBI ein.

Festnahme ohne Widerstand

Polizisten zufolge wurde Holmes auf einem Parkplatz hinter dem Kino festgenommen. Er habe keinen Widerstand geleistet. Erste Medienberichte über einen möglichen zweiten Angreifer wies die Polizei zurück. Nach Angaben des Weißen Hauses gibt es auch keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund der Tat.

Polizei am Einsatzort vor dem Kino

dapd/AP/The Denver Post/Karl Gehring

Großaufgebot der Polizei am Tatort

Im US-Fernsehen wurden Freitagnachmittag stundenlang Livebilder gesendet, wie schwer geschützte Spezialkräfte auf einer Feuerwehrleiter sich langsam in die Wohnung vorarbeiteten. Mit langen Stangen zerschlugen sie ein Fenster im dritten Stockwerk eines roten Backsteingebäudes.

Erklärung der Eltern

Der Schütze soll nach seiner Festnahme erklärt haben, dass er in seinem Wohnhaus Sprengstoff gelagert habe. Nach Angaben eines Polizeisprechers versuche man nun herauszufinden, wie man das entzündliche oder explosive Material entschärfen könne. Insgesamt wurden fünf Gebäude des Komplexes evakuiert.

Holmes hat nach Angaben des Senders NBC an der University of Colorado in Aurora Neurowissenschaften studiert. Er habe sich im Juni 2011 eingeschrieben, aber sei dabei gewesen, sein Studium aufzugeben, hieß es unter Berufung auf Angaben der Medizinischen Fakultät. Nach weiteren Angaben wuchs Holmes in San Diego (Kalifornien) auf. Eine Polizeivertreterin zitierte aus einer Erklärung seiner Eltern, die den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aussprachen.

Obama schockiert

US-Präsident Barack Obama verkürzte seine Wahlkampftour und kehrte nach Washington zurück. Er zeigte sich „schockiert und tief betrübt“ über die tödliche Schießerei. Seine Frau Michelle und er seien schockiert über die „entsetzliche und tragische“ Tat, erklärte Obama am Freitag in Washington. Die Regierung werde alles tun, um die Menschen in Aurora zu unterstützen, fügte Obama hinzu. In solchen „Momenten der Dunkelheit und Herausforderung müssen wir jetzt wie eine amerikanische Familie zusammenkommen“, rief der Präsident seine Landsleute auf.

Kurz danach meldete sich auch der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney zu Wort. Seine Frau Ann und er seien „tieftraurig über die sinnlose Bluttat“. Sie würden für die Familie und Freunde der Opfer beten und erwarten, dass der Verantwortliche dieses schrecklichen Verbrechens schnell der Justiz zugeführt wird. Für Verwirrung sorgte, dass Romney von 15 Todesopfern sprach.

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