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Wirtschaftsflüchtlinge der anderen Art

Chinas Reiche entdecken das Dolce Vita im Ausland. Von einer möglichen Fluchtwelle berichtete das „Wall Street Journal“ („WSJ“) im Februar. Denn die neuen Millionäre und Milliardäre fühlten sich im eigenen Land oft nicht mehr wohl. Ihnen fehle es vor allem an Lebensqualität.

Was sie wollen, gebe es in China auch für viel Geld oft nicht zu kaufen, so die Website Business Insider. Vor allem suchen sie saubere Luft, sicherere Lebensmittel, eine bessere Gesundheitsversorgung und bessere Bildungsstätten für ihre Kinder. Die herrschende Korruption und die Furcht, das Vermögen durch rechtliche Unsicherheiten und Behördenwillkür zu verlieren, sind weitere Gründe für Emigration, so Business Insider. Und auch ein geruhsamer Lebensabend ist den Reichen wichtig.

„Müssen vieles illegal machen“

An den eigenen politischen Einfluss glauben die reichen Chinesen nicht, obwohl sie zahlreiche Jobs in dem Land geschaffen haben. Zu sehr wird trotz der Wirtschaftsliberalität immer noch alles von der allmächtigen Kommunistischen Partei bestimmt. Die Regierung habe zu viel Macht, zitiert das „WSJ“ einen Flugzeugtechnologie-Millionär. Die Regulierungen in China bedeuteten, dass Unternehmer vieles illegal machten müssten. „Das gibt den Menschen das Gefühl der Unsicherheit“, zitiert das „WSJ“ den Geschäftsmann.

Umfrage: 60 Prozent wollen Land verlassen

Die Schicht der Reichen entstand in den letzten drei Jahrzehnten vor allem durch Investition aus dem Ausland in das Billiglohnland. Viele Millionäre und Milliardäre erwägen, während die Regierung weiter den Erfolg des „chinesischen Wirtschaftsmodells“ trommelt, ernsthaft die Emigration, wie das „WSJ“ nun schreibt. Das belege auch eine Umfrage, berichtet die „Asia Times“.

Laut der Studie von Hurun Report und der Bank of China, die Ende letzten Jahres durchgeführt wurde, wollen 60 Prozent der Reichen China verlassen. Rund 14 Prozent haben bereits einen Wohnsitz im Ausland oder Anträge für eine Ausreise bereits eingereicht, so die Studie weiter. Weitere 46 Prozent planen die Emigration innerhalb der nächsten drei Jahre.

Diese Absetzbewegung treffe die ungeschriebenen Regeln der chinesischen Gesellschaftsordnung im Mark, schreibt das „WSJ“ nun. Seit der Regierung Deng Xiaopings, der 1978 die Reform der Wirtschaft startete, galt es als Konsens, dass die Regierung für das Wirtschaftswachstum zuständig ist und die Beherrschten deswegen kaum oder keine politischen Forderungen stellen.

Schlechter Zeitpunkt für Regierung

Die Ursache dürfte sein, dass nach drei Jahrzehnten der Prosperität für die reichen Unternehmer die Gewinne nicht mehr im Mittelpunkt stehen und von Sehnsucht nach höherer Lebensqualität als wichtigster Punkt abgelöst wurden, so das „WSJ“.

Doch die Absetzbewegung der Reichen kommt für die chinesische Regierung zur Unzeit. Die Kommunistische Partei bereitet gerade einen Macht- und Generationenwechsel vor. Voraussichtlich wird sich nach zehn Jahren an der Macht die Führungsspitze um Präsident und Parteichef Hu Jintao im Oktober oder November zurückziehen. Der Exodus der Elite ist eine beunruhigende Entwicklung auch für die führenden Parteikader. Denn viele Verwandte leben oder studieren bereits im Ausland. So hat der wahrscheinliche Nachfolger Hus, Vizepräsident Xi Jinping, eine Tochter an der US-Universität Harvard, eine Ex-Frau in Großbritannien und eine Schwester in Kanada.

„Viele Fallen im Ausland“

Vor allem die USA sind das begehrte Auswanderungsziel, gefolgt von Kanada, Singapur und Europa, wie die Umfrage der staatlichen Bank of China und von Hurun Report zeigt. Doch nicht alle, die vorhaben auszureisen, verwirklichen das auch. Die Regierung versucht nun die Reichen zu halten. Man setzt auch auf die Erhöhung der Lebensqualität. So wurde etwa letztes Jahr beschlossen, der Verbesserung der öffentlichen Hand und den gravierenden Umweltproblemen des Landes mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Einige Experten sehen in der Abwanderung der Reichen allerdings einen Effekt nach 30 Jahren des wachsenden Wohlstandes wie etwa in Hongkong und Taiwan von den 1960er Jahren an. Dessen ungeachtet trommeln die partei- und regierungsgesteuerten Medien wie etwa „People’s Daily“ und die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua in einer Reihe von Artikeln, wie gefährlich es im Ausland sei. So könnten Bewerber für Aufenthaltsgenehmigungen in den USA ihr Geld verlieren. Auch „China Youth Daily“ warnte, dass im Ausland viele Fallen lauerten.

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