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„Geht nicht“ gibt’s nicht

Im Frühjahr 2002 hatte der Musiker Jon Tyril an einem zu langen Abend in Dänemark mit Freunden eine Idee: Machen wir doch bei uns daheim am Strand auch mal ein Open-Air-Festival. Bei uns daheim, das ist der Ort Göta auf den Färöern, 60 Kilometer von der Hauptstadt Thorshavn entfernt. Ein Ort mit einem Wetter, bei dem man, wie ein Kritiker schrieb, eher das Auftauchen von Godzilla als ein Open-Air-Festival erwarten würde.

Und dennoch: Tyrils Idee infizierte einen ganzen Ort, ja eine ganze Insel. Zwei Wochen nachdem die Idee in der Welt war und Tyrils Bruder Plakate entworfen hatte, hingen auf allen Inseln der Färöer die Aushänge, die zum Besuch auf das G! Festival in Göta aufriefen. Offenbar hatten noch viele andere auf der fernen Inselgruppe im Nordatlantik den dringenden Wunsch nach einem Rock- und Pop-Festival.

Landkarte von Färöer

APA/ORF.at

Ein Festival am Ende der Welt: Bis zur Hauptstadt Thorshavn sind es 60 Kilometer

Und so ist das G! heute eine Institution, die aus dem Sommer-Leben der Färöer nicht mehr wegzudenken ist und die bis zu 6.000 Menschen von der ganzen Inselgruppe anzieht. Mittlerweile finden immer mehr internationale Musiker die Idee, auf dem G! zu spielen, attraktiv. Sie müssen dabei freilich nur eine Hürde überwinden: auf der Insel physisch landen zu können.

Stars kreisten in der Luft

Das G! Festival 2012 hatte jedenfalls ein Charakteristikum zu bieten: Wer nicht bis Donnerstagabend gelandet war, der kreiste zwischen den Shetland-Inseln, Reykjavik oder dem norwegischen Bergen auf der Suche nach einem nebel- oder sturmfreien Landeplatz. Ein paar ausländische Gäste hatten es dann doch auf die Insel geschafft (vorsorglich schenkte die nationale Airline, einer der Hauptsponsoren des Festivals, vor der Landung auf dem Bergrücken in Vaga einen extra Schnaps zur Nervenberuhigung der Neuankömmlinge aus).

In Göta durften die Gäste aus der Ferne bei den einheimischen Familien wohnen. Denn Hotels oder Pensionen gibt es in dem beschaulichen Ort nicht. Unter ihnen der britische Musikjournalist Kieron Tyler, ein rastloser Entdecker neuer Musik gerade im skandinavischen Raum: Er tauscht in Göta rasch sein britisches Halbschuhwerk gegen kniehohe Gummistiefel aus.

Wegweiser zum G Festival

ORF.at

Der entscheidende Wegweiser befindet sich im Bildhintergrund: Nicht immer gibt es hier stabilen Nebel

„So etwas könnte es in England nie geben“

„Ein Festival wie dieses könnte es in England nie geben“, so Tyler, der mit Staunen registriert, dass man auf dem Strand, nur fünf Meter vom Meer entfernt, eine nicht verankerte Open-Air-Bühne errichtet hat. Vor dieser werden zwei Tage später 2.000 Menschen zu den Klängen des musikalischen Volkshelden der Insel tanzen und bei jeder Zeile in der lokalen Inselsprache mitsingen.

Bild des Kritiker Kieron Tyler

Kristfríð Tyril/nord.fo

Kritiker Tyler: „Überhaupt ist alles bizarr hier.“

„Überhaupt ist alles bizarr hier“, so Tyler, der erzählt, dass er an einem der Konzerttage via Fischerboot anreisen durfte: „Auf der anderen Bühne im Ort steht das Schlagzeug näher am Wohnzimmer einer Familie als zum Rest der Band“.

Tyler, der sich nicht nur ausrüstungstechnisch akribisch auf die Reise vorbereitet hat, bekam im Vorfeld, wie er in einem Interview mit dem Inselradio Kringvarp Föroya erzählen wird, einen ganzen Schuhkarton mit CDs junger färöischer Indie-Bands. Die Breite des musikalischen Spektrums hier sei so überwältigend wie mittlerweile unüberblickbar.

Festival als Vermittlungsplattform

Als Plattform für die Musik von den Färöern möchte auch Organisator Jon Tyril das Festival verstanden wissen, wie er gegenüber ORF.at erzählt: „Wir möchten die Breite der Produktionen, die hier auf den Inseln geschaffen werden, präsentieren. Und zugleich Bands und Musiker von außen holen, um hier auf den Färöern musikalische Begegnungen möglich zu machen.“

Bild der Bühne am Strand beim G Festival

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Festival mit Meeresblick und -kontakt

Der Name G! leitet sich übrigens nicht von einer Abkürzung des Namens Göta ab, sondern von einem SMS-Code, den sich Mitglieder der Altband von Tyril immer schickten. „Es gab einen Schnalzlaut - und diesen Laut umschreibt der Buchstabe G samt Rufezeichen“, so der Festivalleiter.

Festivalchef Jon Tyril

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Festivalchef Jon Tyril führt seine Gäste nach drei Tagen mit Regen aufs Wasser und bleibt dabei: „Verrücktheit ist die Trademark von G!“

Breites Spektrum

Wie breit das Spektrum der Produktionen ist, wird in den zwei Tagen des Festivals deutlich. Neben dem international bekannten Teitur, der zuerst einen Geheimgig in einer alten Lagerhalle spielt, am zweiten Tag aber durch das wettertechnische Ausbleiben von Stars wie Veronica Maggio oder Tim Christensen für ein Open-Air-Konzert einspringt, gibt es eine Reihe junger Bands zu entdecken - etwa Sakaris, die mit ihrer ausgetüftelten Electro-Dance-Pop-Variation im skandinavischen Raum eine der hoch gehandelten Größen mit Potenzial sind.

Dem jungen Benjamin wird im Rahmen des Festivals wiederum ein Preis vom großen Festival-Bruder Iceland Airwaves verliehen - samt der Chance, sich dort vor einer deutlich größeren ausländischen Kulisse zu präsentieren: Iceland Airwaves, das ist mit mittlerweile 3.500 ausländischen Gästen so etwas wie die Mutter aller nordischen Indie-Musik-Festivals, die sich ja auch als Austauschplattform für die Musikbranche verstehen.

Junge Damen trotzen dem Wind beim G Festival

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Ein bisschen Wind und Starkregen: Normales Sommerwetter für die Färöer

Island als Sprungbrett

Überhaupt ist Island auf dieser Insel deutlich näher als der europäische Kontinent. Die Musikerin Gudrun Hansdottir erzählt, dass sie mittlerweile von den Färöern nach Reykjavik gezogen sei. Der Grund: Zu internationalen Gastspielen sind Flüge von Island aus deutlich billiger als von den Färoern. Außerdem, so ihr Vergleich, „ist ja Reykjavik riesig“ - quasi eine Weltstadt.

Journalist Claus Vittus

Kieron Tyler

Claus Vittus: „Ende der 90er Jahre beginnt auf den Färöern stärkere Besinnung auf die eigene Kultur“

Suche nach neuem Selbstverständnis

Für den dänischen Kulturjournalisten Claus Vittus ist das G! Festival auch im Kontext eines neuen Selbstbewusstseins zu sehen, das sich auf den Färöern seit politischer Debatten über eine mögliche komplette Unabhängigkeit von Dänemark Mitte der 1990er Jahre gebildet hatte.

Die Zeit, in der Musiker wie Teitur bekannt wurden, sei letztlich in eine Phase gefallen, als sich die Färöer zunehmend von Dänemark abgenabelt und sich stärker auf die eigenen Wurzeln besonnen hätten. „Das“, so Vittus, „hat sich letztlich auch in der populären Musik niedergeschlagen.“

Wie sehr die Kultur Teil der Selbstbestimmung ist, wird auch bei einem Besuch der Hauptstadt Thorshavn deutlich. Dort gibt es nicht nur die Werke des populären Malers Zacharias Heinesen zu sehen (er war vor einigen Jahren vertreten in einer Ausstellung über Kunst von den Färöern im Leopold Museum) - in Kunstwerkstätten wie der Druckmanufaktur Steinprent wird deutlich, dass mittlerweile viele internationale Künstler hierherkommen, um etwa Grafiken ihrer Arbeiten anfertigen zu lassen.

Frau in Bikini und Handtuch mit einem Ordner

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Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung

Entscheidend in der Vermittlung der musikalischen Tradition sind auch lokale Institutionen wie das Plattenlabel Tutl, das seit über 35 Jahren Musikproduktionen aus den unterschiedlichsten Genres abdeckt.

„Alles muss im beherrschbaren Rahmen bleiben“

„Viel größer, was den Zustrom zum G! Festival anlangt, können wir nicht werden“, bekennt auch Tyril, für den das Festival vor allem die Funktion hat, die Musik der Insel außerhalb der Färöer bekannt zu machen.

„Letztlich muss ja auch alles in einem beherrschbaren Rahmen bleiben“, so der Organisator. Eigentlich, so Tyril, sei das Festival nur möglich, weil hier 1.000 Menschen aus der Region freiwillig mit anpacken.

Bild auf schlechtes Wetter in der Bucht vor Göta

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„Hier sieht es so aus, als würde gleich Godzilla um die Ecke kommen“

Für die Gäste von außen bleibt der Eindruck großer Offenheit - und auch einer entsprechenden Verrücktheit. Wäre es nicht so kalt und regnerisch, man könnte auch meinen, dass man in einer süditalienischen Familie angekommen ist, die einen mit offenen Armen empfängt und bis in den Kochtopf schauen lässt.

Hinweis:

Auf dem Wiener Waves Festival Anfang Oktober werden mit Budam, Frostfelt und Orka drei Acts von den Färöern zu sehen sein.

Kein Festival ohne „La Mamma“

Und weil keine italienische Familie ohne „La Mamma“ auskommt, hat auch dieses Festival eine Frau, die an allen Fäden zieht und die Vorgänge in der Hand hält. Sigvör Laksa ist nicht nur der gute Geist des G!, sondern auch die unermüdliche Kraft hinter allen großen und kleinen Organisationsnotwendigkeiten.

„Ich liebe das G! Festival“, erzählt sie. „Und würde ich dieses verrückte Festival nicht lieben, ich könnte gar nicht dafür arbeiten“, sagt sie, die in den Tagen des Festivals nicht schläft und spätnachts, als draußen alle mal wieder von den Socken aufwärts durchnässt sind, in der alten Fabrik auftaucht, und immer noch Energie für ein paar Tanzschritte hat.

Gerald Heidegger, ORF.at

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