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Aufruf zu mehr Freiheit

Die Internetkonferenz re:publica Anfang Mai in Berlin ist mit Warnungen vor zentralisierten Plattformen und vor allem Facebook gestartet. Das Soziale Netzwerk ziele nur darauf ab, Menschen lesbar zu machen, so Eben Moglen, Professor für Recht und Geschichte an der Columbia University. Facebook-Chef Mark Zuckerberg nehme Geheimdiensten viel Arbeit ab.

Noch im 20. Jahrhundert seien Menschen für Informationen erpresst und gefoltert worden, heute würden sie diese freiwillig im Internet veröffentlichen und vor allem Sozialen Medien anvertrauen, sagte Moglen auch in Anspielung auf den Konferenzort Berlin. „Wir wurden als Konsumenten von Medien erzogen, nun konsumieren diese Medien uns“, beschrieb er den Mechanismus Facebooks, über „Likes“ und Links sowie gezielte Cookies möglichst viel über die eigenen Nutzer und auch alle anderen Internetnutzer herauszufinden.

Überwachung per Design

Die Nutzer würden verfolgt, überwacht und ihre künftigen Vorlieben und Aktivitäten vorhergesagt, so Moglen in seinem Eröffnungsvortrag der re:publica, die heuer unter dem Thema „Action“ stand. Das liege nicht zuletzt an einem Konstruktionsfehler des Internets, das Anonymität nicht kenne, weil im Grunde alles nachverfolgbar sei.

Datamining, das Durchforsten von Daten nach bestimmten Verhaltensmustern und Auffälligkeiten, funktioniere im Guten wie im Schlechten, so Moglen, der sich für die freie Nutzung von Software etwa im Rahmen der Free Software Foundation und des Software Freedom Law Center einsetzt. Die Politik versuche diese Funktionen ebenfalls für sich nutzen, alle Regierungen liebten die Idee des Datamining, oft im Namen der Terrorbekämpfung.

Freie Medien für freie Gedanken

Facebook wolle eine Medienfirma sein und ziehe laufend neue Inhalte an, und zwar nicht nur die seiner Nutzer, so Moglen weiter. Die Daten seien aber nur in Facebook selbst verwertbar, daher werde das Netzwerk laufend von allen Seiten mit weiteren Daten gefüttert. Damit werde aber auch zunehmend messbar, welche dieser Inhalte von welchen Nutzern wie genutzt würden. Die Nutzung von Medien wie Filme, Bücher und Musik solle den Menschen dienen, nicht dem Netzwerk.

Nicht nur Facebook, auch Apple und Amazon würden die Mediennutzung überwachen und messen, um möglichst „passgenaue“ Angebote für ihre Nutzer machen zu können - für Moglen der Anfang vom Ende frei nutzbarer Medien: „Wir haben 1.000 Jahre darüber nachgedacht, wie wir uns einen privaten Ort schaffen können. Jetzt geben wir ihn auf.“ Im Suchfeld von Google würden Nutzer etwa freiwillig ihre Träume und Hoffnungen eingeben.

Nicht zuletzt der kürzlich verstorbene Apple-Mitgründer Steve Jobs habe an diesem Ende der Freiheit kräftig mitgearbeitet, er habe das Teilen gehasst, auch wenn er als Künstler schöne Dinge gemacht habe. „Wir brauchen freie Medien, sonst verlieren wir den freien Gedanken“, so Moglen, und sprach dabei die Löschung von gekauften Ausgaben von Orwells Roman „Farm der Tiere“ von E-Book-Readern durch Amazon wegen Lizenzproblemen an - in seien Augen vergleichbar mit einer Bücherverbrennung.

2012 als Jahr der Weblogs

Ganz so drastisch formulierte es der Journalist, Blogger und Social-Media-Berater Sascha Lobo in seinem Vortrag zwar nicht, doch auch er rief dazu auf, Inhalte auf selbst kontrollierte Seiten zu stellen: „Nur ein Blog gehört dir.“ Zwar könne man Facebook wegen seiner Größe als Multiplikator nicht außer Acht lassen, allerdings sei das „ganze Social-Media-Zeugs nur geborgt“. Es sei Zeit für eine Renaissance von Weblogs, also Angeboten, die auf eigenen Websites laufen, nicht auf Facebook.

Lobo rief nicht nur Berater für Social Media dazu auf, Blogs zu empfehlen und 2012 zum Jahr der Blogs zu machen. „Überzeugt eure Familie, überzeugt eure Freunde“, denn die Inhalte auf eigenen Blogs könnten nicht so einfach verkauft werden wie zuletzt beim Bilderdienst Instagram, der für eine Milliarde Dollar von Facebook übernommen wurde.

Gefahr und Chance für das „echte“ Internet

Selbst der Kurznachrichtendienst Twitter entwickelt sich laut Lobo gegen die eigentlichen Möglichkeiten des Netzes. Er vermutet, dass demnächst Apple Twitter kaufen könnte. Wenn Facebook erst mit einem kostenlosen Handy komme, mit dem die Nutzer gratis Inhalte ins Netz stellen können, wie das bereits bei ausgesuchten Angeboten etwa in Deutschland möglich ist, dann sei das eine echte Gefahr für die Netzneutralität, warnte Lobo. Denn dann werde niemand mehr für das „echte Internet“ ohne Beschränkungen und nach den eigenen Regeln erstellt zahlen wollen.

Lobo und Moglen sehen die Zeit für entsprechende Weichenstellungen gegen den Verlust von Privatsphäre und Kontrolle gekommen, die Besucher der re:publica seien die letzten, die „ohne direkte Anbindung“ an das Netz geformt und gebildet wurden, so Moglen. Sie könnten den Unterschied noch erkennen. Der Schlüssel für Änderungen sei der freie Zugang zu Software, Inhalten und auch Hardware, meint Moglen. Auch wenn man nicht selbst etwas verändern wolle: Allein die Möglichkeit zu haben, das zu tun, sichere die Freiheit des Einzelnen.

Nadja Igler, ORF.at

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