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Die Konsequenzen der Illegalität

Sieben Jahre lang hat ORF-TV-Redakteur Ed Moschitz an seiner Kinodokumentation über Moldawierinnen, die illegal in Österreich und Italien leben, gearbeitet. Der Befund von „Mama Illegal“ ist schockierend: Der Traum vom besseren Leben ist geplatzt, die Familien sind zerstört. In Moldawien wächst eine ganze Generation ohne Mütter auf.

Wer die Dokumentation ohne das Wissen sehen will, wie das Schicksal der Frauen nach dem Ende der Dreharbeiten weitergegangen ist, sollte die Antwort auf die Frage „Will man hierzulande überhaupt die Geschichte dieser Menschen kennen?“ nicht lesen.

ORF.at: Sie haben den Film nun schon oft präsentiert. Gibt es Menschen, die in den Müttern, die ihre Kinder verlassen, Rabenmütter sehen?

Moschitz: Diese Frauen wollen doch nur, was wir alle wollen: ein besseres Leben führen, wirtschaftlichen Fortschritt für sich und die Kinder. Die Arbeitslosigkeit beträgt in manchen Teilen Moldawiens 80 Prozent. Es gibt keine Möglichkeit, dort einen Job zu finden, keine Perspektiven für die Zukunft, auch für die Kinder - außer, ein Leben in Armut zu fristen, mit Hühnerstall hinterm Haus.

Wir sind nicht in dieser Situation. Wir haben nie Hunger gehabt. Wir haben nie 5.000 Euro bezahlt, um über die Grenze kommen zu können oder um an einen Job heranzukommen. Wir haben nie mit Schleppern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über eine Grenze gehen müssen. Wir sind niemals unter Zügen gelegen, nie in irgendwelchen Lastwägen gesessen und haben mit 30 anderen Menschen um Luft gerungen. Wir haben nie unsere Kinder zurücklassen müssen. Wie können wir diese Menschen verurteilen? Ich wüsste nicht - wäre ich in der gleichen Situation -, was ich tun sollte.

ORF.at: Wenn wir bei Vorwürfen sind: Die Frauen im Film putzen in Wohnungen von Menschen, die verhältnismäßig reich sind - und die wissen, dass sie hier jemanden nicht zum Kollektivlohn beschäftigen. Ist das nicht reine Gier?

Moschitz: Es ist dann Gier, wenn man sich nicht um diese Leute kümmert. Wenn man nicht zumindest das tut, was auch die Sozialversicherung leisten müsste. Man sollte ein Mindestmaß an Verantwortungsgefühl haben, man sollte nach ihren Hintergründen fragen und danach, ob sie etwas brauchen: etwa einen Arzt oder eine Unterstützung für eventuelle Kinder.

Fahren sie zur Familie, sollte man den Frauen kein schlechtes Gewissen machen im Sinn von: „Es ist ganz, ganz wichtig, dass Du schnell wieder nach Österreich zurückkommst, weil ich Dich so dringend brauche.“ Die Menschen kommen dann in einen Loyalitätskonflikt. Die wissen dann nicht mehr, wo ist ihre Heimat, wo ist ihre Basis, zu welcher Familie gehören sie. Die Menschen sind orientierungslos in ihrer Illegalität und werfen schnell Anker - und freuen sich über Familienanschluss. Man darf die Sehnsucht nach Familie der Frauen nicht für den eigenen Vorteil missbrauchen.

ORF.at: Will man hierzulande überhaupt die Geschichte dieser Menschen kennen?

Moschitz: Es ist ein Tabuthema - und auf der Straße sieht man ja nicht, ob jemand illegal hier ist. Das Thema ist schwer zu greifen, obwohl sich in Österreich laut Schätzungen rund 100.000 Menschen illegal aufhalten. Sichtbar wird die Illegalität hingegen in den Dörfern in Moldawien. Die Folgen werden begreifbar, wenn man in eine Schulklasse geht und dort fast alle Kinder Eltern im Ausland haben.

Die Folgen der Illegalität sieht man auch bei den Frauen im Film. Aurica sitzt momentan zu Hause und wartet auf ein Visum. Ihr Mann hat sich umgebracht. Raia ist geschieden, sie fliegt nach Bologna mit ihrer Tochter, der Sohn bleibt beim Vater. Natasa lebt weiterhin nicht bei ihrem Kind, sondern in Südeuropa, wo sie verheiratet ist. Was wir über die sieben Jahre sehen können: Illegale Migration zerstört Familien. Vom ursprünglichen Traum eines besseren Lebens sind nur die Trümmer geblieben.

ORF.at: Es gibt eine schwierige Szene. Aurica kehrt nach zwei Jahren heim, hat aber für ihren Mann statt Wiedersehensfreude nur Kritik über, weil das Haus nicht so umgebaut und geputzt wurde, wie sie das gerne gehabt hätte. Drei Monate später begeht der Mann Selbstmord. Hatten sie Bauchweh, das hineinzunehmen?

Moschitz: Ich hatte kein Problem, das zu drehen. Als ich davon erfahren hatte, wollte ich unbedingt helfen und vor Ort sein. Im Gespräch mit Aurica jedoch war der Selbstmord ihres Mannes immer ein Tabuthema - wir haben es nie angesprochen, bis heute nicht. Sie wollte, dass ich glaube, dass es ein Unfall war. Ich wollte ihr nicht zu nahe treten.

Solche Selbstmorde sind häufig. Die Frauen sind weg, dann vielleicht auch noch die Kinder, die Scheidungsrate ist hoch. Ich wollte zeigen, was die Konsequenz dieser illegalen Migration ist. Ich hätte auch so tun können, als wäre das alles nicht passiert, aber ich wollte nicht lügen. Auricas Mann hat es nicht geschafft. Er hätte sich ein anderes Leben gewünscht.

In Moldawien herrscht ein traditionelles Rollenbild vor. Die Männer würden gerne die Familie ernähren - es gibt aber keine Jobs. Dann sind die Frauen weg, um zu arbeiten, und die Männer müssen sich um den Haushalt und die Kinder kümmern. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sie kümmern sich um Hühner, eine Kuh, Schafe, einen Gemüsegarten, lagern ein und konservieren, was sie produzieren. Darüber hinaus gibt es keine Perspektive für sie. Im Ausland sind auf den Baustellen überall schon andere Nationalitäten vertreten. Bleiben nur die Frauen als Ernährer.

ORF.at: Was sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft in Moldawien?

Moschitz: Es gibt dort eine Zweiklassengesellschaft. Diejenigen, die ins Ausland gehen, haben die schöneren Häuser, und die Kinder der Daheimgebliebenen sind in der Schule schlechter angezogen. Viele Frauen gehen ganz weg - die fehlen in der Gesellschaft. Sie hinterlassen eine ganze Generation von traumatisierten Kindern. Das wird auf deren Beziehungen, auf deren Zukunft Auswirkungen haben.

ORF.at: Wie geht es einem als Journalisten, wenn man mit so etwas konfrontiert ist?

Moschitz: Mich hat das alles sehr betroffen gemacht. Aurica hat sich um unsere Kinder gekümmert, wir wussten nicht, dass sie illegal hier war. Sie kümmert sich um unsere Kinder, obwohl sie selbst welche hat. Da kann etwas nicht stimmen. Wir nehmen den Kindern dort ihre Eltern weg - das tut man nicht. Mein Gedanke war: Da muss man etwas dagegen tun.

Ist es eine Lösung, die Grenzen abzuschotten? Sollte man sie nicht viel eher öffnen, um den Schleppern ihre Erwerbsgrundlage zu entziehen? Müssen Menschen unter Zügen eingeklemmt ihr Leben riskieren? Müssen Menschen mit Schrottwagons mitfahren, wenn sie Gefahr laufen, von Schrottteilen durchbohrt zu werden? Muss es sein, dass - wie im Film beschrieben - ein Kleinkind bei einer Flussüberquerung stirbt und ihre lautstark klagende Mutter getötet wird, damit sie nicht den Grenzschutz anlockt?

Die machen das nicht, weil sie’s tun wollen, sondern aus einer Hoffnungslosigkeit heraus, weil sie für sich ein besseres Leben wollen. Die würden auch Pommes verkaufen bei uns an der Hausecke, wenn wir sie lassen würden. Warum eigentlich nicht?

ORF.at: Wie sieht die Unterstützung für Filmprojekte wie das Ihre in Österreich aus? Sind Sie auf einen argumentierbaren Stundenlohn gekommen?

Moschitz: Nein, keinesfalls. Ich sage den Frauen immer, die glauben, dass ich mit dem Film reich werde: Ich verdiene ein Drittel von dem, was ihr beim Putzen bekommt. Ich habe beim ORF dann nur noch Teilzeit gearbeitet und teilweise unbezahlten Urlaub genommen. Das Budget schaut am Anfang nicht schlecht aus, bis man weiß, wie viel Aufwand damit verbunden ist. Bei unter drei Euro pro Stunde habe ich aufgehört zu rechnen. Das war ein Konzept, das mir wichtig war - und ich wollte es machen.

Ich habe das auch für die Kinder gemacht, weil mir das ganze Thema und die Recherchen sehr nahegegangen sind. Ich habe zwei Kinder - und dort sind so viele Kinder von der Problematik betroffen und sind traumatisiert. Dieses Ungleichgewicht habe ich emotional nicht ertragen. Mit einem so dramatischen Befund hätte ich jedoch nicht gerechnet. Dass illegale Einwanderung die Familien letztlich zerstört und die Kinder in diesem Maße traumatisiert - damit hätte ich nicht gerechnet.

ORF.at: Hat sich der Aufwand ausgezahlt?

Moschitz: Ich zeige den Film im Dezember auch im Europaparlament - und ich möchte zwei Frauen mitnehmen, die vor Ort erzählen, wie es ihrer Familie geht, was alles vorgefallen ist, wie sie über die Grenzen gekommen sind. Ich habe in Brüssel festgestellt, dass es einen Unterschied macht, ob Repräsentanten der Republik Moldawien dort hinkommen und dort versuchen, Hilfsgelder zu lukrieren oder politische Abkommen zu schließen, oder ob Betroffene aus den Dörfern kommen und erzählen, was dort wirklich los ist. Die einen haben wirtschaftliche Interessen - den anderen geht es um ihre Familien.

Mir ist wichtig, dass die Geschichte der Menschen erzählt wird. Und ich hoffe, dass das Moldawien etwas bringt - und dass ich Moldawien auf diese Weise etwas zurückgeben kann, als kleines Danke für die Bereitschaft der Frauen, dass sie all das vor der Kamera erzählt haben.

Eine weitere Auswirkung des Films: Es gibt die Aktionsplattform Mama Legal, die nach dem Screening des Films beim Forum Alpbach spontan von einigen Menschen gegründet wurde. Die wollen dort etwas bewegen. Die hängen sich an die Promotion des Filmes an und haben bereits ein eigenes Logo. Es wird ein Spendenkonto geben. Der Stein soll weiterrollen.

Das Gespräch führte Simon Hadler, ORF.at

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