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Menge vor Botschaftsgebäude gestoppt

Demonstranten haben am Donnerstag die US-Botschaft in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa gestürmt. Bei einem ersten Ansturm auf das Gebäude gab es mehrere Verletzte, bei einem zweiten wurden mindestens vier Demonstranten durch Schüsse getötet. Zehn Menschen wurden verletzt. Grund der Ausschreitungen war einmal mehr das zuletzt verbreitete islamfeindliche Video aus den USA.

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Die Demonstranten drangen offenbar durch das aufgebrochene Haupttor bis in das Botschaftsgelände selbst vor, jedoch nicht in das Botschaftsgebäude. Fahrzeuge wurden in Brand gesteckt, auch von Warnschüssen der Polizei ließ sich die Menge nicht aufhalten. Die US-Flagge an der Botschaft wurde verbrannt, auch andere US-Hoheitszeichen wurden zerstört. Schließlich konnten die Ordnungskräfte die Demonstranten unter Einsatz von Wasserwerfern zurückdrängen. US-Diplomaten kamen nicht zu Schaden.

Auch Jemen-Proteste deuten auf Al-Kaida hin

Seit Dienstag gibt es in zahlreichen muslimischen Ländern Proteste gegen einen US-Amateurfilm, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird. In Kairo stürmten militante Islamisten die US-Botschaft. Das US-Konsulat im libyschen Bengasi war am Dienstag mit Raketen und Granaten angegriffen worden. US-Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeiter wurden getötet, auch mehrere libysche Sicherheitskräfte starben.

Protestierende stürmen US-Botschaft in Sanaa

APA/EPA/Yayha Arhab

Die Protestierenden konnten vor dem Botschaftsgebäude gestoppt werden

Der Auftakt der Angriffe ereignete sich am Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001, ein für islamistische Terroristen symbolisches Datum. Die USA vermuten denn auch die Terrorgruppe Al-Kaida als treibende Kraft hinter den Attacken, die zumindest im Fall der Attacke in Bengasi tatsächlich alle Anzeichen eines organisierten Anschlags aufweist. Gerade im Jemen hat Al-Kaida eines ihrer stärksten Machtzentren.

Neuerlich Ausschreitungen in Kairo

Die Proteste weiten sich, wie befürchtet, offenbar tatsächlich aus: In der ägyptischen Hauptstadt Kairo hielten die Proteste auch am Donnerstag an. Bei den Zusammenstößen zwischen gewalttätigen Demonstranten und Polizisten vor der US-Botschaft in Kairo wurden dabei 80 weitere Menschen verletzt. Das berichteten Augenzeugen und Krankenhausärzte. Unter den Verletzten seien auch zahlreiche Polizisten, hieß es. Die Demonstranten warfen Steine. Die Polizei setzte Tränengas ein. Seit Beginn der Ausschreitungen wurden damit in Kairo bereits mehr als 200 Menschen verletzt.

Ägyptische Demonstranten mit brennenden Reifen

AP/Hussein Tallal

Ausschreitungen in Kairo am Donnerstag

Proteste auch in Tunis und Teheran

Auch Tunesien ist inzwischen von den Protesten erfasst worden. Unweit der tunesischen Hauptstadt Tunis setzte die Polizei Tränengas gegen rund 300 Demonstranten ein, die auf das Gelände der US-Botschaft vordringen wollten. Offiziellen Angaben zufolge wurden fünf Menschen festgenommen, mindestens zwei Polizisten wurden verletzt. Auch im Irak kam es zu wütenden Protesten in mehreren Städten. Die Sicherheitsvorkehrungen für US-Botschaften in islamischen Ländern wurden massiv verstärkt.

Rund 500 Islamisten haben am Donnerstag auch in Teheran protestiert und lautstark den Tod des Filmemachers gefordert. Die Demonstranten versammelten sich vor der Schweizer Botschaft, die die Interessen der USA im Iran vertritt. Sie riefen „Tod den USA“ und „Tod für Israel“. Hunderte Wachleute hielten die Iraner davor zurück, die Botschaft zu stürmen. Die USA und der Iran unterhalten keine diplomatischen Beziehungen. Für Freitag sind Großdemonstrationen in mehreren Ländern zu erwarten.

Der iranische Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei forderte die USA auf, die Macher des islamfeindlichen Films zu bestrafen, der seit Tagen in der islamischen Welt für Empörung sorgt.

Mursi grenzt sich von Protesten ab

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi hat die Angriffe auf die US-Botschaften in Kairo und der libyschen Hauptstadt Bengasi verurteilt. „Das ägyptische Volk ist ein sehr zivilisiertes Volk, und das ägyptische Volk lehnt solch gesetzloses Handeln ab“, sagte Mursi am Donnerstag nach einem Besuch der EU-Kommission in Brüssel. „Wir sollten alle Besucher, Touristen und diplomatische Vertretungen schützen“, sagte der gemäßigte Islamist.

Ägypten werde mit der EU und auch mit den US-Behörden zusammenarbeiten, „damit sich solche Ereignisse künftig nicht wiederholen“, sagte Mursi. Er habe am Mittwoch umgekehrt aber auch bei einem Telefonat US-Präsident Barack Obama gebeten, das „Betragen“ der Hersteller eines islamfeindlichen Films, der in der arabischen Welt scharf verurteilt werde, „zu stoppen“. Mursis Muslimbruderschaft hat für Freitag zu Großdemonstrationen wegen des Films aufgerufen.

US-Konsulat in Berlin geräumt

In Libyen kam es am Donnerstag zu Verhaftungen wegen der Attacke vom Dienstag. Nähere Angaben machte die libysche Regierung, die außerdem eine Untersuchungskommission zu dem Vorfall einsetzte, jedoch nicht. Wegen angeblicher Gesundheitsbeschwerden und dem Auftauchen von nicht näher bezeichneten möglicherweise gefährlichen Substanzen wurde am Donnerstag zudem vorübergehend das US-Konsulat in Berlin geräumt. Nach eingehenden Untersuchungen wurde am späteren Nachmittag jedoch wieder Entwarnung gegeben.

Afghanistan sperrt YouTube

Nach den blutigen Protesten hat das Internetportal YouTube unterdessen den Zugriff auf das Video aus Libyen und Ägypten erschwert. Zwar verstoße der Inhalt des religionsfeindlichen Amateurfilms nicht gegen die YouTube-Richtlinien, angesichts der „schwierigen Lage in Libyen und Ägypten“ sei der Zugang in beiden arabischen Ländern jedoch „vorübergehend eingeschränkt“ worden, erklärte ein Sprecher des Google-Dienstes am Donnerstag. In anderen Ländern wird das Video mit einer Sicherheitsabfrage verknüpft.

Die afghanische Regierung sperrte am Donnerstag überhaupt den Zugang zur gesamten YouTube-Website. Die mehr als 40 Internetanbieter des Landes hätten eine entsprechende Anordnung erhalten, sagte der Sprecher des Informationsministeriums, Aimal Marjan. Aus dem Kultusministerium hieß es, die Menschen sollten davon abgehalten werden, einen Film zu sehen, in dem „unser Prophet entweiht“ werde. Gleichzeitig wolle die Regierung auf diese Weise mögliche Proteste verhindern.

USA verurteilen Film neuerlich

Außenministerin Hillary Clinton grenzte sich am Donnerstag einmal mehr von dem Film ab. Der in den USA hergestellte Streifen sei „abscheulich und verwerflich“, und die US-Regierung habe „absolut nichts mit diesem Video zu tun“, so Clinton. Allerdings sei auch die Gewalt, die der Film in Ägypten, Libyen und im Jemen auslöste, nicht hinzunehmen, fügte Clinton hinzu. Da in den USA das Recht auf freie Meinungsäußerung herrsche, sei es für Washington „unmöglich“, solche Filme zu verhindern.

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