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Großangelegte Vertuschungsaktion

Von Dienstag auf Mittwoch haben sich über Blogs und Web-2.0-Plattformen offenbar aus China stammende Bilder rund um die Welt verbreitet, die an Grausamkeit ihresgleichen suchen: Sie zeigen, wie ein Bewohner der chinesischen Stadt Changsha gegen eine Enteignung protestierte - und deshalb auf Befehl des Vizebürgermeisters mit einer Straßenwalze überrollt wurde.

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Die Quelle aller westlichen Medienberichte war vorerst nur das Blog Infowars.com, das sich seinerseits auf anonyme Quellen aus China beruft. Die Website, die vom ultrakonservativen - und zu Verschwörungstheorien neigenden - US-Journalisten Alex Jones betrieben wird, ist als Quelle nicht immer vertrauenswürdig. Allerdings offenbart im konkreten Fall auch die Untersuchung der Bilder durch Fachleute, die mit Fälschungen vertraut sind, keinen Hinweis darauf, dass das Bildmaterial manipuliert sein könnte.

Leichenteile angeblich versteckt

Fakt ist, dass Changsha derzeit Schauplatz eines Szenarios ist, wie es sich in China oft abspielt: Kleinhäusler sind Immobilienprojekten - im Fall von Changsha einmal mehr Hochhäuser „auf der grünen Wiese“ - im Weg, werden enteignet und bestenfalls mit kaum adäquaten Ersatzquartieren abgespeist. Einer der Betroffenen namens He Zhi Hua soll die Annahme der eher symbolischen Abschlagszahlung verweigert und sich dem Bautrupp in den Weg gestellt haben.

Laut dem Bericht auf Infowars.com legte sich He schließlich dort auf die Straße, wo der Bautrupp durchmusste - und starb durch den Befehl des Vizebürgermeisters einen qualvollen Tod unter der Straßenwalze. Laut Infowars.com lief unmittelbar danach eine von höchster Stelle organisierte Vertuschungsaktion an. 200 Beamte wurden demnach an den Ort des Mordes geschickt, um ebenso aufgebrachte wie schockierte Anwohner in Schach zu halten und Hes Leichenteile zu verstecken.

"Tank Man" Wang Weilin vor anrollenden Panzern

AP/Jeff Widener

Erinnerungen an den „Tank Man“ von 1989 werden wach

Empörung verbreitet sich auch in China

Auch soll der Familie des Getöteten Schweigegeld in unbekannter Höhe angeboten worden sein, damit der Vorfall nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommt. In offiziellen Medien wurde der Vorfall mit keinem einzigen Wort erwähnt. Auf dem Internetportal Weibo, Chinas Pendant zur Kurznachrichtenplattform Twitter, zieht das Thema offensichtlich jedoch immer weitere Kreise. Der Getötete könnte für das China von heute zu jener Symbolfigur werden, die der „Tank Man“ für die Protestbewegung 1989 war.

Vergleiche mit jenem - bis heute nicht zweifelsfrei identifizierten - Zivilisten, der sich am 5. Juni 1989 auf dem Pekinger Tiananmen-Platz allein einer Kolonne von Panzern entgegenstellte, drängen sich auf. Das Schicksal des „Tank Man“, der schließlich von chinesischen Sicherheitskräften weggezerrt wurde, ist bis heute unbekannt. Hunderte seiner Mitstreiter waren jedoch in den zwei Tagen zuvor von Panzern des Regimes überrollt worden, Hunderte weitere von den Einsatzkräften erschossen worden.

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