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Machtvakuum nach Assad nützen

Kämpfe zwischen der syrischen Armee und den oppositionellen Rebellen dominieren die Berichte aus Syrien. Im Hintergrund entwickelt sich allerdings mit den Zielen der kurdischen Bevölkerung ein zusätzlich destabilisierender Faktor. Der Syrien-Konflikt kommt damit auf eine breitere regionale Ebene, denn die Kurden sind hauptsächlich auf Gebiete in Syrien, im Iran, Irak und in der Türkei aufgeteilt.

Bisher hielten sich die Kurden weitgehend aus den Kämpfen heraus. Doch einige syrische Oppositionelle hatten die türkischen Kurden der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)immer wieder als „Subunternehmer“ Assads bezeichnet. Befürchtet wurde, dass die kurdische Bevölkerung, als Gegenleistung für mehr Autonomie und Rechte, dem Assad-Regime treu bleibe. Tatsächlich gewährte Assad den kurdisch dominierten Gebieten im Norden Syriens weitgehend freie Hand.

Doch die syrischen Kurden, rund zehn Prozent der Bevölkerung, haben andere Interessen. Die untereinander in mehrere Fraktionen aufgespaltenen syrischen Kurden sind sich in zwei Dingen einig, berichtete die „New York Times“: in ihrem Widerstand zum Assad-Regime und in ihrer Abneigung gegen die Ziele der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA). Statt das Assad-Regime zu unterstützen, bereiten sich die Kurden auf die Zeit nach Assad vor, um das zu erwartende Machtvakuum für die Ausweitung ihrer Autonomie zu nützen, berichtete die „NYT“ unter Berufung auf kurdische Vertreter aus dem Irak.

Karte von Syrien

APA/ORF.at

Bereit für den Kampf

Denn viele syrische Kurden, häufig auch Deserteure von Assads Armee, bereiten sich im Irak auf den Kampf in einem Syrien nach Assad vor und auf die Umsetzung der lange angestrebten Verbindung der kurdischen Minderheiten in einem unabhängigen Staat. Kurden aus dem Irak, allen voran Masud Barsani, Führer der Kurdenregion im Nordirak, unterstützen die potenziellen Kämpfer beim Training und mit Waffen.

Die Kurden seien bereit zu kämpfen, sollte die Regierung die kurdische Regierung wieder für sich beanspruchen oder die oppositionellen Milizen versuchen, in die kurdischen Gebiete einzuziehen: „Selbstverständlich werden wir uns selbst verteidigen“, betonte Saleh Mohammed, Chef der Partei der Demokratischen Union (PYD), gegenüber der „NYT“. Auch der Politikexperte und kurdische Oppositionspolitiker sieht in der jetzigen Situation „einen historischen Moment“ für die Kurden, „Wandel zu erreichen“.

Mehr Angriffe in Türkei

Auf die Türkei, die offen die syrischen Rebellen unterstützt, wirkt sich diese Entwicklung bereits aus. Die Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sieht einen Zusammenhang zwischen dem Konflikt in Syrien und zuletzt verstärkten Angriffen der PKK. Sie entführte vorübergehend einen Parlamentsabgeordneten, errichteten Straßensperren und führten Anschläge gegen türkische Sicherheitskräfte und Soldaten durch.

Die türkische Armee reagierte mit massiven Truppenverstärkungen. Erst vor wenigen Tagen sagte Erdogan, dass die Armee innerhalb eines Monats rund 500 kurdische Rebellen getötet habe. Verhandlungen mit der PKK waren trotz der Annäherung bei einigen Punkten gescheitert.

Neue PKK-Stellungen in Syrien

Die PKK profitiert vom Bürgerkrieg in Syrien. Auch Ankara geht davon aus, dass sich die PKK zuletzt noch mehr bemühte, in Syrien neue Stützpunkte aufzubauen. Bisher agierte die PKK vor allem aus dem Nordirak. Nun befürchtet die Türkei, dass auch aus Syrien immer mehr Anschläge kommen. Zudem sorgt sich Ankara um wachsende Unruhe in der eigenen kurdischen Bevölkerung angesichts der weitgehenden Selbstverwaltung der syrischen Kurden.

Erdogan drohte daher immer wieder, auch militärisch gegen PKK-Einrichtungen in Syrien vorzugehen. Das würde den Konflikt tatsächlich regional noch weiter ausbreiten. Schon jetzt verschlechterten sich im Gefolge des Syrien-Konflikts die Beziehungen der Nachbarländer Türkei und Iran. Ankara machte auch Damaskus für die neuerliche Eskalation des Kurdenkonflikts in Südostanatolien verantwortlich.

„Haben sichere Informationen“

Die Kurdenrebellen von der PKK seien im Norden Syriens von den syrischen Behörden mit schweren Waffen ausgerüstet worden, argumentierte Ömer Celik, AKP-Politiker und enger Erdogan-Vertrauter, vor wenigen Wochen: „Wir haben sichere Informationen.“ Wie Anfang der 90er Jahre der damalige irakische Diktator Saddam Hussein die Kurdenrebellen aufgerüstet habe, sei es nun die Regierung Assad, die den Konflikt anfache.

Die syrische Kurdenpartei PYD warnte die Türkei vor einem tatsächlichen militärischen Eingreifen, versuchte allerdings zugleich zu beruhigen: „Die Türkei hat nichts mit den syrischen Kurden zu tun“, sagte PYD-Chef Mohammed. Für das Nachbarland gebe es keinen Grund zur Sorge.

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