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Einblick in das Wahlverhalten

Das US-Wahljahr ist immer auch Hochsaison für politische Umfragen. Die Politik hofft auf Stimmungsberichte aus der Bevölkerung, die Meinungsforscher liefern tagesaktuelle Einschätzungen. Doch das Problem bei Umfragen liegt darin, dass sich der Wähler nicht gerne in die Karten schauen lässt und Fragen oftmals ungenau oder unwahr beantwortet.

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Die Suchmaschine Google gewähre wesentlich tiefere Einblicke in das Wahlverhalten als jede Meinungsumfrage, erklärte Seth Stephens-Davidowitz, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Harvard, im Wahlblog der „New York Times“ („NYT“). Vergleicht man die aktuellen politischen Suchanfragen bei Google mit jenen von vor vier Jahren, lassen sich laut Stephens-Davidowitz durchaus Hinweise auf das Wahlergebnis 2012 schließen.

Google Trends

Das Service Google Trends listet auf, welche Suchbegriffe von den Nutzern wie oft eingegeben wurden. Die Ergebnisse können nach einzelnen Ländern und geografischen Regionen sortiert werden und sind über die Google-Website grafisch aufbereitet abrufbar.

Interesse an Romney-Unterwäsche

Viele der Anfragen sind belanglos - so wollen beispielsweise derzeit etwa 5.000 Nutzer pro Monat wissen, welche Unterwäsche der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney trägt (fromme Mormonen tragen spezielle „Tempelkleidung“).

Oft sind die Wähler auch nicht an Sachpolitik interessiert. Bei der Suche nach dem aktuellen Romney-Vize, Paul Ryan, wird dessen nackter Oberkörper wesentlich stärker nachgefragt als seine Finanzpläne: Laut Google wird die Anfrage „Paul Ryan shirtless“ neunmal häufiger gestellt als „Paul Ryan budget“. Wird nach First Lady Michelle Obama gesucht, wird das Wort „hässlich“ („ugly“) dreimal häufiger in die Suchmaske eingetippt als das Wort „schön“ („beautiful“), so die Auswertung des US-Forschers.

Witze für die „Swing-States“

Während in Bundesstaaten mit einer Mehrheit für den Kandidaten der Demokratischen Partei (sogenannte „blaue Bundesstaaten“) bei der Suche nach dem aktuellen US-Präsidenten vor allem der Begriff „Obama“ verwendet wird, wird in Bundesstaaten mit republikanischer Mehrheit (sogenannte „rote Bundesstaaten“) der Suchbegriff „Barack Hussein Obama“ öfter genutzt, so Stephens-Davidowitz. Witze über Kandidat Romney („Romney jokes“) seien demnach in Iowa und Ohio - sogenannte „Swing-States“, in denen ein besonders knappes Wahlergebnis erwartet wird - besonders gefragt.

Vorhersage der Wahlbeteiligung

Zu den traditionell schwierigsten Prognosen gehört die Vorhersage der Wahlbeteiligung unter der US-Bevölkerung. Denn kaum ein telefonisch Befragter gibt bekannt, dass er nicht vorhat, seine Stimme abzugeben. Bis zu zwei Drittel der Nichtwähler haben bei Umfragen zuvor erklärt, zur Wahl zu gehen, so eine aktuelle Schätzung.

Aktuell stehen etwa jene Meinungsumfragen, die davon ausgehen, dass die Wahlbeteiligung der afroamerikanischen Bevölkerungsgruppe im Vergleich mit den US-Wahlen 2008 gleich bleibt, jenen gegenüber, die eine geringere Wahlbeteiligung der afroamerikanischen Stimmberechtigten vorhersagen.

Suchanfragen regional zuordenbar

Auch Stephens-Davidowitz sieht hier einen Knackpunkt der US-Wahl 2012. Eines habe sich laut dem US-Ökonom bereits in den vergangenen Jahren gezeigt: Je mehr US-Bürger im Internet knapp vor der Wahl nach Wahlinformationen suchten (“how to vote”, “where to vote"), desto höher sei die Wahlbeteiligung. Ordne man diese Suchanfragen bestimmten Regionen zu, könne man zudem Hinweise auf die demografische Zusammensetzung der jeweiligen Wählerschaft ermitteln.

Das belegt laut Stephens-Davidowitz ein Blick zurück ins Jahr 2008. Vor vier Jahren habe die allgemeine Nachfrage nach Wahlinformationen gegenüber Oktober 2004 zwar leicht abgenommen. In einigen US-Bundesstaaten mit einem großen afroamerikanischen Bevölkerungsanteil wie North Carolina, Georgia und Mississippi konnte sie jedoch stark zulegen.

Die Google-Daten wurden laut dem US-Forscher schließlich im Wahlergebnis bestätigt. Die Wahlbeteiligung in der afroamerikanischen Bevölkerung stieg 2008 gegenüber 2005 signifikant an. Meinungsforscher führen das auf die Mobilisierungskraft von Obama zurück.

Bisherige Prognosen für 2012

Welche Prognosen lassen sich bisher für die Wahl 2012 ableiten? Hinsichtlich der Wahlbeteiligung kommt es laut Analyse der Google-Daten zu keinen großen Veränderungen. Die Suchraten entsprechen großteils denen im Jahr 2008. Nur in wenigen Bundesstaaten gibt es Hinweise für einen Anstieg. Stephens-Davidowitz nennt hier Ohio als Beispiel.

Gute Nachrichten für Romney gibt es laut Stephens-Davidowitz aus den Bundesstaaten mit hohem Mormonen-Anteil. In Hochburgen wie Idaho Falls und Salt Lake City - zwei Einzugsgebiete mit dem größten Mormonen-Anteil - werde derzeit häufiger nach Wahleinformationen im Internet gesucht. Und auch in den „Swing-States“ Nevada (sieben Prozent Mormonen) und Colorado (drei Prozent Mormonen) zeichne sich dieser Trend ab.

Die Hoffnungen der Republikaner, dass viele Obama-Wähler aus Enttäuschung der Wahl fernbleiben, werden laut Stephens-Davidowitz hingegen nicht erfüllt. „Man kann davon ausgehen, dass der Anteil der afroamerikanischen Stimmen bei der Wahl genauso hoch sein wird wie im Jahr 2008, ungefähr bei zwölf Prozent,“ so der Harvard-Volkswirt. Das sei ein gutes Zeichen für Obama.

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