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Lächeln, plaudern, menscheln

So unterschiedlich die Werte von US-Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney auch sind, in den Momenten, in denen sie ihren Wählern wirklich nahekommen wollen, ähneln sie einander sehr: Wenn es ums Menscheln geht, schicken sie ihre Frauen vor. Präsidentengattin Michelle Obama und Ann Romney inszenieren ihre Männer als fürsorgliche Familienväter und liebende Ehegatten.

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Winken, lächeln, aus dem Nähkästchen plaudern: So profan die Aufgaben auch klingen, so bedeutend ist die Rolle von Michelle Obama und Ann Romney im US-Wahlkampf. Robert Watson, Professor für Amerikanistik an der US-Universität Lynn, schätzt das Potenzial ihrer Auftritte enorm hoch ein: „Mit Michelle kann Barack Obama sein Territorium und die Zahl von Spendern verdoppeln“, sagte er gegenüber der britischen Zeitung „The Guardian“.

Von alten Couchtischen und Thunfischpasta

Um das zu erreichen, ist der Präsidentenfrau keine Anekdote zu persönlich: „Er war der Typ, dessen stolzester Besitz ein Couchtisch war, den er im Abfall gefunden hat; und dessen einziges Paar vernünftiger Schuhe eine halbe Größe zu klein war“, erzählte Michelle vor 15.000 Delegierten am Parteitag der Demokraten über ihren Barack. „Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist, aber heute liebe ich meinen Mann sogar noch mehr als vor vier Jahren“, meinte sie weiter.

Michelle Obama beim Besuch einer Schule

Reuters/Jason Reed

Wahlkampf macht auch vor den Kleinsten nicht halt: Michelle Obama in einer Schule in Virginia

Ann Romney beschrieb ihrerseits die „besonderen Tage“ ihrer erster gemeinsamen Jahre mit Mitt: „Wir heirateten und zogen in eine Kellerwohnung. Wir sind zusammen zu unseren Kursen gegangen, haben uns die Hausarbeit geteilt und aßen eine Menge Pasta und Thunfisch ... Unser Esstisch war ein herunterklappbares Bügelbrett in der Küche.“

Während Michelle ihren Mann während seiner Amtszeit immer wieder mit Auftritten unterstützte und 17 Mio. Dollar an Spenden lukrierte, stieg Ann erst vergleichsweise spät aktiv und mit Einzelauftritten in den Wahlkampf ein. Was ein Fehler war, wie Watson glaubt: „Sie ist nicht so natürlich ungezwungen wie Michelle. Sie wurde zu wenig eingesetzt“, analysiert der Politikexperte.

Unentschieden im Kampf um weibliche Wähler

Die vielen Geschichten der Frauen über Bügelbretter und die Liebe, die sie mit ihrem Mann verbindet, sind integraler Bestandteil des Wahlkampfs. Jetzt, wo das Finale eines spannenden Kopf-an-Kopf-Rennens immer näher rückt, fällt Michelle und Ann neben der allgemeinen Wählermobilisierung eine weitere Rolle zu. Sie sind für ihre Männer zu unverzichtbaren Advokatinnen der Wählerinnen geworden, der größten und einer der bedeutendsten demografischen Gruppen in diesem Wahlkampf. Denn während im vergangenen Wahlkampf die Mehrheit der Wählerinnen eindeutig auf Obamas Seite standen, ist das diesmal nicht mehr so eindeutig.

Ann Romney beim Besuch einer Schule

Reuters/Brian Blanco

Ann Romney machte auf einer Bustour quer durch Florida für eine Lesestunde in einem Lernzentrum halt

Umfragen deuten laut „Guardian“ darauf hin, dass Romney bei den Frauen aufgeholt hat. Während Obama noch vor einigen Monaten bei dieser Wählerschicht im zweistelligen Bereich vorne lag, liegen die Kandidaten nun in etwa gleichauf. „Die Demokraten haben die Wählerinnen lange für selbstverständlich gehalten“, sagt Katherine Jellison von der Ohio University. Die Republikaner hätten sich jedoch die Wirtschaftskrise zunutze gemacht, um Wählerinnen umzustimmen. Eine andere Studie des Pew Research Center zeichnet ein anderes Bild: Obama liegt darin bei den weiblichen Wählern noch immer um bequeme sechs Prozent vorne.

Hausfrau gegen erfolgreiche Anwältin

Der Kampf um die Wählergruppe ist jedenfalls groß, und Michelle und Ann wurden zu zentralen Figuren darin. So unterschiedlich die beiden Frauen sind, so sehr unterscheidet sich meist auch ihr Publikum bei den Auftritten: eine selbstbewusste, schwarze Ex-Anwältin, die einst mehr verdiente als ihr Mann auf der einen Seite, und eine blonde Hausfrau, fromme Mormonin und Mutter von fünf Buben auf der anderen.

Obama hielt kürzlich in Broward im Bundesstaat Florida eine leidenschaftliche 45-minütige Rede vor Menschen unterschiedlichster Hautfarben in einer von der unteren Mittelschicht dominierten Gegend mit kleinen Häusern und Fast-Food-Restaurants. Eloquent und mitreißend erzählt sie von den Erfolgen ihres Mannes in seiner bisherigen Amtszeit, gemischt mit persönlichen Anekdoten.

Romney hingegen trat in einem Park in Orlando auf, in einer der reichsten Gemeinden Floridas mit teuren Restaurants und Boutiquen. Sie sprach vor hauptsächlich weißen Menschen, brachte eines ihrer 13 Enkelkinder mit und pflegte in ihrer Rede das Image einer stolzen, frommen Mutter und Ehefrau, die sich um die Zukunft Amerikas sorgt. Ihr Auftritt war nach 15 Minuten vorbei, wie der „Guardian“ berichtete. Die unterschiedlichen Zuhörer sind von beiden Frauen begeistert. Die Beliebtheitswerte von Michelle und Ann sind höher als die ihrer Männer.

Unverzichtbarer Einsatz

So unterschiedlich die beiden Frauen auch sein mögen, letzlich reduziert ihre Kampagne sowohl Michelle Obama als auch Ann Romney auf eine unterwürfige, traditionell „weibliche“ Rolle. Beide sprechen über ihre Erfahrungen als Mutter, über Lieblingsrezepte, und ihre Modeentscheidungen werden bis ins letzte Detail analysiert, so der „Guardian“. Sie geben Frauenmagazinen Interviews und treten in Talkshows auf. Bei ihnen stünden weniger politische und mehr weiche Themen im Vordergrund - schließlich interessiere sich auch nicht jeder für Politik, so Watson. „Sie wären ein Narr, wenn sie sie nicht rausschicken würden.“

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