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Ein Utzbach in der Stadtmitte

Es gibt Orte, für die traf jahrelang eher der Begriff Un-Ort zu. Solche Un-Orte können auch mitten in einer Stadt liegen. Wien-Mitte, das war lange für viele Wienerinnen und Wiener so ein Un-Ort. Was eigentlich die „Mitte von Wien“ versprach, war eher ein gesichtsloser Häuserfleck - und über Jahre hinweg war es vor allem eine Baustelle.

Wenn Wien-Mitte seit Donnerstag zumindest teileröffnet ist, dann bekommt dieser Ort zumindest den Ansatz eines Gesichts. Wie gelungen dieses ist, entscheidet am Ende wie immer die Nutzung. Dort, wo einst Oma in der „Fleischhalle“ ihre speziellen Debreziner holte, steht heute ein modernes Kaufhaus. Und ab 2013 darf man im integrierten Megafinanzamt schauen, ob einem der Staat via Jahresausgleich vielleicht Geld überlassen hat, auf dass man es rasch ums Eck in den Wirtschaftskreislauf pumpe.

Ein einstiger Hafen

Wien-Mitte war einmal ein Hafen. Der wichtige Wiener Neustädter Kanal traf hier auf das Zentrum der Stadt. Zwischen 1803 und 1849 bestand dieser Hafen, der Mitte des 19. Jahrhunderts funktionslos und schließlich zugeschüttet wurde. Im Zeitalter der Eisenbahn hätte Wien-Mitte sogar Standort des Südbahnhofes werden sollen - geworden ist es schließlich nur ein kleinerer Durchgangsbahnhof beim ehemaligen Hauptzollamt. Verbunden wurde mit der Strecke der Gloggnitzer Bahnhof (Südbahnhof) mit dem Nordbahnhof.

Archivaufnahme entstanden vor 1925, zeigt die Dampfstadtbahn Hauptzollamt, im Bereich der heutigen U4-Station

Public Domain

Der einstige Bahnhof am Hauptzollamt: Hier wäre fast einmal der Südbahnhof gestanden.

Im Prinzip nahm die Trassenführung von 1851 die spätere Schnellbahnstrecke vorweg. Diese wurde im Bereich des Bahnhofes allerdings noch als Hochbahn geführt. Erst mit der Regulierung des Wienflusses und mit der Schaffung der Verbindungsbahn zur Jahrundertwende wanderte auch die Bahntrasse des Bahnhofes am Hauptzollamt in die Tiefe. In der Zwischenkriegszeit war der Bahnhof Hauptzollamt wichtige Umstiegsstelle zwischen verschiedenen Bahnen, etwa der Pressburger Bahn und auch zahlreichen Straßenbahnen. Die Einführung der Schnellbahn 1962 brachte eine Namensänderung: Der Bahnhof hieß fortan Landstraße.

Bahnhof Wien Mitte aufgenommen am 24. 10. 2005

Picturedesk.com/Robert Newald

Blaue Parapetplatten machten die Wiener sicher: Ich habe Wien-Mitte erreicht.

Post-, Bäder- und Skibusse

Gut zehn Jahre später gab es erneut Pläne, den Ort mit dem Halt internationaler Züge aufzuwerten. Doch so ganz international sollte es auf dem Bahnhof Landstraße nie werden: Von dem großen Parkdeck pendelte man via Postbus in verschiedene Gegenden Niederösterreichs und des Burgenlandes. Im Winter sah man in den 1970er bis 1990er Jahren hordenhaft Skifahrer herumgehen, die sich im boomenden Bereich der Tagesskitouren den richtigen Abfahrtsbahnsteig suchten. Auch Urlaubsreisen (die beliebten „Bäderbusse“) wurden von Wien-Landstraße aus angeboten.

Aussenansicht der Landstrasse Markthalle beim Bahnhof Wien- Mitte aufgenommen am 20. 3. 2007

APA/Christian Hammer

Kein Herzeigeeck: Eingang zur einstigen Markthalle

Babylon Wien-Mitte

Als die neue U4 Ende der 1970er Jahre in Wien-Landstraße Einzug anstelle der Stadtbahn hielt, kam die babylonische Sprachverwirrung Wiener Bauart. Ein Bahnhofsteil hieß fortan Wien-Mitte, der andere Landstraße.

Bebauungstechnisch sah es mit Wien-Mitte nicht besser aus. Ein großes Busparkplatzdeck, ein Büroriegel mit rostenden blauen Parapetbändern und eine umgebaute Markthalle samt angeschlossenem Parkhaus im Waschbeton-Profilitglas-„Schick“ waren die Insignien dieses Ortes, der vielen schon als „Schandfleck“ galt.

Der Traum von hohen Türmen

Bebauungspläne gab es viele (einen unter Federführung von Roland Rainer und dem Verkehrsplaner Helmut Knoflacher Mitte der 1980er Jahre). Gegenüber wuchs neben dem Hilton ein neuer großer Büro- und Kinokomplex. Ende der 1990er Jahre kam es schließlich zur Neuplanung des Bahnhofs. Bis zu 97 Meter hohe Türme sah das Projekt des Teams von Ortner & Ortner vor. Diese hatten ja schon im MuseumsQuartier mit dem Leseturm und überhöhten Altbauten den Zorn eines Wiener Kleinformates herausgefordert. Im Fall Wien-Mitte war es die UNESCO, die höhenmildernd auf das Projekt wirkte. 2003 wurde es in der Ursprungsform fallengelassen und neu dimensioniert.

Photomontage der geplanten Überbauung des Bahnhofes Wien-Mitte aus dem Jahr 2000

APA/B.A.I.

Das Projekt Landstraße um 2000: Fast hundert Meter Hohe Türme sollten das Areal markieren.

Die neue Mitte Wiens

2007 kam es schließlich zum Neuanlauf einer multifunktionellen Bahnhofsüberbauung. Die Architekten Ortner & Ortner, Neumann + Steiner haben einen insgesamt 130.000 Quadratmeter umfassenden Gebäudekomplex errichtet, in dem Büroflächen ebenso vorgesehen sind wie Einkaufs- und Gastronomiebereiche. Wer heute „The Mall“ betritt, darf daran erinnert werden, dass Wien-Mitte mit dem 1957 errichteten „Ausstellungs- und Einkaufszentrum“ (AEZ) das erste Shoppingcenter Wiens beherbergte.

Die Stadt verspricht sich auch eine Aufwertung der sonst eher gemütlichen Landstraße und hofft auf Magneteffekte, wie man sie im Fall des MuseumsQuartiers erzielte. Ob sich diese einstellen, bleibt abzuwarten. Die Auslagerung der Stadtplanung an Kommerzinteressen kritisierte der Stadtplaner Reinhard Seiss in der „Süddeutsche Zeitung“ am Donnerstag: „Die banalen Fassaden aus Aluminium und Glas“ vermittelten das, was sich dahinter verberge: „schnöde Investorenarchitektur“.

Blick auf die Front der neueröffneten "Mall" in Wien Mitte

ORF.at/Zita Köver

Markantes neues Viertel oder „schnöde Investorenarchitektur“?

Einen massiven Eindruck vermittelt das neue Areal allemal. Es steht als Landmark zwischen Stadt und drittem Wiener Gemeindebezirk. Eine große Qualitätszeitung wird demnächst ums Eck ihr Büro aufschlagen. Und hinter Wien-Mitte soll auch das eine oder andere Medienhaus eine neue Heimat gefunden haben.

Gerald Heidegger, ORF.at

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