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Der helle Glanz des Schwarzen

Das Diktum des Netzwerkens lässt normalerweise an Männerseilschaften, stupides Facebook-Liken und Karrieregeilheit denken, Sinnbilder der Suche nach einem Leben im schalen Rampenlicht der Neonröhren. Wenn aber jene Ränke schmieden, die sich in den dunklen Winkeln des Kulturbetriebs wohlfühlen, dann erstrahlt ihr Schwarz in besonders hellem Glanz.

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Klaus Totzler, ORF-Kulturredakteur und Motor hinter der Vienna Songwriting Association, ist ein Netzwerker in letzterem Sinne. Nach jahrelanger Aufbauarbeit ist das Blue Bird Festival im schönen alten Wiener Porgy & Bess zu einer Institution geworden, die man weit über die Grenzen Österreichs wahrnimmt - sehr weit. Heuer wurde Totzler von der kanadischen Constellation Records kontaktiert mit der Frage, ob man nicht das 15-Jahres-Jubiläum des Labels integrieren wolle.

Die Songwriting Association zeigte sich erfreut und holte gleich noch die Viennale mit an Bord. Nun gibt es Musik, Filme sowie eine Ausstellung von Cover-Artworks zu sehen. Kanada, sagt Totzler, ist eine Hochburg des qualitativ Herausragenden im Bereich alles Schrägen und Ausgefransten; genau der Sachen also, die neben dem klassischen Singer-Songwritertum (Akustikgitarre, Moll, Gesang mit Tremolo) beim Blue Bird Festival Platz haben.

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra

Yannick Grandmont

Das Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra im Proberaum

Hinweis

Blue Bird Festival: 21. bis 24. November 2012. Porgy & Bess, Wien, Riemergasse 11; Viertagespass um 79, Zweitagespass um 48 und Tagespass um 28 Euro.

Kaum steigerbare Intensität

Zu den bekannteren der kanadischen Acts beim Blue Bird zählt neben Do Make Say Think das Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra mit seinen epischen Songs, die irgendwo zwischen Postrock, Neo-Psychodelik und New Weird America angesiedelt sind und vom Tempo her stark variieren, während die Intensität immer gleich bleibt - sehr hoch nämlich, auf einem kaum steigerbaren Level, samt Bläsern, Geigen und Piano.

Eric Chenaux, ebenfalls der kanadischen Fraktion beim Blue Bird angehörend, lässt die Töne hingegen in den Raum tröpfeln. Piano ist auch hier zu hören, eine ruhig vor sich hin philosophierende E-Gitarre, dazu sorgsam eingesetzte Elektronik. Gesanglich könnte man Chenaux in der Nähe Jeff Buckleys einordnen, die Intonation erinnert mitunter auch an Anthony (and the Johnsons). Chenaux lässt die Außenwelt lässig und dennoch unverwechselbar an seiner Innerlichkeit teilhaben.

Eric Chenaux - Live in Beirut

Tanya Traboulsi

Eric Chenaux - Meister der Innerlichkeit

Das Leuchten zur Geltung bringen

Das Kennenlernen und Entdecken steht nicht nur in der Planung des Blue Bird im Vordergrund. Die Vienna Songwriting Association legt besonders auf ihre Nachwuchsarbeit in Österreich Wert. Talente werden gefördert, erste Konzerte ermöglicht. Beim Bluebird tritt dann eine Mischung aus etablierten Künstlern und ruhigeren Stimmen aus dem Aus- und Inland auf. Dass die Künstler da Kontakte knüpfen, ist ein erwünschter Nebeneffekt.

Totzler sagt, viele Acts, die beim Blue Bird stattfinden und von der Vienna Songwriting Association unterstützt werden, hätten gemeinsam, dass sich ihre Promoter zu wenig um sie gekümmert hätten. Hat man solche Künstler entdeckt, muss man sie zunächst erst einmal aus der Nische innerhalb der Nische herausholen und dann ihr Leuchten, das sie schon gehabt hatten, endlich auch zur Geltung bringen.

Squalloscope

Philipp Forstner

Anna Kohlweis alias Squalloscope

Kampf gegen die eigene Vermarktung

Anna Kohlweis etwa wehrte sich selbst gegen jede Art der Vermarktung. Nur durch einen Zwischenkontakt kam Totzler an eine selbstgepresste, private Vorab-EP ihrer ersten musikalischen Gehversuche. Er und seine Frau Jenny Blochberger (FM4) seien bei einer Reise vor sieben Jahren durch Argentinien gefahren und hätten immer und immer wieder diese CD gehört.

Es sollte jedoch noch ein dreiviertel Jahr dauern, bis sich Kohlweis überreden ließ, ihr allererstes Konzert zu geben, im Wiener Vorstadtbeisl, organisiert von der Songwriting Association. Sie machte sich als Paper Bird einen Namen. Ein Musikindustrie-vermarktungstaugliches PR-Wunder ist Kohlweis noch immer nicht, bewusst nicht. Aber die 28-Jährige tritt mit ihrem neuen Projekt Squalloscope beim Blue Bird als einer der Hauptacts auf.

Keine unfreiwillige Traurigkeit

Der Titel ihrer CD, „Soft Invasions“, bringt die Musik ganz gut auf den Punkt. Die Songs darauf sind immer genau so intensiv, wie man ihnen zuhört. Die CD kann als coole Mischung von Gitarren, tanzbaren Rhythmen und elektronischen Einsprengseln durchaus nebenher gehört werden. Konzentriertes Zuhören wird jedoch reich belohnt.

Es mag kleinlich klingen - aber eine der Qualitäten von Kohlweis ist ihre ordentliche englische Aussprache. Denn - da muss man von keinem elitistischen Dünkel beseelt sein oder sich als pseudo-Williamsburger- oder Möchtegern-Bushwicker gerieren: schlechtes Österreichisch-Englisch, traurig-gelangweilt vorgetragen und von molliger Akustikgitarre begleitet (oft auf Schulskikursen gehört, manchmal auf Bühnen). Viel unfreiwillig trauriger wird die Trauer nicht. Bei Squalloscope findet man das Gegenteil vor.

In Sachen Österreich unbedingt erwähnt werden müssen selbstverständlich auch die auf Deutsch singenden, unverwechselbaren Garish. Bei ihrem Auftritt dürfte das Porgy zum Bersten voll sein - weil die Burgenländer angekündigt haben, erstmals die Songs ihres neuen Albums vorzustellen.

Daniel Norgren mit Gitarre

Petra Norgren

Der Schwede Daniel Norgren gibt alles - und noch ein bisschen mehr

Tom Waits auf Speed

Herrlich aus der Zeit gefallen, aber nicht altbacken, sondern zeitlos, ist die Musik des Schweden Daniel Norgren. Sein Album „Horrifying Deatheating Bloodspider“ sei allen ans Herz gelegt, die um 5.00 Uhr in rauchigen Bars gerne ein Bier an der Theke trinken. Seit 20 Jahren sind Norgrens Songs irgendwo zwischen Screaming Jay Hawkings auf Beruhigungstabletten und Tom Waits auf Speed angesiedelt, andere wieder mäandern durch einen Dschungel aus gemütlichen Rhythmen und Gitarrenklängen mit einer Überdosis Verzerrung.

Ihn und viele andere kann man auf der übersichtlichen Website der Vienna Songwriting Association entdecken, wo aussagekräftige Kurztexte über jeden Künstler samt Link zu deren Homepage bereitstehen. Die Besonderheit des Blue Bird, sagt Totzler, ist die Beachtung von Nischen, die sonst gerne übersehen werden. Manchmal gehe das auf, manchmal nicht.

Den blauen Vogel fliegen lassen

Das Besondere am Blue Bird Festival ist, möchte man hinzufügen: Sogar innerhalb eines Abends geht das mehrmals auf und mehrmals nicht. Ein intensiveres musikalisches Erleben als im roten Plüschumfeld des Porgy & Bess ist schwer vorstellbar. Gemeinsam mit Musikern, die ihr Konzert bereits hinter oder noch vor sich haben, lauscht man den Klängen und lässt den blauen Vogel fliegen.

Simon Hadler, ORF.at

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