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„Himmel, Arsch und Zwirn“

„Dorftrottel“, „Saukerl“ und „Himmel, Arsch und Zwirn“ gehören noch zu den milderen Flüchen, die das in Israel erschienene „Lexikon der Ben-Jehuda-Straße - ein Wörterbuch des gesprochenen Jeckisch in Israel“ enthält.

Im zweiten Kapitel des Bestsellers kommen deftigere Begriffe, die weit unter die Gürtellinie zielen. Dabei trägt dieser Teil erstaunlicherweise den Überbegriff „Leben gemäß den Regeln“. Auf den Seiten davor finden sich altbekannte Ratschläge wie „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ und „Wer A sagt, muss auch B sagen“.

Dass Fluchen zum Alltag gehört, ist nur eines der augenzwinkernden Bekenntnisse der Sammlung deutscher Sprichwörter sowie deutscher und hebräisch-deutscher Wörter, die es innerhalb von vier Wochen auf die Bestsellerlisten in Israel geschafft hat. Die vierte Auflage ist bereits gedruckt. Das überrascht selbst die Macher: rund 400 Autoren aus ganz Israel.

Aufruf im Internet

Begonnen hatte das Projekt vor drei Jahren. Die „Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft“ rief die Leser ihrer Website und des seit 1932 bestehenden „MB (Mitteilungsblatt) Jakinton“ zur Mithilfe auf: Wer sich noch deutscher Wörter und Redewendungen bediene oder sich an solche erinnere, solle sie doch an die Organisation schicken. „Die Reaktion war überwältigend“, sagt Deborah Haberfeld, Vorsitzende der Vereinigung mit Sitz in Tel Aviv.

Es stellte sich heraus, dass die Muttersprache der Jeckes - wie die Einwanderer deutschsprachiger Herkunft genannt werden - in Teilen in den Familien lebendig ist. Nicht nur das, der sprachliche Einfluss der als ordentlich und fleißig geltenden Leute reicht bis ins heute gesprochene Hebräisch: Kupplung, Stecker, Schalter, Kurzschluss, Erdung, Ventil, Zwischengas, Schlager, Schmalz, Schlafstunde, Kompott und Schnitzel sind nur einige Beispiele.

Die Geschichte der Jeckes

Die Wurzeln sind zwar deutsch - das Buch zeigt jedoch das kulturelle Erbe einer Bevölkerungsgruppe mit einer ganz eigenen sprachlichen und gesellschaftlichen Entwicklung auf. Die Jeckes, die vor allem als Verfolgte der Nazis in den 1930er Jahren nach Israel kamen, brachten die Werte ihrer Heimat mit, „aber sie mussten lernen, wie schwer es ist, sie auch zu erhalten“, erklärt Haberfeld.

So fiel die Integration in dem orientalisch geprägten Land schwer und dauerte. Der Alltag bedeutete Kampf gegen Hitze, Probleme mit der fremden Sprache, Trauer um den Verlust - und Trauer um das, was in der Heimat zerstört wurde. Andererseits nahmen die Jeckes auch vieles mit Humor, auch davon zeugt das 234-seitige Buch, dessen grafische Gestaltung gelungen ist. Auf jeder Seite sind Geschäftsanzeigen aus dem Mitteilungsblatt in vergangenen Jahren abgedruckt: optisch ansprechend, Ausdruck des Zeitgeistes und der wirtschaftlichen Umstände.

Ulrike Schleicher, dpa

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