Star-Architekt Oscar Niemeyer ist tot

Seiner politischen Überzeugung ist der Jahrhundert-Architekt Oscar Niemeyer stets treu geblieben. Der Brasilianer war Kommunist und Fürsprecher der Armen, von denen es in Brasilien - Aufschwung her, Aufschwung hin - noch sehr viele gibt. Der Mann, der Brasília am Reißbrett entwarf und das UN-Hauptgebäude in New York mitplante, war immer vielseitig und umtriebig. Er zeichnete und entwarf und erfand sich dabei auch in hohem Alter immer neu, etwa als Samba-Komponist. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten starb Niemeyer im Alter von 104 Jahren in Rio de Janeiro.

Als Architekt hatte Niemeyer Weltruf. Viele seiner spektakulärsten Bauten stehen in Brasilien. Bekannt sind vor allem die futuristischen Gebäude Brasílias. Er entwarf aber auch in Italien, Spanien, Frankreich, Israel und vielen anderen Ländern rund um die Erde. Der Mann, der die geschwungenen Kurven liebt und nach Worten des französischen Star-Architekten Le Corbusier die Berge Rios in den Augen hat, wurde am 15. Dezember 1907 als eines von sechs Kindern eines deutschstämmigen Kaufmanns in Rio geboren.

Nach dem Architektur-Studium begann durch die Zusammenarbeit mit seinen Vorbildern Lucio Costa und Le Corbusier der Aufstieg. Nachdem er 1943 mit dem Bildungs- und Gesundheitsministerium in Rio internationales Renommee erlangt hatte, war er 1947 prägend am Entwurf des UN-Gebäudes in New York am East River beteiligt. Dann folgte Ende der 50er-Jahre die Hauptstadt Brasília, die er gemeinsam mit Lucio Costa schuf. In Deutschland baute er ein Wohnhaus für das Hansaviertel in Berlin (1957). Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde Niemeyer in Brasilien verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt.

Die meisten seiner Werke sind vom großzügigen Umgang mit Räumen und Flächen geprägt. Stets kommt sich der Betrachter klein vor. Eine zentrale Botschaft Niemeyers lautet: „Den Menschen überraschen.“ Vor allem die Ärmeren sollten staunend vor den Werken stehen und so in Genuss von Architekturfreuden kommen. „Die Rolle des Architekten ist es, für eine bessere Welt zu kämpfen, in der wir eine Architektur entwickeln können, die allen dient und nicht nur einer Gruppe von Privilegierten“, sagte er der britischen Kunstzeitung „The Art Newspaper“.

In den letzten Jahren ging Niemeyer auch unter die Komponisten: „Tranquilo com a vida“ (In Frieden mit dem Leben) heißt sein Samba, der vom Leben in der Favela, einer Armensiedlung, handelt. Niemeyer schrieb Text und weite Teile der Musik. Das Stück entstand als er nach einer Gallenblasen-Operation in Rio das Krankenbett hüten musste. Aus Langeweile schrieb er das Stück, das er anschließend mit dem Musiker Edu Krieger vervollständigte. „Ich weiß nicht, wo ich die Zeit für so etwas finde, aber mein Samba ist nur Spielerei, nichts wichtiges“, erklärte Niemeyer damals.

Die Arbeit war für den 104-Jährigen immer Lebenselixier. Bis zuletzt war Niemeyer fast täglich in seinem Büro an Rios Copacabana anzutreffen: „In meinem Alter ist es besser, beschäftigt zu sein, und nicht soviel Zeit damit zu verbringen, über Nichtigkeiten nachzudenken“, sagte er.