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Alter Hafen wird zum Künstlerviertel

Baukräne haben in den letzten Jahren das Stadtbild von Marseille geprägt. Die zweitgrößte Stadt Frankreichs nahm den Auftrag zur Kulturhauptstadt 2013 äußerst ernst und investierte Hunderte Millionen in ein neues Stadtviertel. Ob die Metamorphose von der Kriminalitätshochburg zur schicken Mittelmeermetropole gelungen ist, können Besucher ab 12. Jänner selbst beurteilen.

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Der Wandel der „ville rebelle“ - der aufsässigen Stadt - ist am Alten Hafen schon auf den ersten Blick sichtbar. Direkt am Meer entstand rund um das neue „Musee des Civilisations de l’Europe et de la Mediterranee“ (MuCEM) ein völlig neues Künstlerviertel. Der 26.000 Quadratmeter große Würfel des Architekten Rudy Ricciotti schließt unmittelbar an den Turm des „Fort Saint Jean“ an und ragt ins Meer hinein. Nach seiner Fertigstellung im Frühjahr wird er Cafes, Konzertsäle und Veranstaltungsräume beinhalten.

Das MuCem - Musee des Civilisations de l'Europe et de la Mediterranee in Marseille

Agence Rudy Ricciotti

Das MuCEM soll noch im Frühjahr 2013 eröffnet werden

Das MuCEM ist gemeinsam mit der von der Architektin Catherine Bonte neu gestalteten Anlegestelle am neuen Hafen, das Herzstück der Kulturhauptstadt. Der gewaltige Hangar „J1“, der sich zum Meer hin öffnet, wird die neue Ab- und Anlegestelle für die Passagiere aus dem Mittelmeerraum. Im obersten Stockwerk wurde auf 8.000 Quadratmetern Platz für Kunst und Kultur geschaffen.

Millionen für ein neues Image

Das gesamte Gebiet zwischen dem alten Industriehafen und dem ehemals verruchten Gebiet um den Bahnhof wurde im Zuge des größten Stadtentwicklungsprojekts Westeuropas völlig umgekrempelt. Die Altstadthäuser wurden aufwändig saniert - und aus den billigen Unterkünften entstanden teure Eigentumswohnungen. Das lockte auf der einen Seite schicke Restaurants und teure Boutiquen an, auf der anderen Seite wurde die Armut weiter an den Stadtrand gedrängt, wo immer wieder Bandenkriege eskalieren.

Von Marseille bis Arles

Das Kulturprogramm reicht von Marseille bis zum mehr als 90 Kilometer entfernten Arles. Über 1,8 Millionen Menschen umfasst die Region Provence mit 80 Städten.

Mit Drogenkrieg und Rachefeldzügen will sich die Stadt in den nächsten Monaten nicht auseinandersetzen. Die Regierung unter Präsident Francois Hollande versprach Bürgermeister Jean-Claude Gaudin zusätzliche Polizeikräfte - der Norden der Stadt wird dann zur Hochsicherheitszone. Doch Themen wie etwa Jugendarbeitslosigkeit und verfehlte Migrationspolitik rücken für ein Jahr in den Hintergrund. Marseille will lieber mit spannenden Museums- und Theaterprojekten Schlagzeilen machen. Ein neues Image soll her - und das lassen sich Stadt und Region auch einiges kosten.

Innenaufnahme des "J1" in Marseille

Ludovic Alussi

Die Anlegehalle „J1“ als neuer Ankunftsort für Marseille-Besucher

660 Mio. Euro für Kulturneubauten

Für mehr als 660 Mio. Euro werden 60 Kultureinrichtungen in Marseille und 80 umliegenden Orten neu geschaffen. Für die Prestigebauten wurden namhafte Architekten wie Jean Nouvel, Frank Gehry, Kengo Kuma und Stefano Boeri engagiert. Über dem Alten Hafen wurden das ehemalige Gesundheitszentrum „Station Sanitaire“ saniert und 1.000 Quadratmeter neue Ausstellungsflächen geschaffen.

Dort entsteht mit dem „Musee Regards de Provence“ des Architekten Guy Daher auch der größte private Beitrag, der im Rahmen der Kulturhauptstadt errichtet wurde. Gezeigt werden sollen dort Werke ausgehend aus dem 18. Jahrhundert bis in die Neuzeit. Auch hinter dem Bahnhof - lange eine Gegend, die selbst Marseiller tunlichst mieden - hat sich einiges verändert. Eine leerstehende Zigarettenfabrik, die junge Künstler vor Jahren besetzt haben, wurde von der Stadt zu einem Medien- und Kreativzentrum umgestaltet, wie das Reisemagazin „Merian“ schreibt.

Computeranimation der "Villa Mediterranee" in Marseille

Boeri Studio

Villa Mediterranee

Die Lage der Stadt und ihre Geschichte als Tor nach Afrika zieht sich auch wie ein roter Faden durch das Programm. Dafür wurde mit der Villa Mediterranee auch ein eigener Ort geschaffen. Innerhalb eines Jahres wurde der von Stefano Boeri entwickelte Bau aus dem Boden gestampft. In dem Gebäude, das einem Sprungbrett gleicht, sollen Ausstellungen, Konzerte und Filmvorführungen stattfinden. Als spektakuläres Highlight gilt ein Saal unter Wasser.

Kulturprogramm in vier „Episoden“

Neben den architektonischen Highlights hat auch das Kulturprogramm einiges zu bieten. In vier „Episoden“ finden in der Region insgesamt 900 Events statt, die sich aus „interkulturellem Zusammenleben, der Beziehung zwischen Stadt und Land und urbaner Kultur“ zusammensetzen. Unter dem Motto „Die Welt willkommen heißen“ wird im ersten Teil die Tradition der Gastfreundlichkeit, der Weltoffenheit und der Beziehungen mit Anderen zelebriert. Eingeläutet wird das kulturelle Jahr am zweiten Jänner-Wochenende mit einer riesigen Klangwolke von Marseille bis nach Arles am Ufer der Rhone.

Computeranimation des "FRAC" in Marseille

KengoKUMA

Das FRAC (Fonds Regional d’Art Contemporain) von Kengo Kuma ist der Brückenschlag zwischen der Stadt und den neuen Kulturstädten am Alten Hafen

Während das Frühjahr ganz im Zeichen der darstellenden Kunst mit Straßenartisten und Festivals steht, wird im Juni und August auf Freiluftkultur gesetzt. Auf dem Programm stehen etwa ein Tanzfestival und das Lyrikfestival von Aix-en-Provence. Die Oper Marseille gibt Hector Berlioz’ „Die Trojaner“. Drei große Museeneröffnungen stehen mit dem MuCEM, dem Musee Borely sowie dem neuen Stadtmuseum auf dem Programm.

Als „Land der tausend Gesichter“ präsentiert sich die Region im Herbst, wenn die Episode der „Freundschaft, des Teilens und des Miteinanderlebens“ beginnt. Hier wird besonders auf die Vielfalt der Region gesetzt. Neben kulinarischen Projekten wie der „Cuisines en Friche“ am 11. und 15. September, warten auf die Besucher eine ganze Reihe von Ausstellungen. Für das Programm mitverantworlich zeichnet übrigens kein Unbekannter: Ulrich Fuchs begleitete bereits 2009 Linz durch das Kulturhauptstadtjahr.

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