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Schwindler narren Wissenschaftler

Als 1993 Steven Spielbergs „Jurassic Park“ in die Kinos kam, hat das nicht nur bei Filmfans, sondern auch bei Hobbypaläontologen Euphorie ausgelöst. Dinosaurier waren plötzlich in aller Munde, und jeder namhafte Sammler setzte alles daran, einen Knochen oder besser noch ein ganzes Skelett sein Eigen nennen zu können. Doch der Boom lockte auch immer mehr Schwindler an.

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Alles begann mit dem Tyrannosaurus rex namens „Sue“ - oder besser, mit dessen Knochen, über die die Bernsteinsammlerin Sue Hendrickson Anfang der 1990er Jahre im US-Bundesstaat South Dakota stolperte. Mit ihren Kollegen vom Black Hill Institute (BHI) grub sie ein riesiges und perfekt erhaltenes Skelett aus dem Gestein nahe dem Ort Faith. Doch die Geologen von BHI verfügten nicht über ein offizielles Schürfrecht, und nach einem Rechtsstreit wurde T. rex Sue dem Grundbesitzer Maurice Williams zugesprochen.

Der Tyrannosaurus Rex "Sue" als Computer-Rekonstruktion

Reuters

Eine Nachbildung des T. rex Sue

Doch statt den Fund einem Museum zu übergeben, witterte Williams das große Geld. Am 2. Oktober 1997 war „Sue“ das Prunkstück bei einer Auktion von Sotheby’s. Nur mit Hilfe von Disney und McDonalds gelang es dem Chicagoer Field Museum of Natural History, das Fossil für seine Sammlung zu erwerben - um sagenhafte 8,4 Mio. Dollar.

Noch nie erzielte ein Dinosaurierrelikt einen so hohen Preis, und unter den Amateurpaläontologen die bisher ihre Funde im kleinen Kreis, meist über eBay, verkauften, setzte ein wahrer „Goldrausch“ ein, wie Autorin Page Williams in ihrem Artikel für den „New Yorker“ schreibt. Zwar ist in den USA das Sammeln von Fossilien auf öffentlichem Grund ausschließlich Wissenschaftlern vorbehalten, doch alles, was auf Privatgrund gefunden wird, darf vom Besitzer ganz nach Belieben behalten, verkauft oder exportiert werden.

Als Fossilien zu Geld wurden

Rancher, die früher ihr Land gratis zur Verfügung stellten, versteigerten die Schürfrechte bald nur noch an den Meistbietenden. Ernsthafte Paläontologen hatten gegenüber Amateuren, die deutlich mehr Geld zur Verfügung hatten, bald das Nachsehen. Tatenlos müssen sie mitansehen, wie seltene Exemplare mit Presslufthämmern aus dem Boden geholt und dabei oft beschädigt werden. Kirk Johnson, Direktor des Smithsonian National Museum, sagte gegenüber dem „New Yorker“: „Der Tag, an dem ‚Sue‘ versteigert wurde, war der Tag, an dem Fossilien zu Geld wurden.“

Doch auch wenn die USA reich an prähistorischen Funden sind, die wirklich spektakulären Fossilien liegen in anderen Teilen der Welt. Eine wahre Goldgrube für „Dinosaurierjäger“ ist die mongolische Wüste Gobi. Aus bisher noch nicht geklärter Ursache lebten dort besonders viele Exemplare der Gattung Tarbosaurus bataar. Er ist ein entfernter Cousin des nordamerikanischen Tyrannosaurus und war vor 70 Mio. Jahren in Asien stark vertreten. Das rund sechs Tonnen schwere Reptil hatte kräftige Hinterbeine und ungewöhnlich kurze Vorderläufe. Die Kiefer des Fleischfressers waren mit 60 langen Zähnen ausgestattet.

Ein Tyrannosaurus Bataar

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Der T. bataar wurde für die Auktion in mühevoller Arbeit zusammengesetzt

Fossilien mit „Gedächtnisschwund“

Auch wenn die Ausfuhr von Fossilien aus der Mongolei offiziell verboten ist, finden doch immer wieder Dinosauriereschädel, -klauen oder -knochen den Weg auf den Schwarzmarkt, wo sie meist rasch in Privatsammlungen verschwinden. Für die Wissenschaft sind diese Funde damit meist für immer verloren. Aber auch wenn einzelne Stücke den Weg in Museen finden - ohne genaue Herkunftsbezeichnung geben sie mehr Rätsel auf, als sie lösen. „Ein Dinosaurier ohne Herkunft ist wie ein Wesen ohne Geschichte. Schlimmer noch, ein Wesen, das an Gedächtnisschwund leidet“, schreibt der bekannte amerikanische Paläontologe Jack Horner in seinem Buch „Dinosaur Lives“.

Umso größer war dann die Überraschung, als das Auktionshaus Heritage Auctions im Mai vergangenen Jahres plötzlich ein fast vollständiges Skelett eines Tarbosaurus bataar im Angebot hatte. Als Verkäufer trat der Hobbypaläontologe Eric Prokopi auf, der in jahrelanger mühevoller Arbeit das Skelett gesäubert, nachgebessert und zusammengebaut hatte. Als Fundort gab Prokopi Großbritannien an - ungewöhnlich für diese Spezies.

Neue Spezies mit Klebstoff „erfunden“

Den Zuschlag erhielt ein privater Bieter für eine Million Dollar, doch im letzten Moment wurde der Verkauf per Gerichtsbeschluss gestoppt. Mongolische Behörden bis hinauf zum Präsidenten hatten interveniert. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich dann heraus, dass die Knochen tatsächlich aus der Wüste Gobi stammen - und noch etwas fanden die Experten: das als fast vollständig angepriesene Skelett stammte nicht von einem Dinosaurier, sondern war gleich aus mehreren zusammengesetzt.

Überreste eines Tyrannosaurus Bataar

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Prokopis Arbeitstisch: nicht alle Knochen stammten vom selben Dinosaurier

Auch wenn der T. bataar einer der spektakulärsten Betrugsfälle der letzten Jahre ist, ist er bei weitem nicht der einzige, wie Brian Switek im britischen „Guardian“ schrieb. So tauchte 1996 in Brasilien eine neue, völlig unbekannte Dinosaurierart mit einem krokodilartigen Schädel auf. Bald stellte sich heraus, dass illegale Fossilienhändler zusätzliche Knochen angeklebt hatten, um den Schädel noch spektakulärer aussehen zu lassen. Der falsche Dinosaurier firmiert heute unter dem Namen „Irritator“.

Bis in das angesehene Magazin „National Geographic“ schaffte es der „Archaeoraptor“, ein katzenartiger Flugdinosaurier. Die Wissenschaft bejubelte bereits den Beweis für den ersten Vogel, doch rasch stellte sich heraus, dass das Fossil nicht nur illegal aus China herausgeschmuggelt, sondern auch aus zwei verschiedenen Fossilien zusammengesetzt worden war.

Dinosaurierskelett in Untersuchungshaft

Doch im Gegensatz zu den bisherigen Fälschungsfällen wird es im Fall des T. bataar wohl einen Schuldspruch geben. Prokopi wurde in den USA wegen der illegalen Einfuhr und fehlerhaften Deklaration von Dinosaurierknochen angeklagt. Im April beginnt sein Gerichtsprozess. Sollte er schuldig gesprochen werden, drohen dem 37-jährigen Familienvater bis zu 17 Jahre Haft. Der Dinosaurier durfte im Februar seine Heimreise in die Mongolei antreten. Zuvor hatten die US-Behörden im Namen der Mongolei einen Haftbefehl gegen das Skelett ausgestellt. Sein Fall geht als „United States of America vs. One Tyrannosaurus Bataar Skeleton“ in die US-Justizgeschichte ein.

Gabi Greiner, ORF.at

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