Philharmoniker stellen sich NS-Vergangenheit: „Längst fällig“

"Wir wissen, dass wir gemeinsam auf einem Weg sind“, erklärte Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, heute Abend im Rahmen der Präsentation der Ergebnisse der Arbeit der historischen Kommission und des Dokumentarfilms „Schatten der Vergangenheit – Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus“.

Die Texte zur Geschichte der Philharmoniker im Nationalsozialismus werden in Kürze online gehen, erklärte der Historiker Oliver Rathkolb. „Wir haben keinen einzigen Text vorher vorgelegt“, unterstrich er.

„Längst fälliger“ Blick von außen

Der Blick von außen sei „längst fällig“ gewesen, betonte Hellsberg. Während der Arbeit der unabhängigen Historikerkommission, bestehend aus Bernadette Mayrhofer, Fritz Trümpi und Oliver Rathkolb seien auch neue Quellen und Dokumente aufgetaucht, etwa Fakten zur zweiten Überreichung des Ehrenrings der Wiener Philharmoniker an den ehemaligen Reichsstatthalter in Wien Baldur von Schirach. 1942 erhielt dieser den Ehrenring der Wiener Philharmoniker.

Etwa im Jahr 1966 – nach Schirachs Entlassung aus der Haft – habe ihm ein Emissär der Wiener Philharmoniker ein Duplikat des Ringes überbracht. Eine „Einzelaktion“, wie der Vorstand der Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg in „Schatten der Vergangenheit“ betonte.

Der Historiker Wilhelm Bettelheim erzählt im Film, wer dieser mysteriöse Bote war: Helmut Wobisch, kein Unbekannter im NS-Kapitel der Geschichte der Wiener Philharmoniker. Wobisch beginnt bereits als illegaler Nationalsozialist als Spitzel zu arbeiten. Später wird er Mitglied der SS. Nach dem Krieg wird er nicht nur als zweiter Trompeter wieder eingestellt, sondern auch zum Geschäftsführer der Philharmoniker gewählt. „Das ist ein sehr plausibles Interview“, meinte Rathkolb.

„Kann man nicht rückgängig machen“

„Es ist immer ein Schmerz, wenn man weiß, dass man in der eigenen Familie Schlechtes getan hat. Da ist es natürlich extrem schwierig, Aufklärung voranzutreiben. Aber Fakten sind Fakten, Geschichte kann man nicht rückgängig machen. Daher ist es wichtig, dass man die Wahrheit weiß, auch wenn es Zeit braucht“, erklärte Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Er betonte zudem, dass die Aufarbeitung „nicht erst seit gestern“ laufe und dass es sich sicher nicht um den Schlusspunkt, aber um eine „wichtige Etappe“ handle.