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Pontifex vom „anderen Ende der Welt“

Der Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge Mario Bergoglio, ist der neue Papst. Der 76-jährige Jesuit zählte allgemein nicht zum engeren Favoritenkreis. Mit seiner Wahl wird erstmals in der Neuzeit ein Kardinal von außerhalb Europas Oberhaupt der katholischen Kirche.

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Bergoglio wählte als Papst-Namen Franziskus. Die Menschenmenge auf dem Petersplatz jubelte dem neuen Papst zu. Bergoglio wandte sich mit den Worten „Liebe Brüder und Schwestern, guten Abend!“, an die Zehntausenden Menschen auf dem Petersplatz. „Es scheint, dass meine Brüder, die Kardinäle, den neuen Bischof von Rom fast am Ende der Welt gesucht haben“, so der neue Papst vom Balkon des Petersdoms scherzhaft. Dann betete Bergoglio zunächst für den „emeritierten Bischof Benedikt“.

Bitte um Segen

Er hoffe, dass der Weg, der mit seiner Wahl begonnen habe, für die Evangelisierung fruchtbar werde. Franziskus bat, bevor er erstmals den Segen „Urbi et Orbi“ spendete, die Menschen auf dem Petersplatz um ein stilles Gebet und darum, den Segen für ihn zu erbitten. Er verabschiedete sich von den Menschen mit einem Dankeschön für den herzlichen Empfang und mit einem „Buona notte“ („Gute Nacht“). „Viva il Papa! Viva il Papa!“, schallte es Franziskus vom Petersplatz entgegen.

Papst Franziskus I. winkt vom Balkon aus

APA/EPA/Andrew Medichini

Der neue Papst winkt Gläubigen und Touristen zu

Franziskus ist der erste Papst, der nicht aus Europa kommt. Als „Vorgänger“ könnte lediglich der Syrer Gregor III. gewertet werden, der im 8. Jahrhundert zum Pontifex gewählt wurde. Nie zuvor war außerdem ein Mitglied des Jesuitenordens Papst. Bergoglio war beim letzten Konklave noch der stärkste Kontrahent Joseph Ratzingers, im Vorfeld des Konklaves galt der Erzbischof von Buenos Aires und Primas Argentiniens in den Augen einiger Reformer als geeigneter Mann. Er gilt als volksnah und bescheiden, verzichtet auf Prunk und benutzte in Buenos Aires Öffentliche Verkehrsmittel. Erste Kommentatoren verwiesen darauf, dass der von ihm gewählte Name in Anspielung auf Franz von Assisi auch Programm sein könnte.

Zu große Nähe zu Militärdiktatur?

Bergoglio wird eine zu große Nähe zur damaligen Militärdiktatur Argentiniens vorgeworfen. Er wurde beschuldigt, zwei Jesuiten nicht vor der Verfolgung durch die Junta geschützt zu haben. Er erklärte stets, er habe wenige Tage vor dem Staatsstreich 1976 die beiden Patres vor bevorstehender Gefahr gewarnt und ihnen angeboten, im Jesuitenhaus Schutz zu suchen. Die beiden Priester, die in Elendsvierteln in Buenos Aires predigten, sollen nach Bergoglios Aussagen dieses Angebot abgelehnt haben.

Zwei Monate später wurden die beiden von Militärs entführt und fünf Monate lang in der berüchtigten Marineschule ESMA in Haft gehalten. Danach beschuldigten sie Bergoglio.

Einführungsmesse am Dienstag

Die feierliche Amtseinführung mit Hochamt erfolgt nächsten Dienstag. An der Zeremonie am 19. März werden voraussichtlich zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus aller Welt teilnehmen.

Entscheidung im fünften Wahlgang

Mittwochabend war nach dem fünften Wahlgang weißer Rauch aus dem Rauchfang über der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen. In wenigen Minuten versammelten sich Massen von Pilgern auf der Via della Conciliazione, die zum Vatikan führt, sowie in den Gassen um den Petersplatz - mehr dazu in iptv.ORF.at.

In seiner Heimat Argentinien wurde die Wahl mit Jubel aufgenommen. Im argentinischen Kongress unterbrach der Vorsitzende der Abgeordnetenkammer, Julian Dominguez, die Sitzung. Er rief aus: „Es gibt einen Papst, und der ist Argentinier!“ Der vatikanische Pressesprecher Pater Federico Lombardi feierte die Wahl als „mutigen Beschluss“. „Diese Wahl bezeugt den Mut der Kardinäle, die Perspektive der Kirche zu erweitern. Bisher war noch nie ein Papst aus einem anderen Kontinent gewählt worden“, sagte Lombardi, der wie Bergoglio Jesuit ist.

Für den Bruder von Benedikt XVI. kommt die Wahl von Bergoglio zum neuen katholischen Kirchenoberhaupt überraschend. „Ich bin völlig überrascht“, sagte Georg Ratzinger am Mittwoch in Regensburg. Der 89-Jährige bekannte, dass er Bergoglio nicht „auf meiner Liste hatte“. Er habe mit seinem Bruder nie über ihn gesprochen. „Der Name ist nie gefallen.“

Menschenmenge auf dem Petersplatz

APA/EPA/Alessandro di Meo

Beim ersten Auftreten von Franziskus brandet Begeisterung auf

Experte: Verschiebung der Kräfte

Als sehr große Überraschung bezeichnete auch der deutsche Theologe und Soziologe Karl Gabriel die Wahl des neuen Papstes. Der Experte der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster sieht in der Ernennung des 76-jährigen Argentiniers einen offensichtlichen Beleg dafür, dass die Macht der Kurienkardinäle und der römischen Kräfte im Vatikan geschwächt sei. „Bergoglio ist bei Benedikts Wahl vor acht Jahren noch verhindert worden. Hier hat sich einiges verschoben“, sagte Gabriel am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa.

Weniger Prunk im Vatikan?

Der Forscher vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster geht bei einem Vertreter aus Lateinamerika davon aus, dass der Vatikan in Zukunft mit dem Thema Prunk ganz anders umgehen wird. Schon traditionell seien soziale Themen in der katholischen Kirche in Südamerika ganz fest verankert. „Ich erwarte von ihm eine Kurienreform“, sagte Gabriel.

Aus der ganzen Welt trafen im Laufe des Abends Glückwünsche von Staats- und Regierungschefs ein. Auch die heimische Regierungsspitze - Kanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP) - gratulierten und wünschten Franziskus „viel Kraft“. Mehrere österreichischen Bischöfe zeigten sich in einer ersten Reaktion erfreut. Auch Vertreter zahlreicher anderer christlicher Kirchen und anderer Religionen stellten sich als Gratulanten ein.

Dichtes Programm

Am Donnerstagvormittag wird Franziskus die Messe zelebrieren und dann die römische Basilika Santa Maria Maggiore besuchen, wo er nach der Papst-Wahl beten wird, verlautete es aus dem Vatikan.

Am Nachmittag ist ein Treffen mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle vorgesehen. Am Samstag wird der neue Papst Journalisten treffen. Am Sonntag wird er sein erstes Angelus-Gebet sprechen, bevor am Dienstag der feierliche Gottesdienst zur Amtseinführung statfindet. Auch mit seinem Vorgänger Benedikt XVI. plant Franziskus I. eine persönliche Begegnung, noch am Abend seiner Wahl hatte er seinen Vorgänger angerufen.

Nur 26 Stunden

Das Konklave zur Wahl eines Nachfolgers für Benedikt XVI. gehörte zu den kürzesten der Kirchengeschichte. Es dauerte etwas mehr als 26 Stunden, fünf Wahlgänge waren notwendig. Benedikt XVI. wurde im Jahre 2005 in vier Wahlgängen gewählt - mehr dazu in religion.ORF.at.

Auch auf Twitter ist die Sedisvakanz beendet: Bereits um 20.33 Uhr wurde der zwischenzeitlich deaktivierte Account „@Pontifex“ mit der Nachricht „Habemus Papam Franciscum“ wieder aktiviert.

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