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Der Kampf um Azawad

Im Norden Malis werden militärisch Fakten geschaffen. Der Kampf scheint so gut wie vorüber - mit Hilfe französischer Truppen hat die malische Armee den Norden des Landes zurückerobert. Ein Tuareg-Sprecher erklärt gegenüber ORF.at, warum das für den Westen kein Grund zur Freude sein sollte.

Die nach politischem Gutdünken und geopolitischer Schacherei der Kolonialstaaten gezogenen Grenzen vieler afrikanischer Staaten nehmen keine Rücksicht auf die Völker, die in der Region leben. Die nomadischen Tuareg sind dadurch auf Mali, den Niger, Libyen, Burkina Faso und Algerien aufgeteilt. Sie nennen ihren Lebensraum Azawad.

Moussa Ag Assarid (MNLA)

ORF.at/Roland Winkler

Moussa Ag Assarid: Dramatischer Appell an die internationale Gemeinschaft

In Mali haben die Tuareg bereits mehrfach den Aufstand geprobt, zuerst 1958 und 1990. Beide Male wurde der Aufstand blutig niedergeschlagen. Moussa Ag Assarid, Tuareg und ein Schriftsteller aus Mali, der in der Nähe von Paris lebt, sagt: „Die Kinder wurden gezwungen, zum Tod ihrer Eltern zu applaudieren.“ Nach 1990 schloss man Frieden, die Tuareg wurden an der Regierung beteiligt.

Armut, Drogenhandel, Islamismus

Für sein Volk habe sich danach aber wenig geändert. Die Lebenserwartung in Mali beträgt aufgrund der bitteren Armut und der Dürrekatastrophen 53 Jahre. Drogenhändler treiben im Norden ihr Unwesen. Und dann seien 2002 noch Islamisten von „Al-Kaida im Islamischen Maghreb“ (AQIM) in die Region eingedrungen, um sich niederzulassen und vor allem durch Geiselnahmen Geld zu machen. Gegen nichts davon habe die Regierung etwas unternommen, so Ag Assarid.

Einmal mehr entschloss man sich zum Aufstand. Die Nationale Befreiungsarmee des Azawad (MNLA) hat einen autonomen Staat im Norden Malis als Ziel, so viel gilt als gesichert. Über alles Weitere scheiden sich die Geister. Ag Assarid, er ist der Sprecher der MNLA, sagt, die Rebellenarmee setze sich aus Tuareg, Arabern und noch anderen Völkern zusammen, die im Norden leben. Die MNLA sei eine Volksarmee ohne ethnische Festlegung. Und mit den Islamisten habe man nie gemeinsame Sache gemacht.

Moussa Ag Assarid (MNLA)

ORF.at/Roland Winkler

Die MNLA weist eine Kooperation mit Islamisten von sich

Der Al-Kaida-Faktor im Konflikt

Internationale Medien sprachen lange Zeit von einer „Tuareg-Armee“, die sich anfänglich mit den ortsansässigen Islamisten der Gruppe Ansar Dine (die wiederum mit AQIM kooperiert) zusammengeschlossen habe. Erst nach internen Verwerfungen habe man sich getrennt. Alles malische Propaganda, sagt Ag Assarid. Fakt ist: Die MNLA nahm 2012 zunächst den Norden Malis samt den Städten praktisch kampflos von der malischen Armee ein.

Dann begann der Kampf zwischen Islamisten und MNLA - und die radikalen Muslime nahmen die wichtigsten Städte ein, darunter Timbuktu, wo sie die Scharia einführten. Die MNLA vertritt hingegen eine säkulare Linie. Für die internationale Staatengemeinschaft war der Konflikt nun ganz oben auf der Agenda: Der Norden Malis als Rückzugsgebiet für Al Kaida - das durfte nicht sein. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich rückte an, um der malischen Armee bei der Rückeroberung des Azawad zu helfen.

„Vielleicht ist er schon tot“

Aus der Sicht Ag Assarids liest sich das so: Die malische Regierung scherte sich nie um die Islamisten - sie wollte einfach den Norden zurückerobern und bei dieser Gelegenheit gleich auch mit der MNLA aufräumen. Ein Genozid finde statt, zahllose Menschen würden „verschwinden“. Ag Assarid sagt, gerade am Tag des Interviews mit ORF.at habe er erfahren, dass auch sein Onkel verschwunden sei: „Vielleicht ist er schon tot.“ Zwei weitere Mitglieder seiner Familie würden vermisst.

Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch bestätigen die Menschenrechtsverletzungen. Allerdings waren gegen die MNLA ebenfalls Vorwürfe aufgekommen: Kriegsgefangene seien erschossen worden, ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konvention. Auch hier sagt Ag Assarid: alles Regierungspropaganda. Frankreich jedenfalls flog Luftangriff auf Luftangriff, die malische Armee zog auf dem Boden nach. Die Städte wurden von den Islamisten befreit, und die MNLA musste sich ganz im Norden an die Grenze zurückziehen.

Moussa Ag Assarid (MNLA)

ORF.at/Roland Winkler

Ag Assarid spricht von „Propaganda“ in internationalen Medien

Frankreich spricht von Erfolg

Erst am Mittwoch präsentierte der französische Präsident Francois Hollande vor der internationalen Presse den Erfolg der Intervention. Die Islamisten gelten als geschlagen. Den Franzosen sei es aber in erster Linie um etwas ganz anderes gegangen, sagt Ag Assarid, und erhält dabei Schützenhilfe von Beobachtern der internationalen Politik wie dem Luzerner Afrikaexperten Al Imfeld. Der erklärte kürzlich gegenüber der Schweizer Nachrichtenagentur sda, es gehe Frankreich um Uranvorkommen, um geopolitische Interessen in der Region und um die Wüste als Testgebiet für Waffen.

Ag Assarid reist derzeit durch Europa (nach Wien kam er auf Einladung der Organisation Wiener Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit VIDC), um an die internationale Gemeinschaft zu appellieren: Auf Frankreich müsse Druck gemacht werden, die MNLA anstatt der malischen Regierung zu unterstützen. Nur sie garantiere den Schutz der Bevölkerung im Norden und nur sie stehe für westliche Werte wie Säkularität und Freiheit. Sobald der Azawad autonom sei, würde sich die MNLA zurückziehen und das Volk über die Regierungsform entscheiden lassen.

Ehemalige Kämpfer Gaddafis

In westlichen Medien wird mittlerweile differenzierter berichtet, Ag Assarids Mission trägt erste Früchte. Aber der MNLA schlägt weiterhin Skepsis entgegen - unter anderem auch, weil sie zu einem großen Teil aus Tuareg besteht, die zuerst unter dem ehemaligen Diktator Muammar al-Gaddafi in der libyschen Armee gekämpft hatten. Ag Assarid sagt, Tuareg-Flüchtlinge seien von Gaddafi eben jahrzehntelang aufgenommen, unterstützt und in die Armee integriert worden.

Als sich Gaddafis Armee jedoch gegen das libysche Volk wandte, seien die Tuareg desertiert und samt ihren zahlreichen Waffen in den Azawad zurückgekehrt - bereits Monate vor Gaddafis Tod. Dadurch sei die erneute Revolution im Norden Malis erst möglich geworden. Zunächst habe die MNLA samt den Libyen-Heimkehrern mit der Regierung über einen Autonomiestatus verhandelt - allerdings erfolglos. Erst dann habe man den Aufstand geprobt.

Moussa Ag Assarid (MNLA)

ORF.at/Roland Winkler

Der Tuareg-Autor Ag Assarid präsentiert eines seiner Bücher

Der Tuareg und „Der kleine Prinz“

Ag Assarid ist besonders betroffen, dass ausgerechnet „sein“ Frankreich die malische Regierung unterstützt. Als Kind konnte er keine Schule besuchen. Während der Rallye Paris - Dakar wurde ihm im Alter von 14 Jahren von französischen Journalisten das Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery geschenkt. Da beschloss er, gegen alle Widerstände doch noch lesen und schreiben zu lernen. Er ging nach Frankreich, wo er später ein Studium absolvieren und Schriftsteller werden sollte.

Dem kleinen Prinzen habe er sich sofort verbunden gefühlt. Wie der Prinz habe auch er in der Wüste eine Beziehung zu einem Fuchs aufgebaut - obwohl der ständig seine Ziegen fressen hatte wollen. Ag Assarid sagt, er hofft, dass der Geist des Buches seine Familie doch noch retten wird. Wegen dieses Buches sei er schließlich Franzose geworden - und nun seien gerade die Franzosen für den, wie er sagt, Völkermord in seiner Heimat verantwortlich.

Appell an Österreich

Seine Heimat - das sei der Azawad, auch wenn er umständehalber in der Nähe von Paris leben müsse. Ag Assarids Augen leuchten, wenn er von der Schönheit der Wüste und der Oasen berichtet und wenn er von der Gastfreundschaft und der Offenheit der Tuareg erzählt. Die hätten ja auch den entführten Österreichern vor einigen Jahren geholfen. Nicht zuletzt deshalb habe Österreich die Pflicht, nicht die malisch-französische Intervention im Norden des Landes zu unterstützen, sondern die MNLA. Noch hat Ag Assarid die Hoffnung nicht aufgegeben.

Simon Hadler, ORF.at

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