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Über 80 Prozent bereits ohne Patent

Die Entdeckung von Viagra basiert auf einer vermeintlichen Fehlentwicklung, denn ursprünglich hätte das Medikament gegen Herzschmerzen helfen sollen. Stattdessen wurde es für Pfizer als Potenzmittel zur Goldquelle. Angesichts auslaufender Patente ist die Pharmaindustrie fieberhaft auf der Suche nach ähnlichen „Nebenwirkungen“ für alte Medikamente.

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Die Entwicklung und Zulassung eines neuen Medikaments ist eine langwierige Sache: Zehn bis 15 Jahre können vergehen, bis eine Arznei auf den Markt kommt - die Kosten können in dieser Zeit in Milliardenhöhe steigen, wie der britische „Guardian“ in seiner Onlineausgabe berichtet.

Drei bis fünf Jahre schneller auf dem Markt

Dieser aufwendige Prozess lässt Pharmaproduzenten einfallsreich werden. Denn bereits bestehende Medikamente für neue Zwecke einzusetzen erspart nicht nur eine Menge Zeit, sondern natürlich auch Geld. Laut Clive Morris vom Pharmakonzern AstraZeneca kann man dadurch die frühen Stadien der Entwicklung streichen und sofort in Phase zwei übergehen, was drei bis fünf Jahre sparen kann. AstraZeneca etwa testet derzeit ein Medikament, das ursprünglich gegen Diabetes und Adipositas hätte eingesetzt werden sollen, als Mittel gegen Grünen Star.

Erfolgreiche Nebenwirkungen

Aspirin wurde von Bayer als Entzündungs- und Schmerzmittel entwickelt, wird nun jedoch häufig zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schaganfällen eingesetzt.

Ibuprofen wird nicht nur bei Entzündungen verschrieben, sondern hat laut aktuellen Studien auch positive Auswirkungen auf Parkinsonpatienten.

Rogaine wirkt nicht nur gegen Bluthochdruck, sondern auch gegen Haarausfall.

Kein Profit aus Kassenschlagern

„Es wird keine Kassenschlager mehr geben, das ist ein großes Problem für die Industrie“, so Farid Khan, ein ehemaliger GlaxoSmithKline-Manager, der derzeit sein eigenes Pharmaunternehmen lanciert. Bereits auf dem Markt befindliche Medikamente seien für den Patienten sicher, da sie bereits getestet sind. Sollten diese Arzneien auch gegen andere Krankheiten wirksam sein, würde das die Kosten für Entwicklungen „drastisch reduzieren“. Von derzeit etwa 30.000 Medikamenten sei bei 25.000 das Patent ausgelaufen, so Khan. „Das ist eine gesetzesfreie Zone.“

Khan glaubt, möglicherweise über ein präventives Alzheimer-Medikament „gestolpert“ zu sein, das eigentlich ein Parkinsonmittel ist. Würde „PK-048“ tatsächlich Alzheimer vorbeugen können, wäre das ein medizinischer Durchbruch, denn bisherige Medikamente versprechen lediglich eine Linderung der Symptome, keine Heilung.

„Recycling“-Anteil bereits bei 30 Prozent

Zwischen 2007 und 2009 waren bereits 30 Prozent aller neu verkauften Medikamente entweder bereits davor bestehende oder adaptierte Versionen davon, schätzt Aris Persidis, Präsident und Mitgründer der Firma Biovista, die sich auf die Repositionierung von Arzneimitteln konzentriert. „Üblicherweise geschieht das per Zufall oder in eingeschränkter Weise.“ Neue Technologien ermöglichten jedoch die systematische Evaluierung der Wirkungen jedes Medikaments auf praktisch jede Krankheit.

Bei Biovista wird derzeit laut „Guardian“ daran gearbeitet, alternative Einsatzmöglichkeiten für zwölf Medikamente zu finden. Die Forscher hoffen auf Wirkungen bei Parkinson, Alzheimer, Epilepsie, Depressionen und Schlafstörungen.

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