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85 Prozent eines Geräts recycelbar

Natürliche Rohstoffe sind begrenzt und werden weltweit knapper. Deshalb gewinnt eine Methode zur Erschließung von Ressourcen zunehmend an Bedeutung, die nichts mit klassischem Bergbau und Minenarbeit zu tun hat: die Wiederaufbereitung von Altgeräten.

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Damit die Geräte recycelt werden können, müssen sie aber zunächst gesammelt werden. Österreich liegt bei den Rücklaufmengen von ausrangierten Elektrogeräten EU-weit im Spitzenfeld. Laut Zahlen der Elektroaltgeräte Koordinierungsstelle Austria, die in Österreich für die Sammlung und weitere Distribution alter Elektrogeräte zuständig ist, wurden zwischen 2005 und 2012 mehr als 150.000 Tonnen an Elektrogeräten in Verkehr gebracht. Knapp 70.000 Tonnen an ausrangierten Geräten wurden im selben Zeitraum eingesammelt, was einer Sammelquote von 43 Prozent entspricht.

Sammelquoten in Österreich:

Bei Kühl- und Gefriergeräten liegt die Sammelquote bei knapp 60, bei Computerbildschirmen sogar bei mehr als 80 Prozent. Weniger gut sieht es etwa bei Großgeräten wie Waschmaschinen oder Wäschetrocknern aus, von denen nur 26 Prozent gesammelt werden.

Trotz der auch weltweit stetig steigenden Rücklaufmengen landen jährlich nach wie vor Tonnen an europäischem Elektroschrott illegal auf Müllhalden in Afrika. Wie eine aktuelle Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO aufzeigt, besteht der weltweit am schnellsten wachsende Müllberg aus Elektroaltgeräten. Laut Schätzungen der ILO vergrößert sich dieser jährlich um etwa vier Prozent, was mehr als 40.000 Tonnen an zusätzlichem Elektromüll pro Jahr bedeutet.

„Apokalyptische“ Müllhalde in Ghana

In Accra, der Hauptstadt Ghanas, hat sich in den letzten Jahren eine riesige Müllhalde aus alten Elektrogeräten angehäuft, die inzwischen unüberschaubare Ausmaße angenommen hat. Laut der auf Entwicklungspolitik spezialisierten Nichtregierungsorganisation Südwind verbrennen etwa 7.000 Kinder und Jugendliche auf der Mülldeponie in Accra jeden Tag diverse Altgeräte, um an die Kupferkabel zu kommen, die darin verarbeitet sind. Die durchschnittliche Tagesausbeute von einem halben Kilo Kupfer bringt ihnen demnach umgerechnet etwa einen Euro ein.

Junge mit Computer auf einer Elektroschrotthalde

Südwind

Ein Jugendlicher auf der Elektroschrott-Deponie in Accra sucht in einem alten Computer nach verwertbaren Teilen

Selbst dieser Hungerlohn hat für die Jugendlichen aus den umliegenden Slums aber noch einen hohen Preis. Denn beim Verbrennen der Elektrogeräte entstehen durch die diversen enthaltenen Metalle und Kunststoffe giftige Dämpfe, die dramatische Folgen für die Gesundheit der jungen Menschen haben. Die meisten von ihnen erkranken im Laufe der Zeit an Haut- oder Lungenleiden, die sie früher oder später in der Regel das Leben kosten - mehr dazu in help.ORF.at.

Wie kommt der E-Müll nach Afrika?

Doch wie kommt es eigentlich, dass trotz der steigenden Rücklaufquoten der Elektroaltgeräte auch die Müllberge in Ghana immer größer werden? Ines Zanella von Südwind, die die E-Müllhalde in Accra erst im vergangenen Herbst besucht hat, erklärt es im Gespräch mit ORF.at so: „Österreich ist beim Sammeln von Altelektrogeräten tatsächlich ein Musterschüler. Nicht unbeträchtliche Mengen an Elektroschrott verlassen das Land allerdings auf illegalem Weg.“

In Österreich gibt es zahlreiche zertifizierte Entsorger für Elektroaltgeräte. Laut Zanella werden diese auch gut kontrolliert, wodurch sich transparent nachvollziehen lasse, wohin die alten Elektrogeräte auf offiziellem Weg gelangten. „Es gibt aber auch einen großen Graubereich etwa von Entrümplern und anderen Firmen, die Geräte aufkaufen oder einfach irgendwo mitnehmen. Ein Teil dieser Geräte landet dann vermutlich auch in Afrika“, so Zanella.

Neukauf oft günstiger als Reparatur

Die Müllberge an Elektroschrott wachsen auch durch den Umstand, dass Geräte nicht selten schon nach wenigen Jahren kaputt werden und der Kauf eines neuen Geräts oft günstiger erscheint als die Reparatur des alten. In diesem Zusammenhang taucht häufig der Begriff „geplante Obsoleszenz“ in Medienberichten auf. Er bezeichnet die Praxis, dass schon während des Herstellungsprozesses bewusst Schwachstellen in Produkte eingebaut werden, um deren Lebensdauer zu verkürzen und so den Kauf neuer Produkte anzukurbeln - mehr dazu in help.ORF.at.

Wie Altgeräterecycling funktioniert

Um die illegale Ausfuhr von Elektromüll zunehmend zu verhindern, ist aber vor allem ein Faktor entscheidend: In Europa braucht es dafür eine ausreichende Zahl an Unternehmen, die mittels entsprechender Infrastruktur im Stande sind, die Altgeräte wiederaufzubereiten und zu recyclen. Denn nur wenn es in Europa ausreichend Abnehmer für die alten Geräte gibt, wird die illegale Ausfuhr über kriminelle Kanäle unattraktiver. „Damit kann man den informellen Händlern im Graubereich am ehesten das Wasser abgraben“, sagt Zanella. „Und alles, was hier bei uns wiederaufbereitet wird, wird nicht in Afrika landen.“

Wie Recycling von Elektroaltgeräten - direkt in den Ländern, in denen sie auch verwendet und ausgemustert wurden - funktionieren kann, lässt sich etwa in Österreichs größter Aufbereitungsanlage in Amstetten nachvollziehen. Diese gehört zur österreichischen Müller-Guttenbrunn-Gruppe, einem Recyclingunternehmen mit Fokus auf Altautos, Elektronikschrott, Mischmetalle und Plastik. Eine ähnliche Anlage betreibt auch die Firma Saubermacher in Unterpremstätten bei Graz. In den Recyclinganlagen in Amstetten und im benachbarten Kematen an der Ybbs werden jährlich rund 30.000 Tonnen an alten Elektrogeräten recycelt.

Vom alten Kühlschrank zum neuen Staubsauger

Laut Chris Slijkhuis, der bei Müller-Guttenbrunn für E-Waste-Recycling zuständig ist, können in modernen Aufbereitungsanlagen bis zu 85 Prozent eines Elektroaltgeräts recycelt werden. Der Prozess erfolgt in mehreren Stufen, wobei die einzelnen Wertstoffe in jedem Schritt feiner voneinander getrennt werden.

Im ersten Schritt müssen die Schadstoffe - sowohl maschinell als auch händisch - aus den Geräten entfernt werden. Danach werden sie in einem Schredder zerkleinert. Im weiteren Prozess werden die Materialien unter Einsatz verschiedener Technologien immer weiter selektiert, bis letztlich die enthaltenen wertvollen Stoffe wie Aluminium, Kupfer, Zink und verschiedene Schaum- und Kunststoffe - sorgfältig voneinander getrennt - übrig bleiben.

Recyclingbetrieb Müller-Guttenbrunn in Amstetten

ORF.at/Christian Öser

Die neu eröffnete Schredderanlage in Amstetten

Im letzten Schritt werden diese Wertstoffe an die entsprechenden Produktionsstätten geliefert, wo sie zur Produktion neuer Produkte verwendet werden: Aluminium, Kupfer und andere Metalle gehen an die jeweiligen Schmelzwerke, Kunststoffe an diverse Hersteller, die ihre Produkte aus recyceltem Plastik herstellen. So wird aus Altmetall neu verwertbares Metall und aus altem Plastik ein neuer Staubsauger, Kleiderbügel oder eine neue Kaffeemaschine.

„Bei offiziellen Sammelstellen abgeben“

Voraussetzung für die nachhaltige Verwertbarkeit alter Geräte ist aber naturgemäß, dass diese auch bei den entsprechenden Stellen ankommen - und nicht als europäischer Wohlstandsmüll in Entwicklungsländern landen. Informelle Sammlungen von Geräten an der Haustüre bergen hierfür stets ein Risiko, wie Elisabeth Giehser, Geschäftsführerin der Elektroaltgeräte Koordinierungsstelle, gegenüber ORF.at sagt: „Wenn jemand mit einem weißen Lieferwagen anläutet und fragt, ob man Altgeräte zu entsorgen hat, sollte man in jedem Fall skeptisch werden.“

Die in Altgeräten enthaltenen Wertstoffe brächten nämlich auch am Schwarzmarkt durchaus hohe Erlöse. Unternehmen, die Geräte zurückgeben, hätten ebenfalls eine Sorgfaltspflicht, sich über offizielle Sammelstellen zu informieren, so Giehser. „Will man als Bürger sicher sein, dass seine alten Elektrogeräte korrekt und umweltschonend recycelt werden, ist es jedenfalls wichtig, sie entweder beim Händler oder bei den kommunalen Sammelstellen abzugeben.“

Martin Tschiderer, ORF.at

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