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Politik muss Wähler immer neu gewinnen

Der Stammwähler wird zunehmend zum Auslaufmodell. Das zeigen die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse einer IMAS-Umfrage. Demnach machen nur 36 Prozent ihr Kreuzerl immer bei derselben Partei. Dieser Anteil wird aber wohl noch weiter schwinden: Denn „treue“ Wähler sind fast nur unter den älteren Semestern zu finden.

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Das Gefälle zwischen den Altersgruppen ist auffallend: 52 Prozent der Über-50-Jährigen halten standhaft zu der Partei, für die sie sich einmal entschieden haben. Bei den Unter-30-Jährigen beträgt dieser Anteil nur noch 16 Prozent. Das wird nicht ohne Folgen für die heimische innenpolitische Landschaft bleiben: Jene Parteien, die bisher auf gewichtige Stammwähleranteile zählen konnten, müssen sich in absehbarer Zeit etwas Neues überlegen.

22 Prozent ohne jegliche Parteibindung

22 Prozent der Befragten haben grundsätzlich keine Bindung zu einer Partei und entscheiden jedes Mal neu, wem sie ihre Stimme geben. 19 Prozent stufen sich selbst als gelegentliche Wechsler ein. 23 Prozent machten zu ihrem Wahlverhalten keine Angaben. Der klassische Wechselwähler ist laut der Umfrage jung und urban, der Stammwähler ist älter und eher im ländlichen Raum zu Hause. Frauen sind etwas „treuer“ als Männer.

Grafik zeigt Anteil der Stammwähler bzw. Wechselwähler

APA/Martin Hirsch; ORF.at

Die Hälfte der Wähler ohne Bindung an eine bestimmte Partei zieht bei der Stimmvergabe auch bewusst ins Kalkül, über welche Ebene (EU, Bund, Land oder Gemeinde) gerade abgestimmt wird. Das schlägt sich direkt im Wahlverhalten nieder: Die meisten Wechsler gibt es bei Bundes- (13 Prozent), die wenigsten bei Landeswahlen (sechs Prozent).

Für die Umfrage wurden mit 1.000 repräsentativ für die Bevölkerung über 16 Jahre ausgewählten Personen persönliche Interviews geführt.

Kommen „Briefwahlpartys“?

Die Meinungsforscher erwarten, dass das Briefwahlrecht das Verhalten langfristig prägen wird. Die Entscheidung werde dann an unterschiedlichen Orten, im Beisein und unter dem Einfluss von anderen Personen und deutlich vor dem eigentlichen Wahltag getroffen. Es werde wohl nicht mehr lange dauern, bis die Parteien mit „Briefwahlpartys“ ihre Stammwähler zur Stimmabgabe mobilisieren, erwartet IMAS.

Von der seit 2007 möglichen Briefwahl haben erst 16 Prozent der Befragten Gebrauch gemacht, 84 Prozent noch nicht. Für 32 Prozent kommt diese Variante grundsätzlich nicht infrage, 13 Prozent haben Bedenken hinsichtlich der Wahrung ihrer Anonymität. Sechs Prozent erachten diese Möglichkeit als undemokratisch, weil man seine Meinung nicht kurzfristig am Wahltag noch einmal ändern kann. Der Nimbus eines feierlichen Aktes haftet dem Urnengang nur mehr für 15 Prozent der Bevölkerung an.

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