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„Erschöpfter“ Aufdecker bei „Freunden“

Nach mehr als fünf Wochen des Wartens in der Transitzone des Moskauer Flughafens Scheremetjewo hat der Whistleblower Edward Snowden Asyl in Russland erhalten und sich zunächst an einem unbekannten Ort niedergelassen. Das soll laut seinem Anwalt Anatoli Kutscherena auch so bleiben. Abgesehen davon muss er sich jedoch nun mit allzu alltäglichen Angelegenheiten beschäftigen.

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Nach der Zuerkennung des Asylstatus hatte der Ex-Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA und Enthüller umfassender US-Überwachungsprogramme am Donnerstag den Flughafen Scheremetjewo verlassen. Untergekommen ist er vorläufig bei „amerikanischen Freunden“ in Moskau, wie Kutscherena sagte. Näheres dazu solle jedoch geheim bleiben, da Snowden glaube, dass „Leute vom amerikanischen Geheimdienst hinter ihm her sind“.

In Moskau „viele Freunde gewonnen“

Snowden habe seine interimistischen Quartiergeber online kennengelernt, so der Anwalt. „Er hat hier viele Freunde gewonnen“, sagte er dem Sender CNN. Für Snowden sei es „großartig“, dass es in Moskau Amerikaner gebe, „die sich seiner Situation bewusst sind und mit ihm in Kontakt gekommen“ seien, fügte der Anwalt hinzu. Nach Angaben der Enthüllungsplattform WikiLeaks wird Snowden weiter von deren Mitarbeiterin Sarah Harrison begleitet. Sie ist wahrscheinlich schon bei ihm, seit er am 23. Juni von Hongkong nach Moskau flog.

Snowden und sein Anwalt beim Verelassen des Flughafens

AP/Russia24 via Associated Press Television

Snowden beim Verlassen des Flughafens (Bildmitte, mit dem Rücken zur Kamera)

Über WikiLeaks kommentierte Snowden die Zuerkennung von Asyl auch mit den Worten: „Am Ende hat das Recht gesiegt.“ Sein Flüchtlingsausweis ist vorerst bis 31. Juli 2014 befristet. Laut seinem Anwalt will er vorerst in Russland bleiben. Er habe schon in seiner Zeit im Transitbereich begonnen, Russisch zu lernen. Ein erstes Jobangebot gibt es ebenfalls bereits, wenn auch ein fragwürdiges - von Pawel Durow, dem Gründer des russischen Facebook-Pendants VKontakte.

Kein Interesse an Treffen mit russischen Mädchen

Gegenüber Medien ließ der exzentrische Durow PR-wirksam wissen, er wolle Snowden zum Datenschutzbeauftragten von VKontakte machen. Er könne als Entwickler im St. Petersburger Büro der russischen Firma mitarbeiten, bot Durow laut einem CNN-Bericht an. „Ich glaube, Edward wäre daran interessiert, am Schutz persönlicher Daten von Millionen von Nutzern zu arbeiten.“ Laut Anwalt Kutscherena ist Snowden vorerst jedoch noch zu „erschöpft“, um an neue Jobmöglichkeiten zu denken.

Ebenfalls kein Interesse hat der 30-Jährige an neuen Damenbekanntschaften, wie der Anwalt gegenüber der russischen Medienplattform RT sagte: „Als ich ihm von den Leuten, die ihn erreichen wollten, inklusive Mädchen, etwa russische Mädchen, sagte er mir: ‚Anatoli, ich vermisse meine Freundin noch immer.‘“ Schon gibt es in den Medien auch Spekulationen, seine US-amerikanische Freundin Lindsay Mills werde zu ihm nach Moskau kommen.

Moskau suhlt sich in Eigen-PR

Möglicherweise kann Snowden auch in den kommenden Wochen seinen Vater treffen. Er warte darauf, dass er ein Visum für Moskau bekomme, sagte Lon Snowden gegenüber dem russischen Staatsfernsehen. Er sei glücklich über Russlands Entscheidung, seinem Sohn Asyl zu gewähren, und wolle Präsident Wladimir Putin dafür persönlich danken, sagte Snowdens Vater. Ohnehin nützt die russische Regierung die Causa nun mehr denn je für PR in eigener Sache.

Der Außenpolitikbeauftragte der russischen Duma, Alexej Puschkow, erklärte etwa am Freitag über das Kurznachrichtenportal Twitter, die USA seien an den Entwicklungen der letzten Wochen selbst schuld: „Indem sie die Fluchtwege verschlossen haben, ließen die USA Moskau keine Wahl.“ Es ist wohl auch kein Zufall, dass Snowdens Anwalt Kutscherena auch ein prominenter Parteigänger Putins ist. Die USA suchen Snowden wegen Geheimnisverrats und fordern seine Auslieferung.

Für USA „keine positive Entwicklung“

Die USA zeigten sich angesichts der Asylgewährung „sehr enttäuscht“, dass „die russische Regierung diesen Schritt trotz unserer offenen wie auch vertraulichen Anfragen vollzogen hat“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney. Ob es trotzdem ein Treffen zwischen US-Präsident Barack Obama und Putin beim G-20-Gipfel in St. Petersburg geben wird, müsse noch überdacht werden. Er stellte aber klar: „Das ist keine positive Entwicklung.“

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